Gott nicht kennen, die wahre Krankheit der Seele

Predigt Benedikts XVI. am Hochfest der Apostel Petrus und Paulus

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ROM, 30. Juni 2009 (ZENIT.org).- „Folgen wir der Lehre der großen Gründerapostel? Kennen wir die beiden wirklich?“ Mit diesen Fragen leitete Benedikt XVI. am gestrigen Hochfest der heiligen Apostel Petrus und Paulus seine Predigt zum Pontifikalhochamt auf dem Vorplatz des Petersdoms ein. Anhand der Paulus- und Petrusbriefe legte der Papst die besondere Stellung und Aufgabe der Kirche von Rom und dessen Bischof dar. Die neuen Metropolitanerzbischöfe, denen er das Pallium überreichte, rief er auf, ihre Gemeinschaft mit dem Nachfolger des Petrus zu stärken.



Der erste Brief des Apostels Petrus ist, wie Papst Benedikt ausführte, ein „äußerst reichhaltiger Text, der von Herzen kommt und zu Herzen geht“. Petrus fordere die Christen auf, „die Lehre der Apostel“ aufzunehmen, die den Weg zum Leben weise. Im Mittelpunkt dieses Textes stehe die Gestalt Christi als Leidender und Liebender, und anschließend wende sich Petrus als derjenige an den Hirten aller Generationen, der persönlich vom Herrn beauftragt worden sei.

„Was sagt uns der heilige Petrus – gerade im Priesterjahr – über die Aufgabe des Priesters?“, fragte Benedikt XVI. Vor allem verstehe er den priesterlichen Dienst von Christus her, dem „Hirten und Bischof eurer Seelen“. Mit diesem Ausdruck sei ein „Sehen von oben“ gemeint, „ein Sehen von der Erhabenheit Gottes aus“. Dieses Sehen sei ein Sehen der Liebe, die dem anderen dienen wolle.

„Wenn man von Gott ausgehend schaut, hat man einen Blick auf das Ganze: Man sieht sowohl die Gefahren als auch die Hoffnungen und Möglichkeiten. Aus der Perspektive Gottes sieht man das Wesentliche, sieht man den inneren Menschen. Wenn Christus der Bischof der Seelen ist, dann besteht das Ziel darin zu verhindern, dass die Seele des Menschen verarmt; dann gilt es, dafür zu sorgen, dass der Mensch das Wesentliche in ihm nicht verliert: die Fähigkeit zur Wahrheit und zur Liebe.“

Jesus sei der Inbegriff jedes bischöflichen und priesterlichen Dienstes, hob Papst Benedikt hervor. Bischof und Priester sein bedeute aus dieser Perspektive heraus die Position Christi einnehmen, von seiner erhobenen Position aus denken, sehen und handeln, „von ihm ausgehend sich den Menschen zur Verfügung stellen, damit sie das Leben finden“.

Das Wort „Bischof“ und „Hirt“ werde somit austauschbar. Der Bischof müsse vorangehen, den Weg weisen, die Einheit der Herde bewahren. Dabei genüge das Reden allein nicht, wie Petrus erkläre: Die Hirten müssten zu „Vorbildern für die Herde“ werden.

Benedikt XVI. verwies in diesem Zusammenhang auf zwei weitere Aussagen des heiligen Petrus. Bei ersteren handelt es sich um diese Aufforderung: „Haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15).

Der christliche Glaube sei Hoffnung, kommentierte der Papst – eine Hoffnung, die Vernünftigkeit besitze, die herausgestellt werden könne und müsse. „Der Glaube geht aus der ewigen Vernunft hervor, die in unsere Welt gekommen ist und uns den wahren Gott gezeigt hat. Das geht über die unserer Vernunft eigenen Fähigkeiten hinaus, so wie die Liebe mehr sieht als der einfache Verstand. Doch der Glaube spricht zur Vernunft und kann der Vernunft im dialektischen Vergleich standhalten. Er widerspricht ihr nicht, sondern er kann mit ihr Schritt halten und führt gleichzeitig über sie hinaus – er führt den Menschen in die größer Vernunft Gottes ein.“

Die Hirten hätten deshalb die Aufgabe, „die Vernunft des Glaubens zu erfassen; die Aufgabe, ihn nicht einfach eine Tradition bleiben zu lassen, sondern ihn als Antwort auf unsere Fragen zu erkennen“. Der Glaube erfordere die vernünftige Teilhabe, die in einer Gemeinschaft der Liebe vertieft und gereinigt werde. „Es gehört zu unseren Aufgaben als Hirten, den Glauben mit dem Denken zu durchdringen, um im Disput unserer Zeit die Vernunft unserer Hoffnung zeigen zu können.“

Die zweite Aussage des Petrus, auf die Benedikt XVI. Bezug nahm, sind dessen Worte vom Kosten, das zum Sehen führt (1 Petr 2,3). „Nur in der wirklich erfahrenen Gemeinschaft mit dem Herrn werden sie sehend. Das gilt für uns alle: Über das Denken und das Reden hinaus bedürfen wir der Erfahrung des Glaubens; der lebendigen Beziehung zu Jesus Christus“, so Benedikt XVI.

