Gloria Estefan: Manche meiner Lieder sind wie Gebete

Ein exklusives Interview mit der kubanischen Sängerin am Rande der TEDx-Konferenz über die Religionsfreiheit

Rom, (ZENIT.org) H. Sergio Mora | 487 klicks

Unter den prominenten Teilnehmern an der am 19. April 2013 im Vatikan abgehaltenen TEDx-Konferenz befand sich Gloria Estefan. Anlässlich der Veranstaltung führte ZENIT ein Interview mit der kubanischen Sängerin, die aufgrund ihrer über 90 Millionen verkauften Tonträger als die Patin des Latino-Pop gilt.

Was hat Sie dazu veranlasst, im Rahmen der TEDx-Konferenz über Religionsfreiheit zu sprechen?

Gloria Estefan: Die Einladung dazu hat mich zunächst überrascht; dann erfuhr ich, dass auch andere nicht-religiöse Persönlichkeiten erscheinen und über die Quelle ihres Glaubens sprechen würden. Ich habe im Laufe der Zeit alles, woran ich glaube, in meine Lieder einfließen lassen. Im Grunde gibt es für mich nichts Größeres als die Liebe, das Einander-lieben-Können. Das ist das größte und tiefste Prinzip, das Jesus uns gelehrt hat.

Welche Bedeutung hat Ihre Anwesenheit in Rom an der TEDx-Konferenz für Sie?

Gloria Estefan: Es ist für mich ein wunderbares Privileg, mit anderen Menschen zusammen zu sein, Fans aus verschiedenen Ländern Europas, aus den Niederlanden, Deutschland oder Großbritannien, hautnah zu erleben. Ich habe eine schöne Begegnung mit dem europäischen Publikum erlebt.

Haben Sie Papst Franziskus bereits kennen gelernt?

Gloria Estefan: Bis jetzt hatte ich noch keine Gelegenheit dazu, hoffe aber, ihn bald begrüßen zu können.

Sie hatten jedoch eine Begegnung mit Johannes Paul II…

Gloria Estefan: Ja, das ist richtig. Wenn ich mich richtig erinnere, hat er im Jahr 1995 meine Musik angehört. Das Lied „Más Allá“ schien ihm besonders gut gefallen zu haben. In jenem Jahr feierte der Papst sein 50-jähriges Priestertum, und ich wurde zur Teilnahme an der Feier dieses Jubiläums eingeladen.

Sie waren noch sehr klein, als Sie Kuba verlassen haben. Fühlen Sie sich eher Kuba oder den Vereinigten Staaten zugehörig?

Gloria Estefan: Das stimmt. Ich war damals zwei Jahre alt. Eigentlich fühle ich mich kubanisch-amerikanisch. Da ich jedoch in den USA aufgewachsen bin, ist es für mich so, als bestehe gleichsam eine offene Rechnung. Wo immer ich hingehe, selbst in Miami, wo ich aufgewachsen bin und meine Wurzeln spüre, werde ich als Kubanerin im Exil bezeichnet.

Was wissen Sie über Kuba?

Gloria Estefan: Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Yoani Sánchez, einer Bloggerin, die mit ihrer Anklage des in Kuba herrschenden Mangels an Freiheit ihr Leben riskiert. Sie zeigte sich sehr überrascht darüber, dass auch die Generation meines Sohnes sich als kubanisch versteht. Mein Sohn hat sie seinerseits gefragt, inwiefern die Menschen meiner Generation den in der Heimat verbliebenen Kubanern helfen können. Wir wollen ihnen von der Freiheit erzählen, über die wir alle auf der ganzen Welt verfügen.

Was ist Ihrer Meinung nach möglich?

Gloria Estefan: Es ist mir äußerst wichtig, dass zumindest über Kuba gesprochen wird, damit man es nicht vergisst. Als die „Damas de Blanco“ von den Sicherheitskräften geschlagen wurden, habe ich zugunsten dieser Frauen, die für die Verteidigung der Freiheit ihr Leben aufs Spiel setzten, in Miami einen großen Marsch veranstaltet, der zur Begegnung von Menschen aller politischen, religiösen und kulturellen Überzeugungen führte.

Sie haben Kuba besucht. Sind Sie dort auch auf Tournee gegangen?

Gloria Estefan: Kuba ist für mein Leben von besonderer Bedeutung und meine Musik ist Teil meiner selbst. Sie ist ein kulturelles Erbe. Es tut mir sehr leid, dass ich meine Heimat nicht besuchen kann und nicht denselben Hintergrund wie die meisten Menschen auf der Welt habe, der ihnen den Besuch ihrer Heimat ermöglicht.

An welches Land dachten Sie beim Schreiben Ihres Liedes „Mi Tierra“? An Kuba?

