Glaube und Wissenschaft: Erzbischof Ravasi für ideologiefreien Dialog

Kritische Würdigung von Charles Darwin

| 1274 klicks

ROM, 29. Januar 2009 (ZENIT.org).- 150 Jahre nach der Veröffentlichung von Darwins Hauptwerk „Die Entstehung der Arten" nutzt der Vatikan das Jubiläumsjahr 2009, um die Evolutionstheorie neu zu diskutieren. Eine für März 2009 geplante Expertentagung solle helfen, Vorurteile und Arroganz auf beiden Seiten abzubauen, erklärte der Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur, Erzbischof Gianfranco Ravasi, gegenüber ZENIT.

Anders als manche Stimmen behaupten, ist das Werk von Charles Darwin vom Vatikan nie verurteilt noch sein Studium unterbunden worden. Auch aus diesem Grund hat der Päpstliche Rat die Schirmherrschaft über die Interdisziplinäre Fachtagung übernommen, bei der 36 Wissenschaftler aus Europa und den USA referieren werden.

Die Veranstaltung trägt den Titel „Biological Evolution: Facts and Theories. A Critical Appraisal 150 Years after 'The Origin of the Species'" (Biologische Evolution: Fakten und Theorien. Eine kritische Würdigung 150 Jahre nach der „Entstehung der Arten"). Organisiert wird das Treffen von der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und der katholischen University of Notre Dame in South Bend (USA). Die Tagung vom 3. bis 7. März 2009 ist Teil des 2003 ins Leben gerufenen Projekts „STOQ" für den interdisziplinären Austausch zwischen Naturwissenschaft, Theologie und Philosophie

Der Päpstliche Rat für die Kultur habe die Schirmherrschaft über diesen Kongress aus zwei wichtigen Gründen übernommen, erklärte Ravasi gegenüber ZENIT. „Einer bezieht sich auf die Funktionen, die der Rat selbst ausübt: Kultur zu vermitteln, und dies in ihrer derzeitigen Gestalt. Mit Kultur ist nicht nur der künstlerische, intellektuelle, humanistische Bereich gemeint, sondern sie berücksichtigt viele Disziplinen, die heute in der sozialen menschlichen Erfahrung Rückhalt und Echo finden, als Selbstaussage der Kultur sozusagen.“

Man sei sich bewusst, „dass Kultur heute etwas Übergreifendes meint und damit die grundlegenden Erfahrungen von Menschen in ihre Betrachtung einschließt. So wird sie zur Interpretation der Wirklichkeit. Die Wissenschaft steht sicherlich an der Spitze der zeitgenössischen Kultur Sie erfordert daher eine Konfrontation, eine Aufmerksamkeit seitens derer, die gerade an der Kultur maßnehmen wollen.“

Gerade auf wissenschaftlicher Ebene sei es in letzter Zeit oft zu gewissen Provokationen gekommen, fuhr der Kurienerzbischof fort. „Damit entwickelte sich die Auseinandersetzung zwischen Glauben und Wissenschaft zu einer der heftigsten und empfindlichsten Konfrontationen.“ Ravasi unterstrich, es sei wichtig, einen offenen, wirksamen und ideologiefreien Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie aufzubauen. Es gehe um „zwei Sichtweisen auf dieselbe Wirklichkeit". Bisweilen habe jedoch in der Vergangenheit die Absicht der Glaubensverteidigung die Haltung gegenüber naturwissenschaftlichen Thesen bestimmt, räumte er ein. Diesbezüglich verlangte der Erzbischof einen „Akt der Demut" im Blick auf die Grenzen des eigenen Fachs. Naturwissenschaftler ihrerseits dürften den Glauben nicht als „intellektuelle Altsteinzeit" ansehen. Naturwissenschaft und Religion stünden nicht in Gegensatz zueinander, sondern müssten einander ergänzen.

Aus Sicht des kirchlichen Lehramts sei die Evolutionstheorie grundsätzlich mit der Bibel und der kirchlichen Lehre vereinbar. Sowohl Papst Pius XII. mit seiner Enzyklika „Humani generis“ (1950) wie auch Johannes Paul II. mit seiner Rede vor der vatikanischen Akademie der Wissenschaften 1996 hätten die Stichhaltigkeit von Darwins Theorie ausdrücklich anerkannt. Johannes Paul II. (1978-2005) hätte den wachsenden Konsens der Wissenschaftler hervorgehoben, aber zugleich weltanschauliche Deutungen mit materialistischer Stoßrichtung zurückgewiesen.

„Aus diesem Grund ist es wichtig, wieder ein Treffen abzuhalten, das sich inmitten dieser Pole abspielt“, erklärte Ravasi. „Das heißt, die Wissenschaftler müssen beginnen, über sich hinauszuschauen, um den Horizont von Philosophie und Theologie wahrzunehmen. Dafür müssen sie natürlich Überzeugungen hinter sich lassen, die eine philosophische und theologische Weltauffassung als archäologischen Brocken aus einer weit entfernten geistigen paläontologischen Vorzeit ansehen, die dem Geist der Wissenschaft widersprechen“, fuhr er fort.

„Auf der anderen Seite müssen Theologen und Philosophen lernen, sich dem wissenschaftlichen Bereich zuzuwenden, ohne dauernd zu befürchten, dass sich hier Menschen permanent mit den Bau neuer Monster beschäftigen, mit allem Vergangenen brechen und die alten Parameter der Menschheit hinter sich lassen - oder zumindest die der Anthropologie.“

Der zweite wichtige Grund für die Durchführung des Kongresses lasse sich in einem Wort zusammenfassen, „dass viel missbraucht worden ist und sehr schwierig umzusetzen ist: der Dialog“. Nach „endgültigen" Lösungen für alle „Qaestiones disputatae“ zu suchen, so dass jeder Bereich mit einem absoluten Anspruch aufwarte, sei genauso prekär wie die „extravagante“ Lösung, sich auf einen vagen Kompromiss zu einigen, so Erzbischof Ravasi.

Angesichts der methodischen Risiken einer solchen Kontroverse und dem Aufblühen fundamentalistischer Theorien wie des so genannten „Kreationismus" in den USA sei er davon überzeugt, dass es auf dem angepeilten Niveau wissenschaftlicher Auseinandersetzung zur Möglichkeit „einer ernsthaften und qualifizierten Konfrontation“ kommen werde.

Da jede Realität „notwendigerweise aus zwei unterschiedlichen Perspektiven“ wahrgenommen werden könne, gehe es nun darum, zwei Lesarten der Wirklichkeit „aus unterschiedlichen Perspektiven“ miteinander zu vereinen.

Von Marco Cardinali; Übersetzung von Angela Reddemann