Globales Dorf: Christen und Muslime sind zum Dialog gezwungen

Kardinal Jean-Louis Tauran über die Zukunft des interreligiösen Miteinanders

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ROM, 26 Juni 2009 (ZENIT.org).- „Wir alle sind zum Dialog verpflichtet“, erklärte Kardinal Jean-Louis Tauran, Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog. Seine Worte richteten sich nicht nur an die Christen, sondern auch an die Muslimen.

Der Islam mache vielen Angst, so der Kurienkardinal. „Für viele reduziert er sich auf Fanatismus, der den Heiligen Krieg (Dschihad), den Terrorismus, Polygamie und Proselytismus propagiert." Aber dennoch entwickelten sich die katholisch-muslimischen Beziehungen recht gut, da der Islam nicht aus einem einzigen Block bestehe, erklärte Tauran bei einer Tagung der Internationalen Stiftung Oasis im französischen Venise.

Man solle vor dem Islam keine Angst haben, weil man ja nicht auf ein religiöses System treffe, „sondern auf Frauen und Männer, die gemeinsam mit uns das gleiche Schicksal als Mitmenschen und Weltbürger“ teilten. Schon aus diesem Grund sei man im globalen Dorf von heute zum Dialog gezwungen.

Im Hinblick auf die Unterschiede von Christentum und Islam verwies Kardinal Tauran auf „das Verständnis der Überlieferung der Heiligen Schrift, das Konzept der Offenbarung, die Gestalt Jesu, die Dreifaltigkeit, der Gebrauch der Vernunft, das Gebet". Darüber hinaus verwies er auf die vielen Gemeinsamkeiten: „Die Einzigartigkeit von Gott selbst, die Heiligkeit des Lebens, die Notwendigkeit der Übermittlung der moralischen Werte an die neuen Generationen, der Religionsunterricht im Bildungswesen". Und er fügte hinzu: „Auf dieser Grundlage lädt der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog die Kirchen vor Ort ein, den Dialog einzuüben."

Der Kurienkardinal hob hervor, dass der Dialog mit dem Islam „gut strukuriert“ vorangehe, und verwies diesbezüglich auf das Thema „Religion und Zivilgesellschaft“, das im Mittelpunkt einer historischen Begegnung gestanden hatte, die vom 18. bis zum 20. Mai auf gemeinsame Initiative des Jordanisch-Königlichen Instituts für Interreligiöse Studien („Royal Institute for Inter-Faith Studies“, RIIFS) und des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog in der jordanischen Hauptstadt Amman stattgefunden hatte.

„In unseren Beziehungen war ein Klima des Vertrauens zu spüren. Bei unseren Gesprächspartnern bestand der Wunsch, ein positiveres Bild des Islam  zu vermitteln, und wir alle waren uns einig, dass die Religionen die tragenden Säulen für den Frieden in der Welt und im Dienst des Gemeinwohls sind.“

Kardinal Tauran bekräftigte aber auch, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ausgebaut werden müssten, und er räumte ein, dass es schwerwiegende Probleme hinsichtlich der Achtung der ethnischen, kulturellen und religiösen Vielfalt und der bürgerlichen Gleichberechtigung gebe. Zur Gewährleistung der grundlegenden Menschenrechte gehöre auch die Zulassung einer sonntäglichen Eucharisitefeier in einem vorwiegend muslimische geprägten Land, bekräftigte Kardinal Tauran. Dieses Recht sei rund zwei Millionen Christen in Saudi-Arabien verwehrt.

„Im Volk gibt es oft noch Misstrauen und Feindseligkeit“, fuhr der Kurienkardinal fort. „Aber es gibt Chancen für eine neue Zukunft: Die Zukunft kommt durch die Zusammenarbeit... Sie entwickelt sich in Familie, Schule, Kirche, in der Moschee. Ich setze vor allem auf die Schulen, denn dort wird wirklich die Zukunft gebaut."

Von Marine Soreau. Aus dem Französischen übersetzt von Angela Reddemann