Gott spaltet: Religion hat Hochkultur, und der Atheismus ist die passende Kontrastmusik

Von Guido Horst

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WÜRZBURG, 5. Dezember 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Um den Atheismus ist es schlecht bestellt. Wenn das, was Richard Dawkins in seinem Weltbestseller „Der Gotteswahn“ zu bieten hat, Fortentwicklung und aktueller Höhepunkt von über zweihundert Jahren Religionskritik und Gottesleugnung ist, dann kann der gottgläubige Mensch tief durchatmen und getrost davon ausgehen, dass er – und nicht der Atheist Dawkins – auf dem rechten Wege ist. Der Religionsphilosoph Alister McGrath schreibt in seinem Antwort-Buch auf Dawkins: „Als ich ,Der Gotteswahn‘ las, war ich traurig und besorgt zugleich. Wie konnte aus so einem begabten und allgemein verständlichen Naturwissenschaftler, der sich leidenschaftlich für die objektive Betrachtung einer Sache einsetzte, ein dermaßen aggressiver antireligiöser Propagandist werden, der offenkundig alles ablehnt, was seiner Sache nicht dienlich ist? Weshalb werden die Naturwissenschaften dermaßen missbraucht, um einen atheistischen Fundamentalismus zu untermauern?“ (Alister McGrath: Der Atheismus-Wahn, Seite 13) Wer sich mit Dawkins weiter befassen will, dem sei das Buch von McGrath nachdrücklich empfohlen.

„Der atheistische Fundamentalismus will nicht die Kirche eliminieren, sondern Gott selbst“

Aber dennoch: Als „Der Spiegel“ vor nicht allzu langer Zeit eine ganz und gar nicht Augstein-konforme Titelgeschichte über die Religion veröffentlichen wollte, ließ er seinen römischen Korrespondenten Alexander Smoltczyk über das Thema schreiben. Und plötzlich saßen nicht Papst und Vatikan, sondern die Gottlosen auf der Anklagebank. „Der Kreuzzug der Atheisten“ hieß das Stück – und es ist schon etwas dran: So wie damals zur Zeit Jesu, als Gottes Sohn durch die römische Provinz Judäa zog, Dämonen und Teufel im Dauereinsatz waren – die Evangelien berichten von ihrem scharenweisen Auftreten –, so treten auch jetzt, da die Religion Hochkonjunktur hat, die Atheisten auf den Plan. Massiv und weithin vernehmbar, so als würde die Entscheidungsschlacht in Sachen Gott in den ersten Jahren des dritten christlichen Jahrtausends geschlagen.

„Wir brauche keinen Gott“ verkündet Michel Onfray in Frankreich, in Italien kämpft die „Union der Atheisten und rationalistischen Agnostiker“ gegen die Kruzifixe in den Schulen. In Deutschland wirbt die Giordano Bruno-Stiftung für „Wissen statt Glaube“ und vertreibt das religionskritische Kinderbuch „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“. Das ist keine Massenbewegung, aber eine lärmende und mit viel Unterstützung seitens der Medien wirkende Truppe von Gottesleugnern, die zwar zahlenmäßig eher unbedeutend ist, aber immer damit rechnen kann, auf Buchmessen oder in Talkshows ein Podium geboten zu bekommen.

Über lange Jahre hinweg waren es die Kirchenkritiker, denen die Massenmedien eine bevorzugte Stellung einräumten. Sie polemisierten gegen Papst und katholische Sexualmoral, forderten die Abschaffung des Zölibats und mehr Rechte für Frauen und Laien. Doch der atheistische Fundamentalismus vom Schlage eines Richard Dawkins gibt sich damit nicht zufrieden. Er will nicht die Kirche eliminieren, sondern Gott selbst. Religion sei Privatsache, lautete das Motto der Laizisten und Befürworter einer radikalen Trennung von Kirche und Staat.

Aber spätestens seit fanatisierte Islamisten mit gekaperten Maschinen und Stoßgebeten auf den Lippen das Blutbad vom 11. September 2001 anrichteten, ist Religion keine Privatsache mehr. Seither wird über den Glauben diskutiert. Und die Atheisten der neuen Generation wettern nicht gegen islamischen oder christlichen Fundamentalismus, gegen die Papstkirche oder Hassprediger in den Moscheen, sondern gegen Gott selbst. Für sie ist der Gottglaube selbst die Wurzel allen Übels. Zu einer differenzierten Betrachtung des Phänomens Religion sind sie nicht mehr fähig.

