Glaubensschwach?

Impuls zum 2. Fastensonntag

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 2. März 2012 (ZENIT.org). - Am 2. Fastensonntag wird im Evangelium des hl. Markus beschrieben, wie Jesus mit dreien seiner Jünger auf einen Berg steigt – der Überlieferung nach war es der Berg Tabor –, wo er „vor ihren Augen… verwandelt wurde“ (Mk 9,2). Zu seiner Rechten und zu seiner Linken erscheinen außerdem zwei Propheten, Mose und Elija, die Jahrhunderte vor ihm gelebt haben. Die drei reden miteinander. Die drei Apostel Petrus, Jakobus und Johannes fallen vor Schreck zu Boden, Petrus sagt das berühmte Wort von den drei Hütten, die er gerne bauen würde, eine für Jesus, eine für Mose und eine für Elija. Der Evangelist fügt hinzu: „Er wusste aber nicht, was er sagte“. Damit soll angedeutet sein, dass die drei Männer angesichts des übernatürlichen Geschehens ihrer Sinne nicht ganz mächtig sind. Was die anderen drei Männer, Jesus und die beiden Propheten miteinander besprechen, wird nicht berichtet. Höchstwahrscheinlich sprechen sie über das Wichtigste, über das, was Gott und die Menschen interessiert: die Erlösung des Menschengeschlechts. Nach der klassischen Deutung steht Mose für das Gesetz und Elija für das Prophetentum, Jesus aber für die Erfüllung beider.

Für Petrus, Jakobus und Johannes muss dieses Erlebnis sehr aufwühlend gewesen sein, kennen sie doch bisher Jesus nur als den bescheidenen Wanderprediger, der zwar beim Volk sehr beliebt ist, aber gleichzeitig bei den Führern des Volkes umstritten. Nun aber sehen sie ihn, wie er wirklich ist, strahlend und machtvoll. Die größten Persönlichkeiten des Alten Bundes behandeln ihn mit Respekt. Außerdem erschallt eine Stimme, die ruft: „Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören!“

Als kurz darauf alles wieder vorbei ist, und die vier wieder vom Berg herabsteigen, werden die Apostel innerlich sehr damit beschäftigt gewesen sein, das Erlebte richtig einzuordnen und zu verarbeiten. Was war der Sinn dieses Geschehens? Dass Jesus übernatürliche Kräfte hatte, war den Jüngern nicht verborgen geblieben. Er heilte viele, teils unheilbare Kranke, er erweckte sogar einige Tote und trieb Dämonen aus. Gewiss konnte das alles auch eine natürliche Erklärung haben. Die Heilung der Kranken konnte psychisch verursacht sein, der Tote konnte scheintot sein, und was die Leute als Dämonen bezeichneten, konnten ja irgendwelche psychische Störungen sein. Seien wir ehrlich: auch wir, die wir ohnehin nicht dabei waren, können immer wieder, wenn wir wollen, die Wunder Jesu weginterpretieren (und es wird sich immer ein Exeget finden, der uns den Gefallen tut). Ganz sicher aber erweist sich in diesen „Randunschärfen“ der Wunder die ganze Barmherzigkeit Gottes, der den Menschen nicht festnageln will, und der dem Unglauben immer noch ein Schlupfloch lässt. Er will ja, dass wir glauben, weil wir wollen, nicht weil wir müssen.

Allerdings erinnern sich die Jünger vielleicht, während sie den Berg hinunterstiegen, an jenes Erlebnis mit dem fürchterlichen Sturm auf dem See Genesareth, der ihr Schifflein fast zum Kentern gebracht hätte. Jesus, der geschlafen hatte, erhob sich und gebot dem Sturm: „Schweig, sei still!“ und sofort war das Unwetter vorbei. So etwas ist einem „normalen Sterblichen“ niemals möglich. Dass die entfesselten Naturkräfte einem Menschen aufs Wort gehorchen, kommt nicht vor. Bezeichnenderweise sind bei diesem eklatanten Wunder außer den Jüngern keine Zeugen zugegen.

Was aber sollten sie zu dem neuerlichen Sichtbarwerden der Macht und Herrlichkeit Jesu sagen? Warum zeigte er das nicht allen Menschen? Wäre dann die Verkündigung des Reiches Gottes nicht viel leichter gewesen? Eine Frage, die sich die Christen immer wieder stellten und stellen.

Für uns aber gilt außerdem: nachdem das Erlösungswerk Jesu Christi vollendet war, hat der Herr das Wunder sozusagen institutionalisiert. In den Sakramenten geschehen täglich auf der ganze Erde gewaltige Zeichen. Bei der Firmung erhält der Mensch „die Gabe Gottes, den Hl. Geist“, bei der Taufe wird aus einem Geschöpf Gottes ein Kind Gottes. Und mehr noch: bei der Hl. Messe wird aus Brot und Wein der Leib und das Blut Jesu Christi. Diese Wandlung ist beinahe noch überwältigender als die Verwandlung Jesu auf dem Tabor. Damals war Jesus ja schon vorher zugegen, nur dass er seine Herrlichkeit, wie gewohnt, verborgen hatte. Bei der Wandlung in der Hl. Messe werden aber harmlose Gegenstände des täglichen Nahrungsbedarfs in die Person Jesu umgewandelt.

Unser Problem ist: alle diese objektiv realen Wunderdinge sind für unsere Sinne nicht wahrnehmbar. Und es ist verständlich, dass wir wieder fragen: wäre die Verkündigung nicht viel leichter, wenn man wenigstens etwas von diesen Herrlichkeiten Jesu des Herrn wahrnehmen könnte? Ein plötzlicher Glanz bei der hl. Wandlung, ein verklärtes Lächeln des eben getauften Kindes, leuchtende Augen beim gefirmten Jüngling?

Nichts davon.

Der Herr will unseren Glauben. Die Zeitgenossen Jesu, die den Herrn sahen, hatten es nicht leichter als wir. Auch sie mussten glauben. Petrus, Jakobus und Johannes sollten später beim Anblick der Todesangst Jesu im Ölgarten in der Erinnerung an seine Verklärung in ihrem Glauben gestärkt werden, den sie vielleicht sonst verloren hätten.

Wenn wir einmal schwach sind im Glauben, soll uns das nicht anfechten. Der Herr weiß das ja. Und auch uns gibt er die notwendigen Hilfen, damit wir im Glauben nicht wanken. Die größte Hilfe ist dabei, das was der himmlische Vater den Jüngern zuruft: „Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören!“ (Mk 9,9)

Als Christus durch seine Auferstehung sein Erlösungswerk vollendet hatte, ließ er nämlich durch Maria Magdalena seinen Jüngern ausrichten: „Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott“ (Joh. 20,17). Hier gilt das gleiche wie bei dem Jesuswort: „Siehe da, dein Sohn. Siehe da, deine Mutter“ (Joh 19,27). Alle Menschen sind gemeint. Wir alle sind Brüder und Schwestern Jesu Christi, der himmlische Vater ist unser Vater. Und – so tröstlich – die Mutter Gottes ist unsere Mutter.

Wenn wir das wirklich im Glauben tun, nämlich auf den „geliebten Sohn“ hören mit allem, was das mit sich bringt, dann muss das Leben gelingen.

Das größte Wunder aber erwartet uns danach: wir selbst werden verwandelt.

Und dann können wir Gott schauen.  

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.