Gleiches Recht für alle, auch für Gläubige

Impuls zum 25. Sonntag im Jahreskreis

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 14. September 2012 (ZENIT.org). - Markus berichtet uns im heutigen Evangelium, wie Jesus mit seinen Jüngern durch Galiläa zieht. Unterwegs gibt er ihnen eine wichtige Erläuterung zu dem, was in Kürze passieren wird: „Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert, und sie werden ihn töten. Doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen.“ Und dann heißt es: „Aber sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen“ (Mk 9,31 ff).

Oft verstehen auch wir die Worte Jesu nicht, oder nicht richtig. Für die Jünger war der Gedanke, dass man Jesus umbringen würde, natürlich unerträglich. Darüber hinaus aber hatten sie keine Vorstellung davon, was er meinte mit „auferstehen nach drei Tagen“.

Immer wieder sehen wir, dass der Herr viel Glauben von den Menschen verlangt. So etwas Unerhörtes wie die Auferstehung zu glauben, fiel den Jüngern äußerst schwer. Daher baten sie den Herrn wiederholt: „Adauge nobis fidem!“ – Herr, vermehre unseren Glauben!

Beruhigend für uns: wenn es den unmittelbaren Freunden Jesu so ging, dann ist es nichts Besonderes, wenn es uns auch so geht, wenn auch wir uns schwer tun, das eine oder andere an der Botschaft Jesu zu glauben. Schlimm ist das, wie gesagt, gar nicht. Schlimm wird es erst, wenn wir hergehen und die Inhalte des Glaubens unserem Verständnis anzupassen versuchen. Wie Papst Benedikt XVI. wiederholt gesagt hat, widerspricht die Botschaft des Glaubens keinesfalls der Vernunft. Aber sie übersteigt die Vernunft. Der heutige Mensch meint allen Ernstes, er könne die Offenbarung Gottes vor den Richterstuhl seines (notwendigerweise begrenzten) Verstands ziehen. So ist das nicht gemeint. Auf der anderen Seite darf der Hinweis auf die göttliche Offenbarung auch nicht als Totschlag-Argument benutzt werden. Was da die richtige Haltung ist, muss man im Einzelfall betrachten.

Ein solcher Einzelfall ist die zur Zeit in aller Welt geführte Diskussion um die freie Meinungsäußerung. Ob die Proteste der Muslime von Gewalt begleitet sein müssen, ist hier nicht die Frage. Das Problem liegt beim westlichen Denken, für das seit der Aufklärung (die nun mal eben nicht die unfehlbare Wahrheit in sich trägt) die Meinungsfreiheit so etwas wie eine heilige Kuh darstellt. Man darf über alles kontrovers reden, aber auf keinen Fall über die freie Meinungsäußerung.

Das Thema Freiheit, das mit Recht allen Menschen sehr am Herzen liegt, kann im Grunde nur befriedigend und umfassend gesehen werden, wenn man sie als ein Geschenk von Gott, dem Schöpfer des Menschen, ansieht. Denn Gott will die Freiheit des Menschen und ist nur interessiert an frei sich entscheidenden Gläubigen. Er will unsere Liebe, und Liebe gibt es nicht ohne Freiheit.

Gott will aber nicht nur die Freiheit des Menschen, er hat sie ihm als ein hohes Gut anvertraut.  Und anvertraut heißt, dass man sie nicht absolut setzen darf. Das ist doch in allen anderen Bereichen des menschlichen Lebens auch so. Meine Gesundheit darf ich ebenfalls nicht so absolut setzen, dass zu ihrer Erhaltung jedes Mittel, auch eine illegale Organtransplantation gerechtfertigt ist. Ich muss warten, bis ich an der Reihe bin, und sicher sein kann, dass der Spender wirklich tot ist. In der Tat, meine persönliche Freiheit endet dort, wo die Freiheit des anderen anfängt.

Es ist einfach unlogisch, wenn im Bereich der Meinungsfreiheit, die natürlich ein hohes Gut darstellt, absolut alles erlaubt sein soll.

Ist es ja auch nicht, denn jeder Journalist wird einer möglichen Beleidigungsklage tunlichst aus dem Wege gehen. Aber wenn man schon nicht daran glaubt, dass man Gott den Allmächtigen beleidigen kann, sollte es doch gelten dürfen, dass man die religiösen Überzeugungen und Gefühle der Gläubigen nicht beleidigen darf. Muslime und Christen ziehen hier am gleichen Strang, wenngleich viele Christen sich von dem Totschlagargument „nur keine Rücksicht auf Gott“ bzw. auf die, die an ihn glauben, an die Wand drücken lassen.

Wäre es denn – vereinfacht gesagt – nicht denkbar, dass man das Recht auf freie Meinungsäußerung genauso limitiert wie man andere Rechte begrenzt?

Etwa so: Ihr habt alle, nicht nur die Journalisten, Recht auf freie Meinungsäußerung, es sei denn dass Rechte der Gläubigen aller Religionen (übrigens auch der christlichen) berührt werden. Und diese Rechte kann man genau definieren.

Und ist es so schwer nachzuvollziehen, dass jemand es nicht gerne hat, wenn man sein Liebstes, das er hat, verunglimpft und lächerlich macht? Ob das nun seine Frau oder sein Kind ist oder der Herr Jesus Christus, oder bei den Muslimen der Prophet oder Entsprechendes bei anderen Religionen.

Das kann eigentlich – vom normalen Anstand abgesehen – nur der nicht begreifen, der sich sicher ist, dass Gott nicht existiert.

Aber wer kann denn sicher sein, dass Gott nicht existiert? Das erfordert schon einen starken Glauben.

Anscheinend ist es auch heute noch so, dass „der Menschensohn den Menschen ausgeliefert wird“. Man kann ihn nicht töten, aber mit Hilfe der unbegrenzten „Meinungs“freiheit kann man ihn kränken und lächerlich machen. Es gibt Menschen, die brauchen so etwas. Sie wissen, dass sie Gott eben doch treffen können. An den unendlich großen Gott können sie zunächst nicht heran, aber der menschgewordene Gott ist erreichbar. Er hat ein menschliches Herz.

Der gescheite Aufklärer Voltaire war sehr für Toleranz, allerdings nicht gegenüber der christlichen Religion. Sein Rat war „Ecrasez l´infame!“ – Zertretet die Verbrecherin! (gemeint war die Kirche).

Auf dem Totenbett sagte er: „Gott, wenn es dich gibt, rette meine Seele, wenn ich eine habe!“

War das noch geistreich oder einfach nur Verzweiflung?

Bitten wir den Heiligen Geist um Erleuchtung – für alle.

Denn auch da gilt: gleiches Recht für alle.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“. Im katholischen Fernsehsender EWTN ist er montags um 17.30 Uhr mit der wöchentlichen Sendereihe „Schöpfung und Erlösung”, die beiden großen Werke Gottes und die Mitwirkung des Menschen, zu sehen.