Mit Kirchenkritikern konnte man reden, mit den atheistischen Fundamentalisten kann man das nicht. Die Schwierigkeit besteht darin, dass der Ungläubige nicht den wirklichen Grund seines Unglaubens kennt. Er kann also auch nicht sagen, unter welchen Umständen er glauben würde – zum Beispiel, wenn er Tote auferstehen sähe, der Papst die Evolutionstheorie dogmatisieren oder Rom die Priesterweihe der Frau erlauben würde. Wenn diese Bedingungen erfüllt wären, hätte der Unglaube sofort neue bereit. Glauben heißt, die Bedingungen fallen zu lassen, unter denen man glauben würde. Und hier kennt der Fundamentalismus der Atheisten keine Gnade. Er weiß nur, dass er nicht glauben will. Womit das Gespräch mit dem real existierenden Atheismus von vornherein aussichtslos ist.

Ob es gelingt, dass die Gottgläubigen eine Allianz zu Wege bringen gegen das Netzwerk der Atheisten, das sich in den letzten Jahren gebildet hat? Am Donnerstag hat der Vatikan die Antwort des Papstes auf das Schreiben der 138 muslimischen Gelehrten vom 13. Oktober veröffentlicht. In der Botschaft, die von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone unterzeichnet ist und die in einer Einladung einer kleineren Gruppe dieser Gelehrten zum Gespräch mit dem Papst mündet, heißt es: „Ohne unsere Verschiedenheiten als Christen und Muslime zu übergehen oder herunterzuspielen, können und sollten wir daher auch auf das schauen, was uns eint, nämlich auf den Glaube an den einen Gott, den vorausschauenden Schöpfer und universalen Richter, der am Ende der Zeiten jede Person so behandeln wird, wie es seine oder ihre Taten verdienen.

Wir sind alle dazu aufgerufen, uns ganz in seinen Dienst zu stellen und seinem heiligen Willen zu gehorchen.“ Die Schriften und Thesen der Atheisten finden weithin Aufmerksamkeit. Wesentlich sensationeller ist aber, was sich von der Öffentlichkeit fast unbemerkt zwischen Christen und Muslimen abspielt: Nie hatte es einen solchen Dialog gegeben, wie ihn jetzt der Papst und Vertreter der unterschiedlichsten muslimischen Glaubensrichtungen aufgenommen haben und weiterführen wollen.

„Die wenigen ersten Jahre des dritten Jahrtausends haben ein ganz neues Kapitel der Religionsgeschichte aufgeschlagen“

Das sind Zeichen der Zeit: Islamistische Terroristen stürzen sich in die Twin Towers. Papst Benedikt hält in Regensburg eine Vorlesung, die den Zusammenhang von Religion und Vernunft bekräftigt und jeder Anwendung von Gewalt in Glaubensdingen eine Absage erteilt. In den westlichen Industrienationen setzen bedingungslose Atheisten an zum Sprung in die Bestsellerlisten – und die Gottgläubigen, Christen und Muslime, knüpfen einen von Toleranz und Unterscheidungsvermögen geprägten Gesprächsfaden, wie es ihn so noch nie in der Geschichte gegeben hat. Nicht mehr die Gläubigen stehen als Fundamentalisten da, sondern die Gottesleugner, die einem verwässerten Evolutionismus und Darwinismus die Botschaft entnehmen wollen, dass es keinen Schöpfer, sondern nur eine sich selbst schaffende und entwickelnde Natur mit dem Menschen im Mittelpunkt gibt.

Niemand hatte es vorhersehen können: Aber die wenigen ersten Jahre des dritten Jahrtausends haben ein ganz neues Kapitel der Religionsgeschichte aufgeschlagen, von dem man noch nicht weiß, wie es ausgehen wird. Eines aber ist sicher: Die katholische Kirche und der deutsche Papst sind Protagonisten dieser Entwicklung. Je stärker sie sich profilieren, desto wütender werden die Attacken des atheistischen Fundamentalismus auf das Welt- und Menschenbild der Gottgläubigen. Gott ist nicht tot, wie Friedrich Nietzsche einst meinte, sondern er ist lebendiger denn je. Das Wüten der Atheisten ist dazu nur die passende Kontrastmusik.

[Teil 1 der Tagespost-Serie „Der neue Kampf gegen Gott – Die Kirche vor der Herausforderung eines kämpferischen Atheismus“; © Die Tagespost vom 1. Dezember 2007]