GLOBALISIERUNG - Bedrohung oder Chance ? Ist sie mit der christlichen Lehre vereinbar?

Interview mit Dr. phil. Jesús Vilagrasa

| 204 klicks

ROM, Ende April 2001(


HREF="http://www.zenit.org/">ZENIT.org).- Das Mitte April stattgefundene amerikanische Gipfeltreffen in Quebec wird in die Geschichte
eingehen wegen der Proteste, die Soziologen die erste große
Protestbewegung des 21. Jahrhunderts nennen. Das gemeinsame Feindbild der
verschiedensten Ideologien heißt Globalisierung Sie betrifft auch in
direkter Weise die katholische Kirche. Auch der Papst hat darüber
bereits seine Gedanken zu Papier gebracht. Am 9. April hielt er eine
interessante Ansprache zum Thema (Vgl. Zenit, 9. April 2001
). Um die Auswirkungen der Globalisierung besser verstehen zu können, hat ZENIT den
Priester und Philosophieprofessor eines römischen päpstlichen Athenäums,
Jesús Vilagrasa, der auch ein Buch zu diesem Thema mit
dem Titel veröffentlicht hat: Eine bessere Welt? Wie kann man im Global Village leben? (Logos
Press, Rom 2000). Das Buch fasst die auf der katholischen Soziallehre basierenden Ideen
des Papstes zusammen.

ZENIT: Ist die Globalisierung eine Gefahr, eine
Bedrohung oder eine Chance?

Jesús Vilagrasa: Sie ist eine Tatsache, ein
Phänomen, dem man sich nicht einfach widersetzen kann, das aber auch nicht
rückgängig zu machen ist. Sie ist nichts Schicksalhaftes, weil sie dem freien
Willen entspringt. Wie alles Menschliche ist auch sie mit Verheißungen
und Chancen behaftet, aber auch mit Gefahren. Der Papst nannte sie vor
einigen Monaten "ein großes Zeichen unserer Zeit". Die Kirche liest dieses
Zeichen mit Aufmerksamkeit und bietet durch ihre Soziallehre Gedanken,
Kriterien, Beurteilungen und Handlungsrichtlinien. In diesem Buch habe ich
die wichtigsten zusammengefasst. Die Globalisierung ist vor allem eine
moralische Herausforderung, weil viele wichtige Fragen der menschlichen
Zukunft dabei auf dem Spiel stehen: man muß die Chancen nutzen und die
Nachteile meiden.

ZENIT: Der Papst spricht von positiven und negativen
Aspekten, welches sind das ihrer Meinung nach?

Jesús Vilagrasa: Da es sich um ein komplexes Phänomen handelt, sollte man mindestens drei
Dimensionen unterscheiden, nämlich die technisch-wirtschaftliche, die
soziopolitische und die kulturelle. Insgesamt gesehen scheinen dies
positive Elemente zu sein, das Wachstum der Effizienz und der Produktion,
die intensiven Beziehungen zwischen den Ländern und Kulturen, die Stärkung
des Einigungsprozesses zwischen unter den Völkern. Die neuen Möglichkeiten
der Solidarität mit Mitgliedern der Menschheitsfamilie, denen es nicht so
gut geht. Gefahren lauern in der wirtschaftlichen Arroganz, die sich zur
Ebenbürtigkeit mit allen humanen Werten emporschwingt und eine seelenlose Kultur hinterlässt. Die
Logik des Marktes vergrößert die Kluft zwischen arm und reich durch ihren
unlauteren Wettbewerb; die großen Machtblöcke neigen zur Monopolisierung
und zerstören die nationale Souveränität. Auch uniformieren sie die
Kultur. Fragen wir andersherum: wem nützt dieser Aspekt der Globalisierung?

ZENIT: Sind die Kriterien der Globalisierung nicht auch dem Einfluss einiger weniger Machtgruppen unterstellt , und
wie kann man dieses "perverse" System knacken?

Jesús Vilagrasa: Die Globalisierung ist nicht "in sich pervers". Man darf sie nicht für alle
Übel unserer Zeit verantwortlich machen, denn sie ist kein schicksalhafter
Prozess. Die historischen und kulturellen Prozesse hängen bis zu einem
gewissen Grad von der Freiheit der Menschen ab. Aber da ist ja auch die
göttliche Vorsehung. Ich glaube kaum, dass die Globalisierung ein
kontrollierter Prozess ist. Sicherlich gibt es Machtlobbies, die heftig
ans Werk gehen und subversive Tyrannei ausüben. Aber die Globalisierung
führt nicht automatisch zu neuen Oligarchien. Es scheint vielleicht sehr
vereinfacht, aber ich glaube wenn "perverse Systeme" bestehen, dann können
sie nur durch die Evangelisierung in den wirtschaftlichen und politischen
Gesellschaftsbereichen sowie innerhalb der Gesetzgebung und bei den
Massenmedien unschädlich gemacht werden. Es gibt zwar keine Rezepte, aber
die kirchliche Soziallehre nimmt in diesem neuen Kontext eine
außerordentliche Relevanz an.

ZENIT: Ist diese theologische Leseart
überhaupt gesellschaftsfähig?

