Goldene Palme von Cannes: Tree of Life

Hollywood-Produktion als Werk der Verkündigung

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Von Jan Bentz

ROM, Mittwoch, 15. Juni 2011 (ZENIT.org). – „The Tree of Live“ (Der Baum des Lebens) heißt das Meisterwerk des Regisseurs Terrance Malick, produziert von Cottonwood Pictures, Plan B Entertainment und River Road, das am 16. Juni 2011 in Deutschland in den Kinos anläuft. Malick, der assyrisch-amerikanische Drehbuchautor, Regisseur und Filmproduzent, dessen Ruf als Poet des Kinos auf nur sechs Filmen beruht, erhielt für seinen bislang letzten Film "The Tree of Life" die Goldene Palme der 64. Filmfestspiele von Cannes.

Supernova, kosmische Nebel, Dinosaurier, Wasserfälle, Stahl- und Glaswolkenkratzer, ein Einfamilienhaus der 50er Jahre… Blitzschneller Wechsel von Kinderfüßen in Nahaufnahme und kühlen Gaswolken im Weltall, von tobenden Jungen und brodelnden Flammenmeeren einer Sonne. Damit taucht der  Zuschauer ein in die Erinnerungen Jack O’Briens (Sean Penn), die ihn in eine Kleinstadt Amerikas der 50ger Jahre zurückversetzten und in die Weltsicht eines Kindes. Er erlebt dessen Leben von der Geburt, ja von der Empfängnis an und sieht dieses Leben sich abwechselnd mit Szenen der Entstehung neuer Planeten und ganzer Sonnensysteme entfalten.

Das Buch Ijob eröffnet den Film und damit seine große Frage: das Leiden. Dann die Stimme der Frau: „Es gibt zwei Wege durchs Leben, den Weg der Natur und den Weg der Gnade; man muss sich entscheiden, welchen man geht“. Eindringliche Landschaftsbilder beschwören das Thema Werden und Wachsen: Damit ist die Grundstimmung schon eingeläutet, der Lebensweg von Jack beginnt. Als mit Mikrokameras aufgenommener bzw. simulierter Embryo bis zu seinem Erwachsensein übernimmt man die Perspektive des erwachsenen Jack. Verloren in einer hochtechnisierten und eiskalten Welt richtet sich der Blick wehmütig und schwermütig auf die Kirche, klein und versunken zwischen den Wolkenkratzern im Zentrum der Großstadt Houston und auf die einsamen vereinzelten Bäume zwischen Glas und Stahl.

Jacks Familie ist eine „typische“ amerikanische Familie der fünfziger Jahre.  Der Vater arbeitet in der Industrie, die Mutter versorgt als Hausfrau die drei Sprösslinge; das Ganze in einem Häuschen in einer überschaubaren und idyllischen Kleinstadt im Süden Amerikas. Ein tyrannischer Vater, der seinen Lebenstraum als Musiker nicht verwirklichen konnte und darunter leidet, will seine drei Jungen daraufhin stählen, sich in den gnadenlosen Bedingungen des Lebens, dem „harten Weg“ der Gesellschaft behaupten zu lernen. Die Mutter als selbstlos Liebende und Schenkende personifiziert den Gegenpol zu der lieblosen Strenge des Mannes, gerät aber auch damit an ihre Grenzen.

Allerdings bedient sich der Regisseur und in der Philosophie bewanderte Terrance Malick nicht der gängigen Klischees des amerikanischen Vorortes. Vielmehr bleibt die wahre Dynamik des täglichen Lebens mit all seinen traumhaft anmutenden Sommerabenden und den entgegengesetzten dramatischen Lebens- und Familienkonflikten nie oberflächlich, im Gegenteil: Die einzelnen Familienszenen werden wirklich meisterhaft mit kosmischen Simulationen, mit dramatischen Naturereignissen verwoben, sodass diese zu Übermittlern der Botschaft dieses Filmes werden. Somit handelt es sich nicht um ein reines Familiendrama. Vielmehr lösen die einzelnen Szenen aus dem Leben Jacks in ihm ein Zwiegespräch mit seinem Schöpfer, mit dem Urheber allen Lebens aus, in dem die tiefsten existenziellen Fragen aufgegriffen und teilweise sogar beantwortet werden. „Vater, Mutter, ewig ringt ihr in mir und nie hört ihr auf.“ Der Vater, die fordernde Natur und die Mutter, selbstlos liebende Gnade.

