Gott im Internet

Priestererlebnis von Julio Roldán García, Spanien

Wien, (ZENIT.org100Wunder) | 559 klicks

Seit meiner Priesterweihe sind zwanzig Jahre vergangen. Ich möchte hier aber nicht über mich sprechen, sondern über das Potential, das durch das Internet für die Evangelisierung freigesetzt werden kann. In den Pfarreien, in denen ich zuletzt tätig war, habe ich einige Seiten für das Internet erstellt. Das gab mir immer wieder die Möglichkeit, mit vielen Menschen in Kontakt zu treten, besonders mit solchen, die der Kirche fern stehen. Gerne vermittle ich dabei allen, dass sie mich nicht nur in der Kirche, sondern beispielsweise auch auf dem Blog ‚Hirte und Bruder‘ antreffen können. Natürlich bin ich für sie auch über E-Mail oder auf Facebook zu erreichen.

Die Liste der Freundschaften, die ich so über das Internet pflege, ist wirklich sehr lang. Zu den vielen Menschen, die ich dort kennengelernt habe, gehört auch Irene, eine zwanzigjährige Studentin. Sie hatte meine Adresse auf einer meiner Webseiten gefunden und mir eine Mail geschickt. Sie schrieb, dass sie nach geistlicher Orientierung suche, dass sie zwar nicht an Gott glaube, ihn aber intensiv suche. Ihr Ziel war es, Gott kennenzulernen. Irene war an Brustkrebs erkrankt und das bereitete ihr große Angst. Sie wusste, dass sie bald sterben würde.

Eines Tages schrieb sie mir: „Ich habe Krebs und habe große Angst. Ich trage diese Krankheit in mir und weiß nicht, was ich machen soll. Ich kann nicht einmal dagegen ankämpfen. Die medizinische Behandlung ist sehr kostspielig und meine Mutter ist die Einzige in meiner Familie, die zurzeit noch arbeitet. Ich habe eine Biopsie machen lassen und jetzt schaut man, wie weit sich der Tumor schon ausgebreitet hat. Ich habe Angst und weiß nicht mehr ein noch aus. Ich weine sogar, während ich Ihnen schreibe. Ich weiß nicht, was passieren wird.“

Diese Worte erreichten mich kurz vor ihrem Tod. Am Tag nach ihrem Ableben hat mir ihr Bruder Georg eine Mail geschickt, um mich davon in Kenntnis zu setzen. Er schrieb mir auch, dass er bei Irene eine an mich adressierte Botschaft gefunden habe und dass sie keine Zeit mehr gefunden hatte, sie mir zu schicken.

Da sie wusste, dass sie bald sterben würde, hatte sie mir diese Zeilen geschrieben:

„Hallo, ich möchte Ihnen viele Dinge erzählen… Vor allem möchte ich Ihnen einige Fragen stellen: Woher kommen wir? Warum leben wir? In diesem Moment schmerzt mein ganzer Körper. Ich bin schwach, habe Augenringe und ich erkenne mich fast nicht mehr wieder. Ich spüre, dass mein Leben nun zu Ende geht. Aber mehr noch als vor dem Tod, fürchte ich mich vor dem, was mich im Jenseits erwarten wird. Sie haben mir immer gesagt, dass Gott mich liebt, und ich wollte auch daran glauben. Sie haben mich mehr als alle anderen davon überzeugen können.

Sie waren der Einzige, der mich nicht verurteilt hat, und der auch keine Vorurteile hatte, als ich offen sagte, dass ich nicht an Gott glaube. Für mich sind Sie ein wahrer Freund, ich habe Sie unendlich gern, auch wenn wir weit entfernt sind voneinander. Ich weiß jetzt ganz bestimmt, dass Gott mein Freund ist. Aber das wissen Sie sowieso besser als ich. Gott wird mich nicht verurteilen, weil ich anders bin als die Gläubigen. Er wird mir meine Fehler sicher verzeihen. Auch wenn ich in die Hölle kommen sollte, werde ich immer noch gut über Sie reden. Ich werde Gott danken – sollte er wirklich existieren -, dass er mir Sie zur Begleitung auf den Weg geschickt hat, auch wenn nun mein Leben bald zu Ende sein wird… Mein Leben war alles andere als einfach, aber dank Ihrer Hilfe war es sicher leichter zu ertragen.“

Als ich diese Zeilen las, kullerten mir die Tränen über die Wangen. Eine Mischung aus Traurigkeit und Freude überkam mich: Schmerz wegen des Verlustes dieser so jungen Frau, die in ihrem Leben auf der Suche nach den Spuren Gottes war; Freude über das unerwartete, bleibende Gut, wovon in dieser ihrer letzten Mail die Rede war.

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