Gott hat ein menschliches Herz

Impuls zum 10. Sonntag im Jahreskreis

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 548 klicks

Im Evangelium des heutigen Sonntags wird berichtet, wie Jesus, von Mitleid gerührt, den soeben verstorbenen Sohn einer Witwe zum Leben erweckt. Die Tränen der Frau, die ihren einzigen Sohn beweint, rühren das Herz des Herrn.

Nicht zufällig hören wir diese Perikope am Sonntag nach dem Herz-Jesu-Fest. Nach den zahlreichen Festen, die sich an Ostern anschließen, haben wir immer wieder feststellen müssen, dass Gott die Menschen offensichtlich nicht nur sehr liebt, sondern dass vielmehr seine Liebe zu uns schier grenzenlos ist. Kaum hat er ein großes Werk seiner Erlöserliebe vollbracht, denkt er schon an das nächste. Ja, man kann sagen, dass der Verlauf der Heilsgeschichte seine Menschenliebe von Mal zu Mal immer deutlicher hervortreten lässt. In einem wahren Crescendo erleben wir, wie nach dem ersten Sündenfall zunächst das Heil nur angekündigt wird, wie dann der ganze Alte Bund in vielen Beispielen von Gottes Barmherzigkeit spricht (so auch in der heutigen Lesung aus dem Buch der Könige, wo der Prophet Elija einen toten Knaben in der Kraft Gottes zum Leben erweckt, 1 Kön 17,20). Wie dann aber, als der Sohn Gottes selbst unter den Menschen wandelt, ein gewaltiger Schritt nach vorne getan wird in der Erlösung durch Christus, der sich am Kreuz für unsere Sünden hingibt, und der uns durch seine Auferstehung das Tor zum Himmel öffnet.

Immer tut der Herr vielmehr als eigentlich erforderlich. Eigentlich würde das genügen, was er den Menschen schon früher gegeben hatte. Das deutet er an in der Parabel vom reichen Prasser und dem armen Lazarus, wo der in der Hölle verlorene reiche Prasser Abraham darum bittet, dass er doch wenigstens seinen restlichen Brüdern erscheinen möge, um sie zu warnen. Worauf Abraham sagt, das bringt nichts und ist nicht nötig, denn „sie haben ja Mose und die Propheten.“ Damit könne der Mensch ohne weiteres den Weg zum Heil finden.

Umso eher müsste das Wissen um die Erlösung durch den gekreuzigten Christus genügen, damit der Mensch gerettet wird (und es gibt christliche Gemeinschaften, die im nachhinein die Fülle Christi wieder auf dieses geringere Maß reduziert haben). Aber das liebevolle Herz des Herrn wollte es uns noch leichter machen, indem er die Erlösung in die so leicht erreichbare Form der Sakramente gegossen hat. Die Erlösungsgnade wird zuallererst durch die Sakramente vermittelt.

Und alles, was damit zusammen hängt, spiegelt sich in den großen Festen nach Ostern.

Der Herr wollte in die Herrlichkeit des Vaters zurückkehren, um uns dort einen Ort zu bereiten (Christi Himmelfahrt), wollte aber gleichzeitig sichtbar bei uns bleiben (Fronleichnam). Er will uns einen anderen Beistand senden, der uns die von ihm geschenkte Wahrheit noch weiter erläutert (Pfingsten). Das höchste Glaubensgeheimnis, dass nämlich der eine Gott dreifaltig ist, steht stellvertretend für die anderen Glaubensgeheimnisse, die alle keine leblose Theorie, sondern für unseren Glauben lebenswichtig sind (Dreifaltigkeitsfest).

Das Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu, das wir soeben feierten, fasst alles zusammen: die Fülle der Geschenke Gottes erklärt sich aus der unendlichen Liebe, die im Herzen Christi herrscht.

Das sollte nun wirklich genügen.

Aber es gibt da ein neues Problem.

Das alles funktioniert nämlich nur, wenn die Einzelheiten unseres Glaubens, besonders die Sakramente bekannt sind. Und genau da fehlt es heute.

Die allgemeine Entchristlichung in den Familien und in der Öffentlichkeit, ein defizitärer oder ganz abwesender Religionsunterricht in den Schulen und die weitgehende Missachtung des Beichtsakraments in vielen Pfarreien tun ein übriges.

Mit einer pragmatischen, aber zugleich ganz herzlosen Einstellung könnten wir sagen: warum muss es überhaupt so kompliziert sein? Kann Christus nicht einfach allen Menschen ihre Sünden vergeben? Und alles wäre gut? Wäre das nicht sogar ein äußerstes Zeichen der Liebe Gottes?

Wenn es das wäre, hätte Gott es sicher so gemacht.

Eine solche allgemeine Amnestie würde jedoch die Freiheit und die Würde des Menschen gänzlich missachten. Dass der Mensch ein Sünder ist, nimmt Gott ihm ja nicht übel, aber dass er nur durch die Hinwendung zu Gott aus dem unangenehmen Zustand der Sünde heraus kann, ist wegen der von Gott so sehr respektierten Freiheit des Menschen unumgänglich.

Darüber hinaus aber will die buchstäblich unendliche Liebe Christi uns ja nicht nur vor dem Untergang bewahren. Das ist sozusagen der negative Aspekt. Der positive besagt, dass Gott uns aus unserer geschöpflichen Kleinheit und Enge herausführen will und in die höchsten Höhen der Dreifaltigen Gottheit emporführen will. Am Fest Christi Himmelfahrt betet die Kirche: „Er kehrt zu dir heim, nicht um uns Menschen zu verlassen, er gibt den Gliedern seines Leibes die Hoffnung, ihm dorthin zu folgen, wohin er als erster vorausging“ (Präfation vom Fest).

Die Überwindung der Sünde ist nur der Anfang. Dann aber wird es richtig spannend. Ohne Anstrengung geht es dabei allerdings nicht. Wenn wir “ihm folgen wollen, wohin er als erster vorausging“, müssen wir beherzigen, was er von sich selber sagt: “Lernt von mir! Ich bin gütig und selbstlos von Herzen!” (Matth. 11,29).

Nachfolge Christi – Imitatio Christi! Sanftmut, Demut sind nur zwei von den Tugenden Jesu, die wir nachahmen sollen und auch können. Dann auch Treue, Hilfsbereitschaft, Gehorsam, Reinheit, Selbstlosigkeit, Großherzigkeit usw.

Auch wenn einiges von uns verlangt wird, ist es der krönende Abschluss der fortwährenden Liebesbeweise Gottes, wenn er uns das schenken will: vergöttlicht zu werden, ihm ähnlich.

Unmittelbar nach dem Fest des Heiligsten Herzens feiern wir das Fest des Unbefleckten Herzens Mariens. Das ist sehr gut eingerichtet, denn von Maria kann man sagen, dass ihr Herz tatsächlich dem Herzen Jesu am ähnlichsten ist. Daher ist es so liebenswürdig und vermittelt uns die Liebe Christi in vollkommener Weise.

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Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).