Die zentrale Thematik des Films ist das Leiden, der mütterliche Schmerz um einen verlorenen Sohn. Jacks Vater (Brad Pitt) und Mutter (Jessica Chastain) repräsentieren jeweils Natur und Gnade. Jack bemerkt bald, dass die Gnade vergibt, die Natur allerdings nicht. Diese Thematik setzt das dargestellte menschliche Leben ins rechte Licht, schlägt ihm die wahren Wege vor, nimmt ihm die Oberflächlichkeit, lässt es allerdings in einer Schwebe, die nach einem festen Grund sucht. Fast erlösend wirken die Versöhnung und das Wiedersehen mit einem Verstorbenen auf dem „paradiesischen Strand der Erlösten“. Herzbewegend wird der Weg der Gnade als Ideal vorgeschlagen, verbunden mit all seinen Verletzlichkeiten und Gefahren, letztlich aber auch leise und dennoch triumphal siegend: Wer nicht liebt, dessen Leben fliegt an ihm vorbei“.

Die Dynamik der Handlung lebt von einem ständigen Wechsel  von Szenen mit sich ergänzender Symbolik. Die Entstehung des Kindes im Mutterleib wird mit der Entstehung eines Universums gleichgesetzt, die ersten unerschrocken entdeckenden Schritte mit den ersten Bewegungen der Tiere auf der Erde, der erste Streit mit dem Bruder als brodelndes Flammenmeer, die Entdeckung der Natur mit sagengleich unerreichbaren Baumwipfeln und schummrigen Höhlen. Der ganze Verlauf der Kindheit gleicht dem der Natur. Der erwachsene Jack findet sich verloren in einem Leben von perfekter klinischer Sauberkeit und Präzision wieder, das aber nichts als Leere ausströmt und ihn im Kern sichtlich unberührt lässt.

Trägerin der Botschaft des Films ist auch die ergreifend herrliche Musik, sei es Smetanas „Moldau“, sei es das klagende „Lacrimosa“ oder das Agnus Dei zum Thema der Vergebung. Deren Höhepunkte werden nicht nur zum Wecken von Emotionen zusammengestückelt, wie man es oft bei Filmen erlebt, sondern entfalten sich in natürlicher Weise gemeinsam mit der Handlung, vertiefen und untermauern sie.

Eine Flut von Szenen ergießt sich auf den Zuschauer. Sie ist aber ganz und gar nicht konfus, sie drückt sogar in höchstem Maße die Ordnung der Schöpfung, die Parallelität zwischen Mikro- und Makrokosmos und die Analogie zwischen dem ganzen Sein des Universums und dem Sein des menschlichen Lebens selber aus. Ein immer wieder auftauchendes Symbol ist das des Wassers, in allen Farben und Formen niederströmend, es tröpfelt, fließt, fällt oder ruht bewegungslos. An zentralen Stellen der Handlung kehrt ein mandelförmiger rötlicher Nebel wieder, eine Symbolik,  die stark an die ikonographische kosmische Mandel angelehnt ist, dem traditionellen Zeichen für Perfektion und für Gott.

Malicks gelingt mit seinem bereits vielprämiertem Meisterwerk ein vielleicht nicht ohne Weiteres zu entschlüsselndes Epos des Lebens, eine Hymne auf das Sein, eine Symphonie der Verkündigung. Aber jedem wird sich die christliche Bedeutung von Musik und Symbolik, der Fragestellungen und vor allem deren Beantwortung erschließen, die sich nicht nur um das menschliche Leben an sich drehen, sondern um seinen Beginn und sein Ziel, sein Alpha und Omega, um den Urheber selbst, um Gott, der den Zuschauer mit den ersten Zeilen der Bibel begrüßt: „Wo warst du, als ich die Erde gründete?“und an den unter Gesängen des „Amen“ die Schlussworte gerichtet sind: „Führe uns bis ans Ende der Zeit.“