"Gott als den Urgrund unseres Lebens in allem suchen"

Predigt von Kardinal Woelki in der Eucharistiefeier zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

Fulda, (DBK PM) | 354 klicks

Wir dokumentieren in Folgendem die Predigt von Kardinal Rainer Maria Woelki in der heutigen Eucharistiefeier in Fulda zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz. 

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Nikolaus von der Flüe 

Liebe Schwestern und Brüder,

der Heilige Nikolaus von der Flüe gilt als der letzte große Mystiker des Mittelalters. Nach einer seiner Visionen und nach langen inneren Kämpfen zieht er sich als Einsiedler in den sogenannten Ranft zurück, einer tiefen Schlucht in der Nähe seines Wohnhauses. Seine Beschäftigung dort? Schweigen, um auf Gott zu lauschen. Schweigen und Beten, um dessen Willen zu erkennen, um aus diesem zu leben, so dass dieser zu seiner eigentlichen Nahrung wird.

Schon Jahre zuvor hatte Bruder Klaus ohne jegliche leibliche Nahrung gelebt. Neugierigen, die ihn wegen seines Fastens ausfragen wollten, antwortete er immer zurückhaltend: „Gott weiß es“. Lediglich seinem geistlichen Begleiter gegenüber erwähnte er einmal, dass ihn das vom Priester in der Heiligen Messe gebrochene und gegessene Brot unermesslich stärke, so dass er ohne Essen und Trinken sein könne, sonst möchte er das nicht erleiden. Mit seinem Fasten steht Klaus in einem wohltuenden Kontrast zum genuss- und wundersüchtigen Spätmittelalter. Er ist kein Kostverächter – weiß Gott nicht. Er weiß durchaus um die Freude einer liebevoll zubereiteten Mahlzeit. „In einem jeden Brot ist die Gnade des Allmächtigen Gottes verborgen“, sagt er einmal. Es ist die Erfahrung, die andere Mystiker auch gemacht haben: „Ich esse Gott in allen Bissen Brot“, sagen sie.

Die andere Seite der Medaille jedoch ist: Klaus weiß umgekehrt darum, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes hervorgeht (Dtn 8,3; Mt 4,4). Das Wort aber, das aus dem Munde Gottes hervorgeht, ist der Herr selbst. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“, heißt es bei Johannes (Joh 1,1). Von diesem Wort lebt der Einsiedler, das dann Gestalt annimmt im eucharistischen Brot, das ihn allein fast 20 Jahre seines Lebens im Ranft nährt.

Natürlich ist das eine besondere Gnadengabe Gottes an Bruder Klaus, die uns nicht geschenkt ist. Sie dient uns als Zeichen, über das Brot nicht das ewige Wort Gottes zu vergessen. Wovon leben wir? Vom Haben? Vom Geld haben, vom Freunde haben, vom Bücher haben, von Anerkennung haben, Geltung haben, Einfluss haben, Macht haben, Liebe haben, ... Wovon leben wir wirklich? Bruder Klaus leistet uns hier einen unschätzbaren Dienst. Er erinnert uns. Er erinnert uns daran, überall unserem Tun nicht „das Wort“ zu vergessen, das aus dem Munde Gottes hervorgeht und das allein leben lässt, leben lässt, weil es allein menschlichem Leben Sinn, Orientierung, Würde, Halt, Tiefe, Glück, Liebe, Annahme, im letzten das Leben schenkt, das Gott selber ist.

Damit er nie diesen Blick auf Gott verliere, darum verfügt seine Klause über ein „Fenster nach innen“, durch das sein Blick stets auf den Altar seiner Kapelle gelenkt wird, auf dem sich das heilige Geschehen seiner Gegenwart vollzieht. Neben diesem „Fenster nach innen“ gibt es allerdings auch das „nach außen“. Denn obwohl als Einsiedler lebend steht Bruder Klaus mit beiden Füßen in der Welt. So schreibt etwa der Mailänder Gesandte Bernardo Imperiali am 27. Juni 1483 an seinen Herzog über Bruder Klaus: „Io trovato informato del tutto“ – „Ich fand ihn über alles informiert“. Klaus ist auf dem Laufenden. Er lebt auf der Höhe der Zeit. Mit wachem Geist geht er den Dingen auf den Grund. Und deshalb suchen ihn die Menschen auf. Deshalb suchen sie seinen Rat, einen Rat, der aus der Tiefe, der Tiefe Gottes kommt. Was aus der Welt an ihn herangetragen wird, das trägt er im Gebet vor Gott. Was ihm im Gebet geschenkt wird, gibt er den Menschen zurück.

