"Gott allein ist der Herr über Leben und Tod"

Predigt von Kardinal Woelki in der Eucharistiefeier zur Frühjahrs-Vollversammlung der DBK

Münster, (DBK PM) | 501 klicks

Wir dokumentieren im Folgenden die Predigt von Kardinal Rainer Maria Woelki in der heutigen Eucharistiefeier zur Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Münster.

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Liebe Schwestern und Brüder,

„Der Herr hat mich all meinen Ängsten entrissen“, so haben wir gerade im Antwortpsalm gesungen. Dieser Psalm ist Ausdruck eines tiefen und aus Erfahrung gestärkten Gottvertrauens.

Der Beter lädt uns ein, Gott, den Herrn, zu verherrlichen, seinen Namen zu rühmen. In den vergangenen Wochen ist ein Bekenntnis zu diesem Herrn, „der mich all meinen Ängsten entrissen“ hat, ins Stocken geraten, ins Stocken geraten angesichts einer augenscheinlich ungeheuer großen Angst, in der Menschen darum bitten, ihnen beim Sterben zu helfen, sie zu töten. Diese Ängste müssen größer sein als die Angst vor dem Tod. Menschen haben Angst vor Schmerzen. Sie haben Angst vor Fremdbestimmung, vor dem Allein- und Unnützsein, und zwar nicht nur die, die sterbenskrank sind, sondern auch die, die sich eine solche Situation am Ende ihres Lebens vorstellen. Und ehrlich gesagt: Auch mir fällt es immer noch schwer, den Herrn zu verherrlichen, seinen Namen – wie es heute Morgen in dem Antwortpsalm heißt – zu rühmen, wenn ich mich daran erinnere, was ich selbst vor einigen Jahren erlebt habe: Ich hatte eine alleinerziehende Mutter mit ihrem Kind kennengelernt, das an einer tödlichen Krankheit und unerträglichen Schmerzen litt. Die Gewissheit des bevorstehenden Todes dieses achtjährigen Jungen hat auch mich damals im Innersten zutiefst erschüttert. Ich konnte und kann immer noch keinen Sinn darin erkennen, wenn auf einen jungen Menschen, der gerade erst das Leben kennenlernen sollte, unausweichlich das Sterben zukommt. Das ist schier unerträglich. Der kleine Junge ist gestorben. Sein Sterben hat mir auch meine eigene Hilflosigkeit vor Augen geführt. Dennoch: Wir wissen alle, dass solche Erfahrungen zu unserem Leben gehören.

Als Christen sind wir hier gerade mit Blick auf die aktuelle Debatte um Sterbehilfe zu einer klaren Position aus unserem Glauben heraus aufgefordert. Es kann an dieser Stelle für uns keine Kompromisse geben. 

Gott allein ist der Herr über Leben und Tod. Das steht außer Frage. Unsere christliche Antwort darf jedoch bei aller geforderten Klarheit weder vollmundig noch im hohen Ton der moralischen Empörung daherkommen. Denn wenn wir eine Kirche auf der Seite der Leidenden und Geknechteten sein wollen, müssen wir zunächst die „Schreie der Gerechten“ hören, von denen heute im Psalm die Rede ist, und von denen wir uns treffen lassen müssen. Wir sind hier nicht gefragt als Moralapostel, wohl aber als Lobbyisten für das Leben. Wir haben denen eine Stimme zu geben, deren Schreien nicht erhört wird, die sich eine Erlösung von ihren Schmerzen und ihrer inneren Einsamkeit wünschen und dafür sogar sterben wollen. 

In den vergangenen Wochen ist hier häufiger davon die Rede gewesen, auch bei uns – wie in anderen europäischen Ländern – eine „aktive Sterbehilfe“ zu ermöglichen. Anders als dieser Begriff suggeriert, geht es dabei aber nicht darum, Menschen beim Sterben zu helfen. Vielmehr geht es ganz bewusst und gezielt darum, ihren Tod herbeizuführen. Für uns Christen ist deshalb nicht „aktive Sterbehilfe“ das Zauberwort, sondern „intensivste Sterbebegleitung“. Und wir verstehen darunter den medizinischen, pflegerischen, sozialen und seelsorglichen Beistand, der gefordert ist, wenn die Zeit zum Sterben gekommen ist. Denn Sterben ist ein Stück unseres Lebens! Sterbebegleitung ist im Gegensatz zu „aktiver Sterbehilfe“ konkret erfahrbare Lebenshilfe. Denn sie hilft einem Sterbenden, sein noch verbleibendes Leben so menschenwürdig wie nur möglich zu gestalten. „Aktive Sterbehilfe“ dagegen ist Tötung auf Verlangen bzw. Beihilfe zur Selbsttötung, eine „Hilfe“, die diesen Namen nicht verdient, weil sie nicht das Leben, sondern den Tod anstrebt.

