Gott unserer Bilder und Skulpturen

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 342 klicks

Immer hat mich die Frage gequält: dürfen wir Gott malen? Wir Christen lieben Bilder und Skulpturen in den Kirchen und Häusern, und manche Gebetsstätten sehen wie Galerien und Ausstellungen aus. Und in der Bibel wird klar gesagt, dass wir Gott weder in Statuen noch in Bildern darstellen dürfen. Bedeutet das nicht, das Wort der Offenbarung zu verlassen, und den Glauben auf die positive Religion unserer menschlichen Maßstäbe herabzusetzen? Materialisieren und profanieren wir dadurch nicht Gott? Ist Gott nicht anders als wir uns  ihn vorstellen? Auch Jesus hat klar gesagt, dass man Gott in Geist und in Wahrheit anbeten soll. Vielleicht haben wir uns im großen Eifer, den Menschen das Geheimnis Gottes nahe zu bringen, an das Schaffen von Bildern und Statuen herangemacht. Ähnelt das nicht dem goldenen Kalb, den Idolen und den Götzen? Der Mensch kommt und betet vor einer Statue oder einem Bild und meint, damit das Seine erledigt zu haben, dass er „bei Gott“ war. Ist das nicht erbärmlich?

Zdravko

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Ja, das ist sehr „erbärmlich“, wie du das beschrieben hast. Es ist erbärmlich, sage ich, wenn es solche geben würde, die im Stein, im Holz, in der Bronze, in der Farbenmischung, in irgendeiner Materie – sei sie noch so kunstvoll zusamengesetzt – ihren Gott sehen würden. Ein solcher Gott ist ganz ohnmächtig, weil er kein Gott ist, wie das goldene Kalb es auch nicht war, auch nicht die Statue des Gottes Dagon, oder irgendeine Gestalt, gerade so, wie das Wort Gottes im Psalm 135, 15-18 sagt: „Die Götzen der Heiden sind nur Silber und Gold, ein Machwerk von Menschen Hand. Sie haben einen Mund und reden nicht, Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht; auch ist kein Hauch in ihrem Mund. Die sie gemacht haben, sollen ihrem Machwerk gleichen, alle, die den Götzen vertrauen.“ Aber mit den Bildern und Skulpturen sowohl bei den Juden als auch bei den Christen verhält es sich ganz anderes.

Vor allem möchte ich sagen, dass der Mensch als vernünftiges Wesen seit dem Urbeginn seiner Geschichte sich bemüht , sich auf eine Weise die Gottheit vorzustellen. Dieses Bemühen gehört auf alle Fälle zu den ersten Anstrengungen seiner Intelligenz. Der Mensch hat uns in seinen ältesten Denkmälern die Spuren seines Bemühens hinterlassen. Das Verhältnis zwischen dem Göttlichen und dem Bild des Menschen vom Göttlichen  stand in allen Epochen in bestimmter Spannung, und es wurde darüber auch diskutiert. Die Menschheit ist immer von Neuem in die Gefahr des Anthropomorphismus verfallen, d.h. Darstellung Gottes auf zu menschliche, irdische Weise. Auch die Griechen selbst sind dieser Versuchung unterlegen,  in ihren Mythen von Göttern des Olympes, ihnen zu sehr menschliche Schwächen und Leidenschaften zuschreibend. Und doch haben die griechischen Philosophen einen klaren Begriff von Gott als ersem Verursacher von allem, den man auf keine wirkliche Gestalt herabsetzen kann.

Die Juden haben ein Gesetz: „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen“ (Ex 20, 4-5). Aber, auch hier geht es um den Geist und nicht um den Buchstaben.  Es handelt sich nicht um Verbot der Kunst. Die Bibel hat immer die Kunst geachtet.  Hier ist die Rede von der Darstellung der Gottheit mit dem Zweck der Gottesverehrung, wie sie die Heiden praktiziert haben, unter denen sich Israeliten befanden, als sie im verheissenen Land eingetroffen waren.  Gestalten von Menschen, Tieren, Vögeln, Kriechtieren und Fischen, von verschiedenen astralen Gegenständen , Denkmälern, manchmal gemalt oder gegossen aus Messing oder einem anderen Metall haben den Heiden als Amulette, Idole, magische Werte gedient. Wir können uns gut vorstellen, wie sehr die Israeliten versucht waren, ihnen in diesen Vorstellungen zu folgen. Deshalb hatte dieses Gesetz des Mose disziplinären Charakter für die Umstände der Israeliten jener Zeit.

