Globalisierung der Solidarität: Appell des Papstes an die Teilnehmer des Welternährungsgipfels

Hunger und Unterernährung sind unannehmbar. Benedikt XVI. fordert mutige Maßnahmen

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ROM, 3. Juni 2008 (ZENIT.org).- Hunger und Unterernährung sind unannehmbar in einer Welt, die in Wirklichkeit über einen ausreichenden Produktionsstand sowie über ausreichende Ressourcen und Kenntnisse verfügt, um derartigen Dramen und den damit verbundenen Folgen ein Ende zu setzen. Das bekräftigt Papst Benedikt XVI. in seiner Botschaft an den Welternährungsgipfel der FAO, der heute in Rom seinen Anfang nahm. Die Botschaft des Heiligen Vaters wurde von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone vor den anwesenden Regierungs- und Staatschefs aus aller Welt verlesen.



Am Gipfel der Welternährungsorganisation über die Hungerkrise nehmen insgesamt 4.749 Delegierte aus 183 Ländern teil. Das politische Großereignis mit rund 50 Staats- und Regierungschefs wird am Donnerstag zu Ende gehen und nach Angaben der FAO von 400 akkreditierten Journalisten begleitet.

Das vatikanische Presseamt hatte im Vorhinein bekannt gegeben, dass Benedikt XVI. keinen der anwesenden Staats- und Regierungschefs in Audienz empfangen werde, da es zu viele Anfragen gegeben habe. Dies habe Kardinalstaatssekretär Bertone allen, die ihr Interesse bekundet hätten, persönlich mitgeteilt und dabei das Bedauern des Papstes über die Absagen bekundet.

In seiner heute veröffentlichten Botschaft an die Gipfelteilnehmer hebt Benedikt XVI. hervor, dass die Globalisierung der Märkte nicht immer die Verfügbarkeit von Lebensmittel garantiere. Produktionssysteme zeichneten sich oftmals durch strukturelle Begrenzungen, eine protektionistische Politik und Spekulationen aus, die ganze Bevölkerungen an den Rand der Entwicklung drängten und dort festhielten.

Angesichts dieser Situation bekräftigte der Papst, dass Hunger und Unterernährung durch nichts zu entschuldigen seien. Die große Herausforderung der heutigen Zeit bestehe darin, nicht nur die Wirtschafts- und Handelsinteressen zu globalisieren, sondern auch die Erwartungen der Solidarität, in Achtung und Aufwertung eines jeden Menschen.

Benedikt XVI. wiederholt in seinem Schreiben, was er am 18. April 2008 in seiner Ansprache vor der UN-Vollversammlung in New York bekräftigt hatte: Es sei wichtig, das offensichtliche Paradox eines multilateralen Konsenses zu überwinden, „der sich weiter in der Krise befindet, weil er den Entscheidungen einiger weniger untergeordnet ist, während die Probleme der Welt von Seiten der internationalen Gemeinschaft Interventionen in Form gemeinsamer Aktionen erfordern“.

Armut und Hunger sind, so der Papst, „kein reines Schicksal“, das von schlechten Umweltbedingungen und Naturkatastrophen hervorgerufen wird. Andererseits dürften rein technische oder wirtschaftliche Erwägungen nicht über den Pflichten der Gerechtigkeit gegenüber denjenigen stehen, die Hunger leiden. Das Recht auf Nahrung entspreche im Wesentlichen einer ethischen Anforderung und sei an den Schutz und die Verteidigung des Lebens gebunden. „Jeder Mensch hat Recht auf Leben“, schreibt Papst Benedikt. „Somit ist es notwendig, die effektive Verwirklichung dieses Rechtes zu fördern und den Völkern zu helfen, die aufgrund von Nahrungsmangel leiden, nach und nach fähig zu werden, für die eigenen Bedürfnisse, was ausreichende Ernährung angeht, Sorge zu tragen.“

Benedikt XVI. unterstreicht die Notwendigkeit, neue Strategien zur Armutsbekämpfung zu entwickeln und die landwirtschaftliche Entwicklung zu fördern. Diese müsse auch durch Prozesse struktureller Reformen geschehen, die es gestatten, den Herausforderungen der Sicherheit und des Klimawandels Rechnung zu tragen.

Die Weiterentwicklung der landwirtschaftlichen Produktion könne nur dann wirksam sein, wenn sie von mit einer wirksamen Verteilung einhergehe, was zwar nicht einfach sei, aber unter anderem dazu führen könnte, den Wert der bäuerlichen Familie neu zu entdecken. Diese sei vor allem „ein Modell des Lebens, der Erziehung, der Kultur und der Religiosität“.

Die modernen Technologien allein seien nicht ausreichend, um dem Nahrungsmangel abzuhelfen. Gleiches gelte für Nahrungsmittelhilfen. All dies müsse durch ein politisches Handeln orientiert werden, das sich an den in das Herz des Menschen eingeschriebenen Prinzipien des natürlichen Sittengesetztes inspiriere und so die Würde des Menschen schütze.

Nur der Schutz der Person erlaube es, die Hauptursache des Hungers zu bekämpfen: die Abschottung des einzelnen vor seinen Mitmenschen. Durch sie werde nämlich Solidarität aufgeweicht. Außerdem käme es dann dazu, dass Konsum orientierte Lebensmodelle rechtfertigt würden und das soziale Gewebe zerstört werde, so dass der „Graben der ungerechten Gleichgewichte“ erhalten und nur noch tiefer werde, unter Missachtung der tiefsten Erfordernisse des Guten.

Käme das Prinzip der Achtung der Würde des Menschen tatsächlich auf den Verhandlungstisch und würde es in den Entscheidungen und bei deren Verwirklichung zur Geltung kommen, so könnten die Hindernisse überwunden und die Gleichgültigkeit gegenüber den anderen Menschen eliminiert werden.

Benedikt XVI. äußert im Licht seiner Erwägungen den Wunsch, dass die Delegationen, die am Gipfel teilnehmen, sich zu einem neuen Engagement verpflichten und dieses dann auch verwirklichen mögen. Im Namen der Kirche appellierte er mit Worten aus dem „Decretum Gratiani“ an die Welt und die anwesenden politischen Verantwortlichen: „Gebt dem zu essen, der dabei ist, an Hunger zu sterben; denn wenn du ihm nicht zu essen gibst, so wirst du es sein, der ihn getötet hat“ (Decretum Gratiani, c. 21, d. LXXXVI).

Der Heilige Vater versicherte allen, dass sie auf den Beitrag des Heiligen Stuhls zählen könnten. Dieser schließe sich den edlen Zielen eines Einsatzes an, der in seinem Wesen die ganze internationale Gemeinschaft betreffe: „jedes Volk zu ermutigen, die Nöte der anderen Völker zu teilen, und dabei die Güter der Welt, die der Schöpfer für die ganze Menschheitsfamilie bestimmt hat, allen zukommen zu lassen“.