Globalisierungsschelte hat der Papst nicht nötig

Ein Symposion in der Universität zu Köln über die Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ stellt den innovativen Charakter des Textes heraus

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Von Regina Einig

WÜRZBURG, 10. September 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Auch gestandene Finanzfachleute packt angesichts der Wirtschaftskrise Ratlosigkeit. Von einem Theologen konkrete Lösungsvorschläge zu erwarten, wäre daher unbillig. Nur einem Denker vom Format Benedikts XVI. ist klar, dass die Kirche keine Patentrezepte für Finanzkrisen anzubieten hat. Ob mehr oder weniger Staat oder mehr oder weniger Markt dem Gemeinwohl auf Dauer zuträglich ist, beschäftigt Päpste nicht. „Caritas in veritate" steht in der Tradition früherer Sozialenzykliken. Das zeigt sich in Benedikts Überlegungen, dass Anthropologie ohne Theologie nicht möglich ist. Trotz dieser in den Augen der säkularen Öffentlichkeit eher unpopulären Sichtweise zieht der Papst in seinem Text vielbeachtete Schlussfolgerungen.

Parallelen zu Bischof Ketteler
Schon seine Forderung nach „einer echten politischen Weltautorität" hat Politiker und Wirtschaftswissenschaftler nicht kalt gelassen. Die öffentlichen Reaktionen auf „Caritas in veritate" erklären, warum Sozialethiker und Manager die Sozialenzyklika „Caritas in veritate" nicht einfach unter der Rubrik Erbauungsliteratur verbuchen können: Ein Symposion von Ordo Socialis, Wissenschaftliche Vereinigung zur Förderung der Christlichen Gesellschaftslehre, dem Institut für Katholische Theologie an der Universität zu Köln und der Joseph-Höffner-Gesellschaft beleuchtete am Samstag Rezeption und Perspektiven des Textes.

Die Freiburger Theologin Ursula Nothelle Wildfeuer analysierte „Caritas in veritate" vor der Hintergrund der Enzykliken „Populorum progressio", „Sollicitudo re socialis" und „Rerum novarum" und unterstrich, dass Benedikt XVI. die weltweite Entwicklungs- und Globalisierungsfrage als ebenso fundamental erachte wie die Arbeiterfrage 1891. Auf die von manchen erhoffte Globalisierungschelte verzichte der Papst und werte Globalisierung als Chance für die Menschheit im Sinne eines „globalen Integrationsprozesses". In der Art dieser Bewertung des Globalisierungsprozesses sah die Freiburger Theologin Parallelen zur Entwicklung des katholisch-sozialen Denkens im 19. Jahrhundert, wo etwa Bischof Ketteler und andere erkannten, dass die Industrialisierung nicht in Bausch und Bogen zu verurteilen, sondern differenziert mit ihr umzugehen sei. Der Papst, so Nothelle-Wildfeuer, lege „eine neu akzentuierte Definition der Soziallehre der Kirche vor: caritas in veritate in re socialis". Die Betonung der Liebe als Hauptweg der Soziallehre der Kirche könne angesichts des gängigen Verständnisses von Sozialethik, in dessen Zentrum die Sorge um die soziale Gerechtigkeit steht, überraschen. „Dass hier aber kein fundamentaler Gegensatz besteht, wird deutlich, wenn man sieht, dass der Papst für die Umsetzung eben dieser Liebe in Bezug auf die Entwicklung einer Gesellschaft im Kontext der Globalisierung zwei zentrale Orientierungsmaßstäbe benennt: Gerechtigkeit und Gemeinwohl". Der Papst verstehe das Gemeinwohl als ein Erfordernis der Gerechtigkeit und Liebe. Es gehe um die Gestaltung der sozialen Gemeinschaft und um die Stärkung und den Schutz aller Institutionen des gesellschaftlichen Lebens.

Benedikt XVI. setzt sich aus Nothelle-Wildfeuers Sicht vom Mainstream der Sozialethiker ab, wenn er auf die Grenzen der Institutionen hinweist und Sozialethik damit nicht ausschließlich als Strukturen- und Institutionenethik versteht. Die Enzyklika erinnert daran, dass „Institutionen allein nicht ausreichen, um Lösungen im Sinne einer menschenwürdigen Entwicklung zu erzielen. Die Dimension der Tugendethik spiele in „Caritas in veritate" ebenfalls eine Rolle.