„Der Glaube darf keine Theorie bleiben: Er muss Leben sein. Wenn wir im Sakrament dem Herrn begegnen; wenn wir im Gebet mit ihm sprechen; wenn wir in den täglichen Entscheidungen Christus folgen: Dann ‚sehen’ wir immer mehr, wie gut er ist. Dann erfahren wir, dass es gut ist, mit ihm zu sein.“

Aus dieser erlebten Gewissheit komme die Fähigkeit, anderen Menschen den Glauben auf überzeugende Weise zu vermitteln. „Der Pfarrer von Ars war kein großer Denker. Doch er ‚verkostete‘ den Herrn. Er lebte mit ihm neben den großen Erfordernissen des Hirtenamtes bis in die alltäglichen Kleinigkeiten hinein. Auf diese Weise wurde er einer, der sieht. Er hatte gekostet, und daher wusste er, dass der Herr gut ist.“

Am Ende seiner Predigt verwies der Papst noch auf jenes Petruswort, nach dem das Ziel des Glaubens das Seelenheil sei.

„Das Wort ‚Seele‘ ist in Verruf geraten“, so Benedikt XVI. „Man sagt, dies würde den Menschen in einen physischen und einen psychischen Teil, in Leib und Seele aufspalten, während er in Wirklichkeit eine unteilbare Einheit sei. Zudem scheint das ‚Seelenheil‘ als Ziel des Glaubens Zeichen eines individualistischen Christentums zu sein, eines Verlusts an Verantwortung für die Welt in ihrem Ganzen, in ihrer Körperlichkeit und in ihrer Materialität.“

Von all dem finde sich nichts im Brief des heiligen Petrus. Vielmehr gehe es darum, dass die Nachlässigkeit gegenüber der Seele, die Verarmung des inneren Menschen, nicht nur den Einzelnen zerstöre, sondern das Schicksal der Menschheit insgesamt bedrohe. Die wahre Krankheit der Seele bestehe nämlich in der Unkenntnis Gottes. Zugleich müsse der Mensch der Wahrheit gehorsam sein, da nur die Wahrheit das Herz rein mache. „Der Gehorsam zur Wahrheit beginnt bei den kleinen, alltäglichen Wahrheiten, die häufig schwierig und schmerzlich sein können. Dieser Gehorsam erstreckt sich dann bis hin zum vorbehaltlosen Gehorsam gegenüber der Wahrheit selbst, die Christus ist. Dieser Gehorsam macht uns nicht nur rein, sondern vor allem auch frei für den Dienst für Christus und somit für das Heil der Welt, der immer bei der gehorsamen Reinigung des eigenen Herzens durch die Wahrheit beginnt.“

Zum Schluss wandte sich Benedikt XVI. direkt an die 34 neuen Metropolitanerzbischöfe, die das Pallium empfangen sollten. Das Pallium wurde aus der Wolle von Lämmern gewoben, die der Papst am Fest der heiligen Agnes gesegnet hatte.

„Auf diese Weise ruft es die Lämmer und die Schafe Christi in Erinnerung, die der auferstandene Herr dem Petrus mit dem Auftrag anvertraut hat, sie zu weiden (vgl. Joh 21,15-18). Es ruft die Herde Jesu Christi in Erinnerung, die ihr, liebe Brüder, in Gemeinschaft mit Petrus weiden sollt. Es ruft uns Christus selbst in Erinnerung, der als Guter Hirt das verlorene Lamm auf die Schultern genommen hat, die Menschheit, um sie nach Hause zurückzubringen. Es ruft uns die Tatsache in Erinnerung, dass er, der oberste Hirt, selbst zum Lamm werden wollte, um von Innen die Last unser aller Schicksal auf sich zu nehmen; um uns zu tragen und von Innen her zu heilen. Wir wollen den Herrn bitten, dass er uns die Gnade gewähren möge, in seinen Spuren gerechte Hirten zu sein, ‚nicht aus Zwang, sondern freiwillig, wie Gott es will … aus Neigung … für die Herde’ (1 Petr 2f).“