Glaube, Wissen und Neuevangelisierung: Haben Katholiken Minderwertigkeitskomplexe?

Francesco Moraglia, Patriarch von Venedig (Italien), bei 9. Generalkongregation der Bischofssynode

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ROM, 15. Oktober 2012 (ZENIT.org). – Über die Beziehung zwischen Glaube und Wissen, vernunftfreundliche Katechesen zur Neuevangelisierung und das Schweigen der Durchschnittskatholiken sprach Francesco Moraglia, Patriarch von Venedig (Italien), bei der 9. Generalkongregation der Bischofssynode am 13. Oktober.

[Wir dokumentieren die Zusammenfassung seines freien Wortbeitrags in einer Arbeitsübersetzung des Heiligen Stuhls:]
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Der Beitrag betrifft die Nummern 153-157 des Instrumentum laboris: den Punkt „Glaube und Wissen”.


Auf der Linie des ständigen Lehramtes der Kirche und, in jüngster Zeit, Johannes Pauls II. (Fides et ratio) und Benedikts XVI. (Lectio magistralis, Regensburg, am 12. September 2006), hoffe ich, dass die Neuevangelisierung der Katechese mehr Platz einräumt, unter besonderer Berücksichtigung der Komplementarität von Glaube und Vernunft. Wir sind dankbar für den Einsatz derer, die sich mit Kompetenz und Einfühlungsvermögen der Seelsorge in den hohen Sphären der Kultur annehmen, wobei sie den Dialog mit den Intellektuellen und den christlichen Wissenschaftlern und mit all denen begünstigen, die ehrlich auf der Suche sind. Auch auf der Ebene der normalen Katechese ist es erforderlich, in Richtung eines von der Mehrheit geteilten Bewusstseins hinsichtlich der kulturellen Dimension des Glaubens zu gehen, damit die Gläubigen nicht ein psychologisches Abhängigkeitsgefühl verspüren und den Eindruck haben, der Geschichte hinterherzuhinken. Es kommt nicht selten vor, dass der Katholik eine Art von Minderwertigkeitskomplex der Moderne und Postmoderne gegenüber empfindet, wegen eines persönlichen, nie gelösten Konfliktes zwischen dem Glauben und der Vernunft.

Das Schweigen des Durchschnittskatholiken, wenn er Gründe für seine Hoffnung angeben soll, ist sehr viel mehr als sprechend. Zusätzlich zu einer Verstärkung der Erstverkündigung, der Bibellektüre und der Lectio divina (in Übereinstimmung mit Dei verbum und dem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Verbum Domini) halte ich es im Hinblick auf die Neuevangelisierung für erforderlich, die strukturelle Verbindung zwischen Vernunft und Glaube zu festigen. Es geht darum, der Kultur Einlass in die Seelsorge des Alltags zu verschaffen; das antwortet heute der Geschichte gegenüber auf eine christliche „diakonia”, angesichts einer Kultur, die unter Rückgriff auf die Ergebnisse der Wissenschaft und Technik immer elaborierter wird und ein instrumentelles und funktionales Denken hervorbringt. Unter diesen Umständen verliert in Italien eine große Mehrheit der Jugendlichen nach Abschluss der Initiation ins Christentum ihre Bindung an die Kirche, an den Glauben, an Gott.

Die Gründe dafür sind vielfältiger Natur, ich bin allerdings der Ansicht, dass in nicht wenigen Fällen der Glaube nicht von einer vernunftfreundlichen Katechese unterstützt wird, die dazu fähig ist, ein echtes anthropologisches Angebot zu machen und in der Lage ist, die Plausibilität der Entscheidung für den christlichen Glauben zu legitimieren. Es ist erforderlich, dass der Katechismus der Katholischen Kirche neu lanciert wird, wobei dessen Inhalten mehr Platz eingeräumt werden muss, damit sich der Glaube nicht darauf reduziert, ein „hausgemachter” Glaube zu werden.

Oft ist in unserer Katechese die fides quae äußerst spärlich vertreten; die Methodik ist wichtig, aber nicht auf Kosten der Inhalte oder der Erfahrung, die in den Rang eines theologischen Ortes erhoben wird. Wenn mit Gott oder ohne Gott alles anders ist, dann ist es unsere Pflicht, die Katechese wieder auf Gott auszurichten und darauf, was die christliche Offenbarung über ihn sagt, ohne dabei zu vergessen, dass der Gott Jesu Christi - wie es uns Benedikt XVI. In Erinnerung ruft - zugleich Agape und Logos ist.