Wir sind heute, liebe Schwestern und Brüder, einer Flut von Informationen ausgesetzt. Anforderungen, die mit unserem Alltag verbunden sind, lassen uns manchmal kaum Zeit zum Luftholen. Bruder Klaus erinnert uns. Er erinnert uns, jeden Tag in die Tiefe zu gehen, um Gott als den Urgrund unseres Lebens in allem zu suchen. Es geht dabei im letzten um die Bereitschaft, sich jeden Tag auf das innere Abenteuer unseres Christseins einzulassen. Bruder Klaus erinnert uns hier: Wir können Gott nicht besitzen. Wer aber mit ihm anfängt, muss bereit sein, ein Leben lang zum Ganzen hin unterwegs zu bleiben. Das birgt die Bereitschaft in sich, mit ganzem Herzen auf ihn zu horchen und sein Leben bis in die letzten Nischen hinein von ihm her durchdringen zu lassen. Das heißt: das Leben nicht mehr einfach über sich ergehen zu lassen, die Szenen des Alltags nicht einfach vorbeiziehen zu lassen, sondern ihnen nachzusinnen. Zum Beispiel: Wie ist denn das Gespräch mit dem schwierigen Mitarbeiter heute Vormittag verlaufen? Habe ich ihn angenommen? Bin ich ihm gerecht geworden? Was hat Gott dabei von mir gewollt?

Bruder Klaus erinnert uns, mit gläubigem Ohr in die Abläufe unseres Alltages und dessen Zufälle, erst recht in die großen Vorkommnisse unseres Lebens hineinzuhorchen. Dann lernen wir mit der Zeit, zu vernehmen, was Gott uns darin bedeutet. Dann lernen wir, dass es keine Zufälle mehr gibt, sondern nur noch Fügungen. Dann wird mit der Zeit unser Wesen abgestimmt auf die Stimme dessen, der in allem und hinter allem wirkt. Dann gehen wir auf den ein, der uns entgegenkommt und dem wir entgegengehen. Dann wächst aus dieser Tiefe neues Leben für einen jeden von uns und für die Welt.

Weil Bruder Klaus dafür steht, kommen so viele Ratsuchende zu ihm. In einer Zeit voller Intrigen steht er über den Parteiungen. Sein überzeugendes Leben verleiht ihm höchste moralische Autorität. Als die Eidgenossen nach dem Sieg über Burgund wegen der reichen Beute und ob politischer Rivalitäten am Rande eines Bürgerkrieges stehen, kann er maßgebend zum Frieden beitragen (Stanser Verkommnis von 1481). Weil Bruder Klaus aus eigenem Erleben in jungen Jahren den Krieg kennengelernt hat, tritt er unentwegt für Frieden ein. In einem Brief an den Rat von Bern heißt es in diesem Zusammenhang: „Friede ist alleweg in Gott, denn Gott ist der Friede, und Friede mag nicht zerstört werden. Unfriede aber wird zerstört. Darum sollt ihr hinschauen, dass Ihr auf Frieden stellet“.

Bruder Klaus ist der festen Überzeugung: Aller Unfriede zerstört! Krieg löst keine Probleme! Krieg schafft immer nur neue, größere Probleme. Weil Menschen jedoch nur allzu selten darum wissen, was echten Frieden ausmacht, sind sie auch nur so selten imstande, echten, wahren Frieden zu schließen. Frieden erfordert immer Gerechtigkeit und Wahrheit. Weil sich aber die Menschen nach Bruder Klausens so unheimlicher „Pilatus-Vision“ von Wahrheit und Gerechtigkeit abwenden, ist wahrer Friede nur so schwer möglich. Denn einen solchen kann es für Bruder Klaus nur in Gott geben. Warum? Weil Gott allein der Friede ist. Das ist seine entscheidende Einsicht: Außerhalb von Gott ist kein Friede möglich. Er kann nur in Gott und von Gott her verwirklicht werden, da wahrer Friede nie menschliches Werk ist.

Unser Heiliger Vater, Papst Franziskus, hat in diesen Tagen angesichts der Krisensituation in Syrien und im gesamten Nahen Osten mehrfach in ähnlicher Weise Frieden eingefordert. Nie wieder Krieg, so hat er ausgerufen und zugleich eine Kultur der Begegnung und des Dialogs als einzigen Weg zum Frieden angemahnt. Bruder Klaus erinnert uns: Eine solche Kultur der Begegnung und des Dialogs kann nur aus der Begegnung mit Gott erwachsen, wenn ein wahrer, ein echter Friede erreicht werden will. Gerade deshalb hat ja auch der Papst zu Fasten und Gebet aufgerufen, da auch er – wie Klaus von der Flüe – weiß: „Friede ist alleweg in Gott. Denn Gott ist der Friede“. Amen