Gott hat keinen furchtsameren Sünder als mich auf Erden gefunden

Das neue Buch "In Christus verliebt" von Pater Raniero Cantalamessa zeichnet ein Bild des wahren Franz von Assisi

Rom, (ZENIT.org) Luca Marcolivio | 417 klicks

Wer war der hl. Franz von Assisi wirklich? In welchem Ausmaß hat der Schutzpatron Italiens die Geschichte der Kirche verändert? War er tatsächlich ein Revolutionär oder vielmehr ein Verfechter einer evangelischen Radikalität? Aus welchem Grund ist seine Gestalt nach wie vor von Aktualität? Warum hat Jorge Mario Bergoglio bei seiner Wahl zum römischen Papst seinen Namen angenommen?

Diese und weitere Fragen beantwortete Pater Raniero Cantalamessa in seinem neuen Buch „Innamorato di Dio. Il segreto di San Francesco“ (Titel der deutschen Ausgabe: „In Gott verliebt. Das Geheimnis des hl. Franziskus“). Das Werk wird von ZENIT Books herausgegeben. In einem Exklusivinterview mit ZENIT gab der Prediger des Päpstlichen Hauses einige Inhalte seines Essays bekannt, der sich als eine der eingehendsten Auseinandersetzungen mit einem der weltweit am meisten verehrten Heiligen ankündigt.

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Pater Raniero, worin besteht das „Geheimnis“ des hl. Franziskus?

Pater Raniero Cantalamessa: Dabei handelt es sich um keine Vorstellung, sondern um eine Person mit einem präzisen Namen: um den „gekreuzigten Jesus Christus”. Mit anderen Worten besteht sein Geheimnis in einer maßlosen Liebe zu Christus. Durch die Hinzufügung weiterer Erklärungen läuft man Gefahr, die Kraft dieses brennenden Kerns seiner Persönlichkeit zu verwässern.

Franziskus war weder ein Intellektueller noch ein Heiler: Woraus entspringen daher sein Charisma und seine Beliebtheit?

Pater Raniero Cantalamessa: Ja, das ist überraschend. Sein junger Nachfolger Antonius aus Padua übertrifft den Gründer des Minderbrüderordens in Bezug auf Wunder, Heilungen und gewissermaßen auch Beliebtheit.  Die Gründe für die Beliebtheit des hl. Franziskus sind von größerer Komplexität. Aufgrund der Gesamtheit seiner Person und all seines Handelns erfährt das Menschsein selbst Psychologen mit dem hl. Franziskus eine der vollkommensten und faszinierendsten Verwirklichungen. Auf die Frage seines Wegbegleiters Bruder Masseo: „ Warum läuft dir die gesamte Welt hinterher?“ antwortete Franziskus eines Tages: „Weil Gott keinen furchtsameren Sünder als mich auf Erden gefunden hat“. Diese Antwort war ehrlich, entsprach jedoch nicht der Wahrheit! Tatsächlich läuft die Welt Franziskus mehr als acht Jahrhunderte später immer noch hinterher, da in ihm jene Werte zur Verwirklichung gelangen, nach denen alle Gläubigen und Nichtgläubigen insgemein streben: Freude, Friede und Brüderlichkeit.

Was bewog ihn dazu, das Evangelium auf so radikale Weise zu leben?

Pater Raniero Cantalamessa: Dies führt uns zurück zu der Frage nach dem „Geheimnis“ von Franziskus. Der Beweggrund für eine so radikale Nachfolge des Evangeliums war eine radikale Liebe zum Urheber des Evangeliums. Radikalität ist das Kennzeichen der Heiligen. Diese gehen bis zum Äußersten, sie ziehen nicht einmal in Betracht, an einem Zwischenziel Halt zu machen. Im Falle des hl. Franziskus hat die Radikalität auch eine historische Ursache: die Feststellung, wie leicht das Evangelium mit den von ihm als „Glossen“ bezeichneten juristischen Ausdeutungen abgemildert werden kann. Dies erklärt den folgenden zuweilen lautstarken Ruf des Heiligen: „Sine glossa! Sine glossa!“ (Ohne Glosse! Ohne Glosse), d.h. ohne jegliche Präzisierung.

Worauf ist seine Fähigkeit zurückzuführen, das Leiden zu lieben und Sünder zu umarmen?

