„Gott segne Amerika“ - Erste Ansprache Benedikts XVI. in den USA

„Freiheit ist nicht nur ein Geschenk, sondern auch eine Aufforderung zur persönlichen Verantwortung“

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WASHINGTON, D.C., 18. April 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 15. April zum Auftakt seines Besuchs in den USA auf der Andrew Airforce Base bei Washington gehalten hat.

Der Heilige Vater appellierte an die Verantwortung der Politiker und aller Amerikaner, ihr reiches Erbe weiterzutragen. „Die Erhaltung der Freiheit ruft dazu auf, Tugenden, Selbstdisziplin und das Opfer zugunsten des Gemeinwohls zu pflegen und einen Verantwortungssinn für die zu entwickeln, denen es weniger gut geht. Es braucht auch den Mut, sich im Leben zu engagieren und seine tiefsten Überzeugungen und Werte in eine vernünftige öffentliche Debatte einzubringen. Mit einem Wort: Freiheit ist immer neu. Sie ist eine Herausforderung an jede Generation, und muss um des Guten willen immer wieder neu erworben werden.“

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Sehr geehrter Herr Präsident,

Ich danke Ihnen für Ihre freundlichen Worte, die Sie stellvertretend für alle Menschen der Vereinigten Staaten von Amerika gesprochen haben. Ich schätze Ihre Einladung, dieses wunderbare Land zu besuchen, zutiefst. Mein Besuch überschneidet sich mit einem wichtigen Moment für das Leben der katholischen Gemeinschaft in Amerika: die Feierlichkeiten zum 200. Gedenktag an die Erhebung der ersten Diözese dieses Landes, Baltimore, zu einer Erzdiözese sowie der Errichtung von Bischofssitzen in New York, Boston, Philadelphia und Kentucky. Ich bin glücklich, dass ich als Gast aller Amerikaner hier sein darf. Ich komme als Freund, als ein Verkünder des Evangeliums und als jemand, der großen Respekt für diese enorm pluralistische Gesellschaft hat. Amerikas Katholiken haben einen hervorragenden Beitrag für das Leben ihres Landes geleistet, und leisten ihn immer noch. Am Beginn meiner Reise vertraue ich darauf, dass meine Anwesenheit eine Quelle der Erneuerung und Hoffnung für die Kirche in den Vereinigten Staaten sein wird. Ich vertraute darauf, dass die Katholiken in ihrer Entschlossenheit bestärkt werden, immer mehr Verantwortung für das Leben dieser Nation zu übernehmen, auf die sie so stolz sind, ihre Bürger zu sein.

Vom Beginn dieser Republik an wurde das Streben Amerikas nach Freiheit von der Überzeugung der Regierenden des politischen und sozialen Lebens geleitet, die in ihrem Inneren zu einem moralischen Gebot verpflichtet waren, dass auf der Herrschaft Gottes, des Schöpfers, aufbaute. Die Verfasser der Gründungsdokumente dieser Nation unterzeichneten diese Überzeugung, als sie die „augenscheinliche Wahrheit“ verkündeten, dass alle Menschen gleich geschaffen und mit den gleichen, unabdinglichen Rechten ausgestattet sind, die in den Geboten der Natur und der Natur Gottes gründen. Der Verlauf der amerikanischen Geschichte zeigt die Herausforderungen, Bemühungen und die großen intellektuellen und moralischen Lösungen, die vorgeschlagen wurden, um eine Gesellschaft zu formen, die ehrlich diese noblen Prinzipien enthält. In diesem Prozess, den die Seele dieser Nation erschuf, waren die religiösen Ansichten eine kontinuierliche Inspiration und treibende Kraft, wie beispielsweise im Kampf gegen die Sklaverei und in der Bewegung für die Bürgerrechte. Auch in unserer Zeit, genauer gesagt in Zeiten der Krise, finden die Amerikaner ihre Stärke immer noch in einer Weiterführung dieses Erbes der miteinander geteilten Vorstellungen und Bestrebungen.

Ich freue mich darauf, in den nächsten Tagen nicht nur mit den Katholiken Amerikas zusammenzutreffen, sondern auch mit anderen christlichen Gemeinschaften und Vertretern der vielen religiösen Traditionen, die in diesem Land präsent sind. Geschichtlich haben hier nicht nur die Katholiken, sondern alle Gläubige die Freiheit gefunden, Gott im Einklang mit den Geboten ihres Gewissens zu loben. Zur gleichen Zeit wurden sie als Teil der nationalen Gemeinschaft akzeptiert, in der jede einzelne Gruppe ihre Stimme hörbar machen kann. In einer Zeit, in der die Nation mit immer komplexeren politischen und ethischen Problemen zu kämpfen hat, bin ich zuversichtlich, dass die Amerikaner in ihrem religiösen Glauben eine Quelle der Erkenntnis und Inspiration finden werden, mit dem Ziel, eine immer menschlichere und freier Gesellschaft zu bilden.