Jesús Vilagrasa: Ich kenne keine bessere.
Die Globalisierung hat Zukunft. Der Mensch strebt von Natur aus nach
Gemeinschaft und Kommunikation mit den anderen, vom Ursprung her sind wir
berufen, eine einzige Familie zu bilden, als Söhne Evas und Kinder des
himmlischen Vaters. Aber Gott überlässt dem Menschen sein Schicksal. Wir
sind mit seiner Hilfe die Erbauer dieser Familie, dieser Gemeinschaft der
Nationen. Das ist nicht einfach, denn die Sünde und ihre globalen
Auswirkungen liegen auf der Hand. Beim Turmbau zu Babel strebten die
Menschen nach dieser globalen Einheit, doch es ging schief. Noch scheint
die Globalisierung ein solches Babel-Phänomen zu sein. Denn wenn wir Gott
übergehen, ziehen wir Spaltung auf uns. Gott aber kann das machen, was die
Menschen alleine nicht fertig bringen, nämlich die Menschheit vereinen zu
einer Familie. Die Kirche als Sakrament der Einheit des
Menschengeschlechtes wurde am Pfingsttag geboren, sie ist eine Familie,
die alles Sprachen spricht. Die Architekten der neuen globalen
Weltordnung, auch wenn sie nicht gläubig sind, täten gut daran, auf das
Lehramt der Kirche zu hören. Wir brauchen eine pfingstliche
Globalisierung, kein zweites Babel.

ZENIT: Der Papst sprach von der Gefahr
der Uniformierung. Sie definieren dies als "kulturellen Imperialismus".
Worin besteht diese Drohung und wie kann man sie vermeiden?

Jesús Vilagrasa: In dem Dokument "Kirche in Amerika" machte der Papst auf das
Aufzwingen neuer Werteskalen aufmerksam, die oft willkürlich und
materialistisch sind. Es ist sehr schwierig, dabei dem Evangelium treu zu
bleiben, auch werden örtlich gebundene Wertvorstellungen zu Gunsten dieser missverstandenen
Homogenisierung zerstört. Diese Situation wird nicht dadurch gelöst,
indem man diese Kulturen "folklorisiert". Kultur braucht inneres Leben und
keine Grenzen und Mauern. Die Kirche belebt in ihrer katholischen
Universalität und den Werten des Evangeliums die Kulturen von innen heraus
und dient so einer rücksichtsvollen und differenzierten Globalisierung.
Diese Herausforderung ist für die Kirche zugleich neu und alt:
Inkulturation, Verwandlung authentischer kultureller Werte durch
Integrierung ins Christentum und die Einpflanzung des Christentums in die
verschiedenen Kulturen. Die Globalisierung bringt Kulturen und Religionen
miteinander in Kontakt, die lebendige Realitäten sind, sie liegen
außerhalb von unterdrückenden Regimen und haben alle ihren eigenen
Anspruch und Daseinsberechtigung. Die Zauberworte "Toleranz" und "Dialog"
richten nichts aus. Die Probleme bestehen weiterhin, denn die Toleranz hat
ihre Grenzen: ab wann ist etwas nicht mehr tolerierbar? Wenn Toleranz
keine Tugend, sondern eine Ideologie ist, wird sie zur Gefahr, da sie
relativistisch und somit der Ursprung von Totalitarismus ist. Auch der
Dialog der Kulturen muss, um authentisch zu sein, sich innerhalb gewisser
Kriterien abspielen und sich an die "Grammatik" des Geistes halten, welche
das universale Moralgesetz im herzen des Menschen ist. Und dafür gibt das
kirchliche Lehramt unschätzbare Richtlinien.

ZENIT: Glauben Sie nicht,
dass diejenigen, die protestiert haben, im Grunde Recht haben?

Jesús Vilagrasa: Alle möglichen Leute haben protestiert, eine gewisse Einheit
sehe ich beim sozialen Weltforum von Porto Alegre Ende Januar. Die
Erklärungen der Sozialbewegungen sind alle sehr linksideologisch
gehalten. Das Sozialforum der Parlamentarier kritisiert Mängel am
derzeitigen Marktsystem und hat sich mit lobenswerten Kampagnen zusammengetan,
die für die Aufhebung der Schulden armer Länder eintreten, deren Export zu
fördern versuchen und so weiter. Die Globalisierung ist eine Tatsache und die
multinationalen Unternehmen müssen ihre Verantwortung für die Folgen
der Globalisierung und für ihre Entscheidungen übernehmen. Es wäre ein
bedauernswerter Irrtum, diese Forderungen mit den utopischen Ansprüchen
gewalttätiger Aktivisten und Ignoranten gleichzusetzen. Auf alle Fälle
glaube ich, dass niemand so radikale Ansprüche gestellt hat wie der Heilige
Vater. Er ist nicht gegen die Globalisierung, seine Lehre ist sehr klar,
denn sie entspringt dem Evangelium und ist daher realistisch und
anspruchsvoll, orientiert an konstruktiven, vernünftigen und machbaren
Vorschlägen. Er lehnt sie nicht ab, weil er in diesem komplexen und
zweideutigen Phänomen viele versteckte Chancen sieht.
ZG0105