Die Podiumsdiskussion zeigte, dass dieser Ansatz der Enzyklika den Nerv der Zeitgenossen Benedikts trifft. Die Abgrenzung zwischen legitimem Gewinnstreben und Gier ist in der Berufspraxis der Manager und Banker vor allem eine Frage des Gewissens und damit der persönlichen Tugend. Die Ausführungen des Dominikaners Johannes Zabel OP machten den Zündstoff in den Überlegungen des Papstes deutlich: Vor dem Hintergrund, dass der Gedanke der Systemrelevanz den Gedanken des Gemeinwohls in Politik und Wirtschaft weitgehend abgelöst hat fragte Zabel: Was helfen Appelle an tugendethisches Verhalten, wenn Banken groß genug sein müssen, um systemrelevant zu sein und die Politik unter Zugzwang setzen zu können, weil ohne diesen steuernden Einfluss das Gemeinwohl gefährdet wäre?

Überlegungen, dass eine Bank zu groß ist, um von der Politik fallengelassen zu werden, waren auf dem Höhepunkt der Krise an der Tagesordnung. „Diese systemische Denkweise in der Politik anzubringen ist moralisch notwendig - mit Gerechtigkeitsaspekten ist sie nicht zu begründen", meinte Zabel und erinnerte an die Rettung des Münchner Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate, die den deutschen Steuerzahler Milliarden gekostet hatte.

Ob nur Banken oder auch Konsumenten gierig sind, war eine der Fragen auf dem Podium, aus denen der Wunsch nach einer differenzierten Sicht der Krise sprach. Christoph Berndorff, Vorstandsvorsitzender der Pax-Bank, lobte, „dass der Papst in der Enzyklika auch den Konsumenten zur Verantwortung ruft. Die Konsumenten haben eine klare soziale Verantwortung, die mit der sozialen Verantwortung des Unternehmens einhergeht." Verhaltener klang seine Gesamtbewertung des Textes: Berndorff bescheinigte der Enzyklika zwar, dass ihr breites Spektrum anregenden Stoff zum Nachdenken biete, mochte sich aber auf keine Passage festlegen, die er einem Think Tank zur Selbstverpflichtung vorschlagen würde. „Einen Tic zu kurz", so Berndorff, komme aus seiner Sicht in der Enzyklika das ehrenamtliche Engagement, auf das jedes Unternehmen bei Mitarbeitern achten solle.

Dabei weist das Stichwort Unentgeltlichkeit in der Enzyklika in die richtige Richtung. Zabel nahm den Ball auf: Die eigentliche Herausforderung des Textes liegt für ihn in der Frage: Wie lässt sich die Logik des Marktes verbinden mit der Logik der Unentgeltlichkeit im Markt? Ohne Unentgeltlichkeit sei Gerechtigkeit nicht zu erreichen. Der Dominikaner schlug einen Bogen zur Gnadentheologie: So wie Natur und Gnade aus Sicht der Papstes zusammengehören, so wolle der Papst die Begriffe Markt und Unentgeltlichkeit in der Enzyklika zusammenführen.

Die Armen sind eine Ressource
Auf dem Podium herrschte Einigkeit darüber, dass der Papst das Recht habe, diesen Punkt anzusprechen - zumal Zabel zufolge weder die Sozialwissenschaften in der Lage sind, Mensch und System in der Wirtschaft in ein stimmiges Verhältnis zueinander zu bringen - noch die Ökonomie Makro- und Mikroökonomie erfolgreich verbinden kann.

Wie innovativ „Caritas in veritate" bei aller Kontinuität zu den Sozialenzykliken früherer Päpste ist, veranschaulichte der Vorsitzende der Joseph-Höffner-Gesellschaft Lothar Roos. Benedikt XVI. lasse keinen Zweifel daran, „dass es so etwas wie die Soziallehre der Kirche tatsächlich gibt", so der Theologe in Anspielung auf eine kürzlich erschienene Rezension des Handbuchs für katholische Soziallehre, deren Autor Roos zufolge die These vertreten habe, „es sei heute nicht mehr möglich, die kirchliche Sozialverkündigung insgesamt mit den wissenschaftlichen Expertisen katholischer Sozialethiker zu einer Lehre zu vereinigen".

Der Papst gehe auch auf die Armen in einer neuen Weise ein, indem er in ihnen eine Ressource erkenne. Ausdrücklich verteidigte Roos die Enzyklika gegen den Vorwurf, die Armen kämen kaum darin vor: Der Papst verwende „den missverständlichen Begriff einer ,Option für die Armen‘" nicht, sondern ergreife mit viel eindringlicheren Worte Partei: „Während die Armen der Welt noch immer an die Türen der Üppigkeit klopfen, läuft die reiche Welt Gefahr, wegen eines Gewissens, das bereits unfähig ist, das Menschliche zu erkennen, jene Schläge an ihre Tür nicht mehr zu hören.

[© Die Tagespost vom  10. September 2009]