Gloria Estefan: Selbstverständlich. Ich dachte vor allem an alle Immigranten, die ihre Heimat verlassen und auf all ihren Wegen von der Sehnsucht nach den Gerüchen, nach den für ihr Land charakteristischen Farben, begleitet werden. Trotz meiner kubanischen Wurzeln, denen meine Gedanken und meine Lieder entspringen, tendiere ich zu einem weiten Blick, keinem einschränkenden. Dieses Lied umfasst daher die gesamte Welt. Ich habe es in Zusammenarbeit mit einem Kolumbianer komponiert. Tatsächlich ist der Stil zu Beginn kolumbianisch und nimmt dann die für die kubanische Musik typischen Elemente auf. Dies ist ein Ausdruck der zwischen uns allen bestehenden Einheit.

Die Frage der Religionsfreiheit ist in ihrem Land ein sehr großes Anliegen…

Gloria Estefan: Ja, sicherlich. Religionsfreiheit existiert praktisch nicht, denn laut der Regierung – einer nach wie vor sehr mächtigen Diktatur – ist Religion ein Problem. Wenn jemand an etwas anderes glaubt als der „líder máximo“ seines Landes, besteht Gefahr. Früher haben die Menschen ihre Häuser, ihren häuslichen Herd, nicht verlassen und erhoben dort ihre Gebete zu Gott, an den sie glauben. Heute herrscht eine größere Offenheit. So kann es nicht weitergehen. Das Land ist gleichsam ein Drucktopf, der zu explodieren droht, und deshalb lockert die Regierung allmählich ihren Griff.

Johannes Paul II. hat Folgendes gesagt: Möge sich Kuba der Welt öffnen, möge die Welt sich Kuba öffnen“. Was ist seither geschehen?

Gloria Estefan: Das ist unglaublich. Genau in jenem Jahr hat mir Johannes Paul II. den Vorschlag unterbreitet, mich nach Kuba zu begleiten. Ich sagte ihm damals, dass aus einer spirituellen Reise keine politische werden sollte, denn es wäre mir unmöglich gewesen, in Kuba zu schweigen. Ebenso wenig wollte ich Gewalt verursachen oder die Präsenz des Papstes in den Hintergrund drängen: Er konnte das gut verstehen.

Es hat sich nichts verändert, wenngleich das Land sich etwas geöffnet hat. Zwar wurde nicht viel gegen die Kirche und die Gläubigen unternommen, doch auch positive Veränderungen für das kubanische Volk sind bisher eher dünn gesät. Mit Raul Castro wurden nun die Aus- und Einreisebestimmungen etwas gelockert. Wir werden sehen, so Gott will, ob es zu einer größeren Öffnung für das kommt, was für die Menschen am besten ist.

Im vergangenen Jahr unternahm Benedikt XVI. eine Reise nach Kuba …

Gloria Estefan: Ja, ich halte es für sehr wichtig, dass sich religiöse Führer zu den ärmsten Völkern begeben. Dieses Volk hat ein so großes Bedürfnis nach Liebe, nach Werten, nach Religiosität. Es braucht Spiritualität, daher ist es ein Segen, wenn sie kommen, doch so lange diese Regierung an der Macht ist, werden Änderungen sehr schwierig sein. Es sei denn, sie werden von ihnen durchgeführt.

Was wird in Kuba also geschehen?

Gloria Estefan: Kuba ist eine Insel und daher leicht kontrollierbar. Außerdem besteht eine starke Kontrolle der Medien. Nun verbreiten sich die Mobiltelefonie und alle damit verwandten Zugangsformen, ohne Interventionsmöglichkeit durch die Regierung, für die die Ausübung der Kontrolle schwieriger geworden ist. Im Augenblick beschränkt man sich darauf, Informationen so weit wie möglich einzuschränken. Einschränkung ist ein einfacher Weg, um auf einer Insel Angst und Schrecken hervorzurufen.

Was möchten Sie mit wenigen Worten noch hinzufügen?

Gloria Estefan: Das geht nicht mit wenigen Worten (lacht), denn ich bin Kubanerin … Die Musik ist gleichsam ein Teil meines Glaubens. Ich nehme sie sehr ernst: Sie ist eine Verantwortung, denn jedes Mal, wen ich einen meiner Briefe an die Welt versende, weiß ich, dass er viele Menschen erreichen wird. Außerdem bin ich sehr dankbar für die Möglichkeit der Kommunikation mit vielen Menschen durch die Musik, die mir auch die Nähe zu meinen Fans ermöglicht, die für mich beten und die mich begleiten.

Beten Sie?

Gloria Estefan: Ja, ich bete sehr viel! Ich tue das in vielen Liedern, beispielsweise in „Caridad del Cobre“, der Bezeichnung für die Madonna von Kuba. Jedes Mal, wenn dieses Lied über das Radio übertragen wird, wird gleichsam ein Gebet gesprochen, ein wenig so wie „Always Tomorrow Of Coming Out Of Dark“.