Pater Raniero Cantalamessa: Aus dem Testament des hl.  Franziskus geht dies klar und deutlich hervor: „Der Herr selbst hat mich zu ihnen geführt“. Seine Liebe zu Christus veranlasste ihn dazu, sich zu den am meisten gebeugten Gliedern seines Leibes zu begeben. Manche sind von der Liebe zu den Armen zur Liebe zu Christus gekommen (beispielsweise Simone Weil); andere hat die Liebe zu Christus zur Liebe zu den Armen geführt. Franziskus zählt zur letztgenannten Kategorie.

In jüngerer Zeit wurde Franziskus als „der erste Umweltschützer der Geschichte“ bezeichnet: Ist diese Definition nicht anachronistisch?

Pater Raniero Cantalamessa: De facto hat Franziskus in seinen Predigten thematisiert, was heute unter dem Namen Umweltschutz bekannt ist. Franziskus praktizierte Umweltschutz jedoch aus anderen Gründen als heute. In der Schöpfung betrachtete Franziskus als Werk und Ebenbild Gottes. Gegenüber der Schöpfung nahm er keine soziologische, sondern eine doxologische Haltung ein, und somit keine utilitaristische, sondern eine der Betrachtung und der Verherrlichung. Der Himmel und die Erde waren für ihn ebenso wie für die Bibel voll von der Herrlichkeit Gottes und er wollte diesen Lobpreis singen. Die Wiederherstellung von Teilen dieser religiösen Haltung würde dem modernen Umweltschutz äußerst gut tun. Andernfalls wird diesem einer der stärksten Anreize für die Achtung der Natur abhandenkommen.  Niemand hat die Geschöpfe so sehr genossen wie er – Bruder Sonne, Schwester Mond, Mutter Erde -, der keines von ihnen besitzen wollte.

Welche Beziehung bestand zwischen Franziskus und dem Islam, besonders im Kontext der Kreuzzüge? Ist diese Botschaft noch aktuell?

Pater Raniero Cantalamessa: Die in den Franziskanischen Quellen enthaltene und von zeitgenössischen Quellen (Giacomo di Vitry) attestierte Episode von  seiner friedlichen Begegnung mit dem Sultan von Ägypten während des Kreuzzuges, dem er angehörte. Auch aus dieser Perspektive bleibt Franziskus ein historischer Einzelfall. Als Mann des Friedens führte er mit niemandem jemals Polemiken; weder mit Häretikern noch mit Sarazenen. Er wollte sein wahres Gesicht des Christusevangeliums zeigen. Die Wahl von hl. Johannes Paul II. auf Assisis als Begegnungsort der verschiedenen Religionen wählte erfolgte in Anerkennung dieser Vorreiterrolle des Armen von Assisi.

Aus welchem Grund wählte Papst Bergoglio den Namen des Heiligen aus Assisi?

Pater Raniero Cantalamessa: Die Erklärung hat er uns selbst geliefert. Zum Zeitpunkt seiner Wahl hat ein mit ihm befreundeter Kardinal, der Brasilianer Claudio Hummes, ihm Folgendes zugeflüstert: „Vergiss die Armen nicht“. Er antwortete, dass er sofort auf Franz von Assisi gedacht habe. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass ihm dieser Name von einem Höherstehenden als dem Kardinal gegeben wurde. Gewiss ist auf jeden Fall, dass niemand würdiger ist als er, ihn auf seinen Schultern zu tragen. Dies zeigen uns die Tatsachen.

Welche Affinität existiert zwischen der in den Predigten von Papst Franziskus  zum Ausdruck gebrachten Armut und jener des Schutzpatrons von Italien?

Pater Raniero Cantalamessa: Der Unterschied besteht in der „Form“ der Armut dieser beiden Fälle (was bei so unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Epochen unvermeidlich ist), während der in der Einfachheit und Nüchternheit des persönlichen Lebens und der Liebe zu den Armen verlebendigte „Geist“ identisch ist. Ich glaube, dass Franz von Assisi im Himmel sehr glücklich darüber ist, auf Erden so gut von jemandem verkörpert  zu werden, dem er sich zu Lebzeiten mit grenzenlosem Respekt und Verehrung mit den Worten „Herr Papst“ zuwandte.

Die deutsche Ausgabe des Buches kann man hier bestellen.