Schmerzmediziner bestätigen, dass das selbstbestimmte Sterben auch für einen jungen Menschen als die einzige Möglichkeit erscheinen kann, seine unerträglichen Schmerzen loszuwerden. Fachärzte für Schmerztherapie sprechen im Endstadium mancher Krankheit vom sogenannten „Vernichtungsschmerz“.

Einen Menschen, in einer solchen Situation ernst zu nehmen, kann aber nicht einfachhin bedeuten, genau das zu machen, was er sagt und als Wunsch äußert. Wäre es gesetzlich erlaubt, sich in solchen Lebenssituationen töten zu lassen, würde der innere und äußere Druck auf solche Schwerkranke und Pflegebedürftige noch mehr zunehmen. Sie fühlten sich dann nicht mehr von einer selbstverständlichen Solidarität und Hilfe ihrer Mitmenschen getragen, sondern empfänden sich wahrscheinlich noch mehr als Last und unnütz, wenn sie ihren Platz nicht räumten. Hier von freier Willensentscheidung zu sprechen, erscheint mehr als fragwürdig. Wer die Humanität schützen will, wer die Freiheit des Sterbenden wahren will, muss einen Schutzraum eröffnen helfen, in dem menschliche Zuwendung, umfassende Schmerztherapie, Palliativpflege und helfende, liebende Annahme stattfinden – und zwar überall in Deutschland. Wir brauchen eine stärkere Sorge- und Annahmekultur auch für Menschen im Sterben und ihre Angehörigen sowie für diejenigen, die ihnen beistehen. Der Prophet Jesaja schreibt über das Wort Gottes: „Es kehrt nicht leer (...) zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.“ (Jes 55, 11) 

Ich erkenne die Gegenwart des Wortes Gottes gerade auch in denen, die leiden und sterben. Denn Gottes Wort, Jesus Christus, hat selbst gelitten und ist gestorben für uns! Wenn wir erreichen wollen, dass sein Wort bewirkt, was Gott will, müssen wir denen Gehör verschaffen, die Schmerzen leiden und Angst haben. Als Christen wissen wir in diesem Zusammenhang aber auch um den Menschen als Geschöpf Gottes. Als solches haben wir uns das Leben nicht selbst gegeben. Vielmehr ist es uns geschenkt, und es entzieht sich uns auch wieder.

Ich will nicht allein sein im Sterben, ich möchte eine Linderung meiner Schmerzen, ich will angenommen sein in meinem Leiden, das ist es, wofür wir uns stark machen müssen, wofür wir uns einsetzen müssen, soll das Wort Gottes nicht ungehört verhallen. Als Kirche dürfen wir auf eine lange Tradition der Sorge um die Kranken zurückschauen. Sie ist schon im Evangelium grundgelegt. Mit unzähligen Ärzten und Pflegenden haben sich Christen durch die Jahrhunderte hindurch gerade auch der Schwerkranken und Sterbenden angenommen.

Mit ihnen sind wir dankbar für die Errungenschaften der modernen Medizin und Pflege, insbesondere der Schmerztherapie und der Palliativmedizin. Deshalb ist unsere klare Botschaft an die Politik: Wir brauchen keine gesetzlich geregelte „Erlaubnis“ zur aktiven Sterbehilfe. Was wir dagegen brauchen, sind eine rechtliche und finanzielle Verbesserung der Rahmenbedingungen, damit durch menschliche, pflegerische und medizinische Zuwendung und Begleitung ein menschenwürdiges Sterben ermöglicht wird, – und zwar Zuhause, in Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern und Hospizen. Denn Sterben gehört zum Leben. Es ist Teil des Lebens. Es ist der Hinübergang aus diesem Leben in das unendliche, ewige Leben Gottes hinein, einem Gott entgegen, der sich in der Geschichte immer wieder als ein Gott der Lebenden und nicht der Toten geoffenbart hat. Amen.