Freiheit ist nicht nur ein Geschenk, sondern auch eine Aufforderung zur persönlichen Verantwortung. Amerikaner wissen das aus Erfahrung – beinahe jede Stadt hat ihre Denkmäler und ehrt die, die ihr Leben der Freiheit willen geopfert haben, sowohl zu Hause als auch im Ausland. Die Erhaltung der Freiheit ruft dazu auf, Tugenden, Selbstdisziplin und das Opfer zugunsten des Gemeinwohls zu pflegen und einen Verantwortungssinn für die zu entwickeln, denen es weniger gut geht. Es braucht auch den Mut, sich im Leben zu engagieren und seine tiefsten Überzeugungen und Werte in eine vernünftige öffentliche Debatte einzubringen. Mit einem Wort: Freiheit ist immer neu. Sie ist eine Herausforderung an jede Generation, und muss um des Guten willen immer wieder neu erworben werden. (vgl. Spe Salvi, 24).

Nur wenige haben das so gut verstanden wie Papst Johannes Paul II. In seinen Überlegungen über den geistlichen Sieg der Freiheit über die totalitären Systeme in seinem Heimatland und ganz Osteuropa erinnert er uns daran, dass uns die Geschichte immer wieder zeigt, dass „in einer Welt ohne Wahrheit die Freiheit ihr Fundament verliert“ und die Demokratie ohne Werte ihre Seele verlieren kann (vgl. Centesimus annus, 46). Diese prophetischen Worte hallen in gewisser Weise die Überzeugung von Präsident Washington wider, der in seiner Abschiedsrede ausgedrückt hatte, dass Religion und Sittlichkeit eine „unentbehrliche Stütze“ für den politischen Erfolg darstellten.

Die Kirche für ihren Teil möchte zum Aufbau einer für den Menschen wertvolleren Welt beitragen, der nach Gottes Abbild geschaffen ist (vgl. Gen 1, 26-27). Sie ist davon überzeugt, dass der Glaube ein neues Licht auf alle Dinge wirft und dass das Evangelium die großzügige Berufung enthüllt und das Ziel jedes Mannes und jeder Frau zeigt. (vgl. Gaudium et Spes, 10). Der Glaube verleiht uns auch die Stärke, auf unsere große Berufung zu antworten, und die Hoffnung, die uns zu einer Arbeit für eine immer gerechtere und brüderliche Gesellschaft inspiriert. Die Demokratie kann nur dann blühen, wie eure Gründungsväter erkannten, wenn politische Führer und die, die sie vertreten, von der Wahrheit geführt werden und die Weisheit in Entscheidungen einbringen, die das Leben und die Zukunft der Nation betreffen. Die Weisheit wiederum wird aus den starken, sittlichen Grundsätzen geboren.

Seit mehr als einem Jahrhundert spielen die Vereinigten Staaten von Amerika eine wichtige Rolle in der internationalen Gemeinschaft. Am Freitag werde ich, so Gott will, die Ehre haben, eine Rede vor den Vereinten Nationen zu halten. Ich hoffe, dass ich sie in ihren Bemühungen ermutigen kann, diese Institution zu einer immer effektiveren Stimme zu machen, für die berechtigten Sehnsüchte aller Menschen. Zu diesem Anlass, der zugleich das 60-Jahr-Jubiläum der weltweiten Deklaration der Menschenrechte darstellt, ist die weltweite Solidarität so notwendig wie noch nie, wenn alle Menschen in einer Art und Weise leben wollen, die ihrer Würde entspricht – als Schwestern und Brüder, die im selben Haus wohnen und sich um den Tisch versammeln, den die Großzügigkeit Gottes allen seinen Kinder bereitet hat. Amerika hat sich traditionell großherzig gezeigt, wenn es darum geht, die notwenigsten Bedürfnisse der Menschen abzudecken, Entwicklung zu fördern und Opfern von Naturkatastrophen Erleichterungen zu gewähren. Ich bin zuversichtlich, dass dieses Interesse für die größere Menschheitsfamilie weiterhin seinen Ausdruck finden wird, auch in der Unterstützung der geduldigen Bemühungen der internationalen Diplomatie, um Konflikte zu lösen und den Fortschritt voranzubringen. Auf diesem Weg werden die kommenden Generationen fähig sein, in einer Welt zu leben, in der Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit blühen können – eine Welt, in der die Gott gegebene Würde und die Rechte jedes Mannes und jeder Frau eingehalten, geschützt und effektiv gefördert werden.

Lieber Herr Präsident, liebe Freunde: Zum Beginn meiner Reise in den Vereinigten Staaten möchte ich meine Dankbarkeit für Ihre Einladung aussprechen, dieses Land zu besuchen, und meine Freude ausdrücken, in Ihrer Mitte sein zu dürfen. Ich erhebe mein inbrünstiges Gebet, dass der Allmächtige dieses Land und seine Bewohner auf den Wegen der Gerechtigkeit, des Wohlstands und des Friedens führen möge. Gott segne Amerika!

[ZENIT-Übersetzung durch Juliana Abado, © Copyright 2008 des englischen Originals -- Libreria Editrice Vaticana]