Gleichnisse dienen der Bekehrung der Herzen

Ansprache von Papst Benedikt XVI. vor dem Angelus zum Gleichnis vom Sämann

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CASTEL GANDOLFO, Montag, 11. Juli 2011 (ZENIT.org). – Zu denen, die sich bereits für ihn entschieden hätten, rede Jesus offen; zu denen, deren Herzen er noch öffnen wolle, rede er in Gleichnissen. So erklärte Papst Benedikt XVI. beim gestrigen Angelusgebet in Castel Gandolfo das Gleichnis vom Sämann aus dem Sonntagsevangelium.

Ebenfalls wies er auf das heutige Fest des heiligen Benedikt von Nursia, des Patrons seines Pontifikats hin: „Wir müssen von diesem großen Vater des abendländischen Mönchtums immer wieder lernen, Gott den Platz zu geben, der ihm zusteht, den ersten Platz, indem wir ihm durch das Gebet am Morgen und am Abend unsere täglichen Tätigkeiten darbringen“.

Zum „Sonntag der Meere“ versicherte der heilige Vater allen Opfern der Meerespiraterie seine Nähe.

Die deutsch-und französischsprachigen Pilger ermutigte er, in der Ferienzeit die Schöpfung mit neuem Bewusstsein wahrzunehmen.

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Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich danke euch, dass ihr zum Zeitpunkt des Angelus hier nach Castel Gandolfo gekommen seid, wo ich vor wenigen Tagen angekommen bin. Gern ergreife ich die Gelegenheit, um auch einen herzlichen Gruß an alle Bewohner dieses schönen Städtchens zu richten, verbunden mit dem Wunsch um eine gute Sommerzeit. Insbesondere grüße ich unseren Bischof von Albano.

Im Evangelium des heutigen Sonntags (Mt 13,1-23) richtet sich Jesus mit dem berühmten Gleichnis vom Sämann an die Menschenmenge. Es ist eine gewissermaßen „autobiographische“ Seite, weil es die Erfahrung von Jesus selbst, von seiner Predigttätigkeit reflektiert: Er identifiziert sich mit dem Sämann, der den guten Samen des Wortes Gottes aussät und die verschiedenen Wirkungen wahrnimmt, die er erzielt, je nach der Art der Aufnahme der Verkündigung. Da gibt es denjenigen, der das Wort oberflächlich hört, es aber nicht aufnimmt; da ist derjenige, der es für den Augenblick aufnimmt, aber keine Ausdauer hat und alles verliert; da ist derjenige, der von den Sorgen und Verlockungen der Welt überwältigt wird; und es gibt denjenigen, der empfangsbereit zuhört wie der gute Boden: Hier trägt das Wort Frucht in Überfülle.

Aber dieses Evangelium besteht auch auf der „Methode” der Predigttätigkeit Jesu, das heißt genauer, auf der Verwendung von Gleichnissen. „Warum sprichst du zu ihnen in Gleichnissen?“ – fragen die Jünger (Mt 13,10). Und Jesus antwortet, indem er eine Unterscheidung zwischen ihnen und der Menschenmenge vornimmt: Zu den Jüngern, das heißt zu denen, die sich schon für ihn entschieden haben, redet er offen über das Reich Gottes, während er es den anderen in Form von Gleichnissen ankündigen muss, um genau diese Entscheidung, die Bekehrung des Herzens anzuregen. Die Gleichnisse bedürfen aufgrund ihrer Natur in der Tat der Mühe der Interpretation; sie fragen den Verstand an, aber auch die Freiheit. Der heilige Johannes Chrysostomos erklärt: „Jesus hat diese Worte mit der Absicht verkündigt, seine Zuhörer an sich zu ziehen und um sie anzuspornen, in dem er versichert, dass er sie heilen wird, wenn sie sich an ihn wenden“ (Kommentar zum Matthäusevangelium, 45,1-2). Das wahre „Gleichnis“ Gottes ist zutiefst Jesus selbst, seine Person, die im Zeichen der Menschheit die Göttlichkeit verbirgt und zugleich offenbart. Auf diese Weise zwingt Gott uns nicht, an ihn zu glauben, sondern er zieht uns durch die Wahrheit und durch die Güte seines fleischgewordenen Wortes an sich: Die Liebe respektiert in der Tat immer die Freiheit.

