„Gott ist nicht verschwunden! Er ist immer da!“ – Sorgen und Hoffnungen von Kardinal Vlk

Der Prager Erzbischof im Gespräch mit „Kirche in Not“

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PRAG, 27. März 2007 (ZENIT.org).- Die Lebensgeschichte von Miroslav Vlk klingt für heutige Ohren sehr ungewöhnlich. Nein, er hat es nicht vom Schuhputzer zum Millionär geschafft, aber immerhin vom Fensterputzer zum Kardinal. Wie so viele Priester in der früheren Tschechoslowakei durfte Vlk in der Zeit des Kommunismus seinen Priesterberuf nicht ausüben. Er musste seinen Lebensunterhalt durch die Arbeit als Fensterputzer, später als Archivar einer Bank bestreiten. Diese Zeit möchte der 74-Jährige trotz aller Widerwärtigkeiten nicht missen: „Die Verfolgung hat uns geholfen, Gott treuer zu sein. Wer hätte uns auch sonst helfen können?“



Am Anfang, als die Kommunisten die Macht ergriffen, glaubte so mancher in der Tschechoslowakei noch, die Amerikaner würden eingreifen. Aber das war nur eine Illusion, und wahrscheinlich war der Wunsch der Vater des Gedankens. „Nur Gott war unser Licht“, sagt der Kardinal. Und was sieht man heute? „Die Kommunisten sind weg. Aber Gott ist nicht verschwunden! Er ist immer da!“

Einer aktuellen Umfrage zur Folge glaubt die Hälfte der Bevölkerung Tschechiens nicht an Gott. Damit ist der Nachbarstaat das am stärksten atheistisch geprägte Land der Erde. Für Kardinal Vlk ist das jedoch kein Grund zum Resignieren. Vielmehr zeigt er mit Zuversicht auf die Seelsorge, die sich gewandelt hat. Sein Klerus müsse sich einfach auf diese Situation einstellen und neue Wege beschreiten, betont der Prager Erzbischof.

Manche Priester nutzen zum Beispiel Beerdigungen als Gelegenheit zur Neu-Evangelisierung. Beisetzungen sind oftmals das einzige Ereignis, bei dem viele Menschen mit der Kirche in Kontakt kommen. Die Geistlichen gestalten ihre Predigten so, dass die Trauergäste die wesentlichen Glaubensinhalte kennen lernen. Die Erfahrungen geben ihnen Recht. Der Kardinal erkennt eine „Sehnsucht nach Gott“ und freut sich über die wachsende Zahl von Menschen, die sich taufen lassen wollen. In seinem Erzbistum wurden im vergangenen Jahr 65 Erwachsene feierlich als Taufbewerber in das so genannte Katechumenat aufgenommen. Die meisten von ihnen sind zwischen 20 und 25 Jahre alt.

Bei allem Optimismus macht sich der ehemalige Präsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen durchaus auch Sorgen: „Die Gesellschaft verliert die gemeinsamen Grundwerte.“ Vor allem wird die Achtung vor dem menschlichen Leben immer geringer, Egoismus macht sich breit. Viele Menschen seien zudem der Politik überdrüssig geworden. „Das Niveau der Politik ist unter Null. Die Menschen verlieren den Geschmack an der Politik“, bringt es der Kardinal auf den Punkt. Dabei sei es doch ausgesprochen wichtig, sich für andere und für die Gesellschaft einzusetzen. „Gott hat uns nach seinem Bilde erschaffen, und das Leben füreinander ist etwas, was mit dem Blut in unseren Adern fließt. Eine Gesellschaft kann nicht auf Egoismus aufgebaut sein, sondern es gehört zur menschlichen Identität, sich einander zu öffnen.“

Ein Ort für Suchende

Was kann die Kirche tun? Vor allem muss sie nach Ansicht des Prager Erzbischofs Zeugnis ablegen. Das gelebte Zeugnis findet Beachtung und löst in den menschlichen Herzen einen Widerhall aus. „Wir kämpfen nicht; wir mischen uns auch nicht in die Politik ein“, sagt der Kardinal. Die wichtigste Herausforderung, die sich der Kirche heutzutage stellt, besteht seiner Meinung nach darin, bei aller Aktivität vor allem ihr geistliches Leben zu vertiefen.

Besonders liegt dem Erzbischof die Einrichtung von Seelsorge- und Jugendzentren am Herzen, in denen nicht nur Gläubige, sondern auch Suchende einen Ort finden, an dem sie in Kontakt mit der Kirche kommen können. Wichtig seien solche Zentren vor allem in großen Wohnsiedlungen. Nach Einschätzung Vlks seien sie dort nicht nur ein Mittel der Evangelisierung, sondern auch eine Auffangstelle für Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft und ihre innere Heimat noch nicht gefunden haben. Solche Begegnungsstätten können ein wichtiger Beitrag zur Gesundung der Gesellschaft sein.

Diese Initiativen werden vom weltweiten katholischen Hilfswerk Kirche in Not unterstützt. Ebenso erfährt durch das Hilfswerk die Priesterausbildung im Erzbistum Prag finanziellen Beistand. Derzeit bereiten sich 25 Männer auf die Priesterweihe vor - viel zu wenige laut Kardinal Vlk. Der Dank für die Hilfe kommt mit „barer Münze, aber in anderer Währung“ zurück, nämlich durch die Zusicherung des Gebets. „Viele werden die Kirche aufgrund ihrer Werke verstehen - eine Kirche, die dient, hat ein Antlitz, das den Menschen etwas sagt.“