Gott ist die Liebe

Zweite Fastenpredigt von P. Raniero Cantalamessa

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Vatikanstadt, 1. April 2011 (ZENIT.org). - Die Existenz eines Gottes, der nicht die Liebe ist, wäre für den Menschen keine freudige, sondern eine eher bedrohliche Tatsache. So stellte der Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa in seiner zweiten Fastenpredigt heute die beglückende Botschaft vor, die nur der christliche Glaube verkündet: dass Gott die Liebe ist. Er nahm damit das Thema der ersten Fastenpredigt wieder auf, Liebe in all ihren Formen, die bräutliche Liebe, die barmherzige Liebe, als Eros und Agape.

„Am Anfang war die Liebe und die Liebe war bei Gott und die Liebe war Gott." Diese Abwandlung des Johannesevangeliums könne am besten erklären, wie Gott, der von Ewigkeit her Liebende, alles aus Liebe schuf, so Pater Cantalamessa. Schon für den hl. Augustinus sei nicht die Frage am wichtigsten gewesen, ob Gott existiere, sondern, ob er die Liebe sei.

„Wenn er, als Hypothese, existierte, aber nicht die Liebe wäre, hätte man von seiner Existenz mehr zu befürchten als sich an ihr zu freuen, wie es bei verschiedenen Völkern und Zivilisationen der Fall ist", betonte der päpstliche Prediger.

Ausgangspunkt der Meditation über dieses Thema war die Lehre von der göttlichen Dreifaltigkeit.

„Warum glauben Christen an die Dreifaltigkeit? Die Antwort ist: Weil sie glauben, dass Gott die Liebe ist." Wo Gott nur als höchstes Gesetz begriffen werde, bedürfe es keiner Pluralität der Personen. Nur die Liebe, die immer definiert ist durch ein Gegenüber, durch ein „Sich-Verströmen-Wollen", mache dieses Geheimnis verständlich:

„Gott ist Liebe in sich selbst, vor aller Zeit, denn von Ewigkeit her hat er einen Sohn, das Wort, den er mit einer unendlichen Liebe liebt, die der Heilige Geist ist. In jeder Liebesbeziehung gibt es immer drei Realitäten oder Subjekte: jemanden, der liebt, etwas, das geliebt wird und die Liebe, die beide vereint."

Da das Handeln dem Sein entspringe, seien die Schöpfung und die Erschaffung des Menschen Ausfluss der unendlichen Liebe Gottes.
Pater Cantalamessa:„Wie weit entfernt ist unter diesem Gesichtspunkt die christliche Schöpfungslehre des Universums von der des atheistischen Szientismus, an die wir uns im Advent erinnerten! Eines der tiefsten Leiden für einen Jugendlichen oder ein Mädchen würde es bedeuten, eines Tages erkennen zu müssen, dass sie aus Zufall in der Welt sind, nicht gewollt, nicht erwartet, möglicherweise ein Fehler der Eltern!"

Diese Liebe Gottes zu uns Menschen sei aber nicht nur Agape, sei nicht nur Barmherzigkeit, sondern vor allem auch Eros im reinen Sinn: Anziehung an das Objekt der eigenen Liebe und Faszination durch dessen Anziehungskraft und Schönheit.
Die göttliche Liebe habe weiterhin väterliche wie mütterliche Aspekte.
„Während der Gott der heidnischen Philosophen gegenüber den Menschen nur ‚eine Seele eines Vaters hat, der sie ohne Nachsicht liebt ...‘, hat der biblische Gott hingegen auch die Seele einer Mutter, die ‚mit Nachsicht‘ liebt."

Von dem Vergleich der göttlichen mit der bräutlichen Liebe sei die ganze Bibel durchzogen, um uns einen Eindruck seiner leidenschaftlichen Liebe zu uns zu geben. Die höchste Stufe der Liebe Gottes sei seine Fleischwerdung durch Jesus Christus:

„ Gott wollte die Fleischwerdung seines Sohnes nicht nur, um jemanden außerhalb seiner selbst zu haben, der ihn in der ihm gebührenden Weise lieben würde, sondern auch und vor allem, um außerhalb seiner selbst jemanden zu haben, den er in der ihm gebührenden Weise lieben kann! Und dies ist sein fleischgewordener Sohn, an dem der Vater ‚sein Wohlgefallen hat...‘"

Durch Pfingsten werde die Liebe Gottes, an der wir durch Jesus Christus teilhaben, bis zum Zeitpunkt des Weltendes wirksam.
Die einzige Antwort, die der Mensch auf dieses Geheimnis geben könne, sei, darüber zu staunen und Gott mit seiner ganzen Kraft wiederzulieben. Die Welt heute, wo Zynismus und Enttäuschung Menschen hervorbringe, die überhaupt nicht mehr an Liebe glaubten, brauche mehr denn je diese Botschaft, die nur von den Jüngern Christi verkündet werden könne:

„Aber niemand, ich sage niemand, keiner der Philosophen, keine der Religionen, sagt dem Menschen, dass Gott ihn liebt, ihn zuerst geliebt hat und ihn mit einer Liebe voll Erbarmen und voller Sehnsucht liebt: mit Eros und Agape."

Alles, was in der Welt Angst macht, in unserem Inneren und von außen stammend, könne mit dieser Gewissheit überwunden werden:

„Aber Gott liebt mich und das reicht! Gott liebt mich und das genügt!"

Jan Bentz