Liebe Freunde, morgen feiern wir das Fest des heiligen Benedikt, Abt und Patron Europas. Im Licht dieses Evangeliums schauen wir auf ihn als einen Meister des Hörens des Wortes Gottes, eines tiefen und beharrlichen Hörens. Wir müssen von diesem großen Vater des abendländischen Mönchtums immer wieder lernen, Gott den Platz zu geben, der ihm zusteht, den ersten Platz, indem wir ihm durch das Gebet am Morgen und am Abend unsere täglichen Tätigkeiten darbringen. Die Jungfrau Maria möge uns helfen, nach seinem Vorbild „guter Boden“ zu sein, auf dem der Same des Wortes viel Frucht bringen kann.

Nach dem Angelus richtete sich der Papst an die italienischsprachigen Pilger:

Liebe Brüder und Schwestern, heute jährt sich der sogenannte „Tag des Meeres“, das heißt der Tag für das Apostolat im maritimen Bereich. Ich richte ein besonderes Gedenken an die Kapläne und die Freiwilligen, die sich für die Seelsorge der Seeleute, der Fischer und ihrer Familien aufopfern. Ich versichere mein Gebet auch den Seeleuten, die durch Akte der Piraterie entführt wurden. Ich hoffe, dass sie mit Respekt und Menschlichkeit behandelt werden, und ich bete für ihre Angehörigen, dass sie im Glauben stark sind und nicht die Hoffnung verlieren, sich bald mit ihren Lieben zu vereinigen.

An die französischsprachigen Pilger gerichtet sagte er:

In dieser Zeit der Ferien lade ich euch ein, liebe französischsprachige Pilger und besonders die Chorknaben der Basilika Notre-Dame von Lausanne, eure Kräfte wiederzugewinnen, indem ihr die Wunder der Schöpfung bewundert. Liebe Eltern, leitet eure Kinder dazu an, die Natur zu beobachten, sie zu respektieren und zu schützen als ein herrliches Geschenk, das uns die Größe des Schöpfers ahnen lässt. Wenn er in Gleichnissen sprach, hat Jesus die Sprache der Natur benutzt, um seinen Jüngern die Geheimnisse des Reiches zu erklären. Mögen die Bilder, die er verwendet, uns vertraut werden! Denken wir daran, dass die göttliche Wirklichkeit auf unserem alltäglichen Weg verborgen ist wie das in die Erde gesenkte Korn. An uns ist es, es Frucht tragen zu lassen! Euch allen einen guten Sonntag!

Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Papst mit folgenden Worten:

Ein herzliches „Grüß Gott" sage ich allen deutschsprachigen Pilgern und Besuchern hier in Castel Gandolfo. Die Urlaubszeit, in der in diesen Wochen viele Menschen Erholung suchen, ist auch eine Einladung, Gottes Schöpfung bewusster wahrzunehmen. Dazu hören wir heute in der zweiten Lesung ein Wort des heiligen Paulus: „Die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes" (Röm 8,19). Die Erlösung, die uns in Jesus Christus geschenkt ist, bedeutet Verantwortung gegenüber unseren Mitmenschen und allem, was Gott geschaffen hat. Er will, daß wir frei werden von zerstörerischer Habgier und falschen Bindungen, dass wir als neue Menschen, als seine Söhne und Töchter leben und so der Welt seinen Frieden bringen. Der Herr geleite euch auf euren Wegen!

[Aus dem Italienischen übersetzt von Dr. Edith Olk © Copyright 2011 - Libreria Editrice Vaticana]