Die Israeliten hatten doch den Tempel, in dem Gott seine Herrlichkeit erscheinen lässt (1 Kor 8, 10-13), in dem „sein Name wohnt“ (8, 16-21), obwohl es dem Israel klar ist, dass Gott ein irdisches Haus nicht umfassen kann (8, 27). Sie haben auch die Bundeslade als „Fußschemel“ für die Füsse Gottes  (1  Chr 28, 2), obwohl Gott-Geist keine Füsse hat und keinen Fußschemel braucht. Außerdem haben alle Propheten des Alten Bundes von Gott auf menschliche Weise gesprochen, als von „Starkem“, „Erhabenen“, „der segnet“, „straft“, der der „Herr“, „Freund“ ist, der sich in verschiedenen Zeichen offenbart, im „Sturm“, „Donnern“, „Feuer und Wind“ (Ex 20, 18 f), oder er offenbart sich auf andere Weise, wie : in der Stille des Paradieses , wo eine leichte Brise des Windes weht (Gen 3, 8), im Gespräch mit Abraham, Mose und Elija. Dieser Gott erfüllt mit seiner Ehre den Zelt, wo die Bundeslade sich befindet (Ex 40, 34). Jesus selbst wird den Vater als „barmherzigen Vater“, als „guten Hirten“, als den „Herrn“, als „König“, als „barmherzigen Samariter“ beschreiben. Was folgt daraus? Dass man das Gesetz Mose im Geist verstehen soll und nicht nach dem Buchstaben, und Geist bedeutet: Ablehnung des heidnischen Kultes der materiellen Gegenstände oder der Materialisierung als solche.

Man muss zwei Extreme ausschließen: einersets, von Gott nichts zu sagen, weil wir ihn durch nichts darstellen und umfassen können, andererseits, Gott auf die Ebene des Menschen als bloßen Partners oder sogar auf die Ebene eines Gegenstandes, mit dem man manipulieren kann, wie es zu allen Zeiten die Magie tat, zu stellen. Aus diesem Grunde widersetzt sich die Magie völlig der Religion . Alle Philosophen, alle Theologen, alle Prediger aller Zeiten der heiligen Geschichte, noch mehr, in allen Religionen der Welt, haben sich bemüht, sich von Gott auszudrücken, um ihn dem Menschen nahe zu bringen, der sich instinktiv, so zu sagen, vor Gott fürchtet. Der Mensch drückt sich von Gott mit seiner Sprache, in Begriffen des Raumes und der Zeit aus. Einerseits, das, was er von Gott sagt und die Weise, wie er Gott darstellt, ist nicht unwahr, andererseits, Gott ist der Absolute Geist, und wir können ihn durch nichts Menschliches darstellen.  Deshalb ist es besser, wenn unsere Kirchen und Häuser wie schöne Galerien der Bilder und Skulpturen ausschauen, denn das ist unser „Volkskatechismus“, wie sich ähnlich Strossmayer für seine Kathedrale von  Đakovo mit ihren wunderschönen Fresken ausgedrückt hat. Auf diese Weise wird uns Gott näher, anwesender, obwohl er an sich immer und überall unsichtbar gegenwärtig ist.

Die Christen haben von Anfang an verstanden, dass das alttestamentliche Verbot der Bilder und Skulpturen Gottes spezifisch jüdisch ist, wegen ihrer Umstände in Kanaan. Gewiss gab es unter den ersten Christen außergewöhnliche Gestalten (Clemens von Alexandrien, Eusebie aus Caesarea, hl. Epiphanius), die sich auf die jüdische Überlieferung beriefen. Aber das störte nicht, und bereits seit der frühesten Christenheit verbreiteten sich heilige Bilder und Skulpturen. Alle Katakomben - die ältesten und die jüngsten - verfügen in Fülle mit alegorischen und symbolischen Fresken. Nachdem die Christen die Freiheit erlangt hatten, übertrugen sie die Bilder und Statuen in die neuerichteten christlichen Basiliken. Wir wollen nicht bestreiten, dass manchmal das christliche Volk in den Aberglauben verfallen war, als wäre in Bildern und Statuen ein wirkliches geheimes himmlisches Bild versteckt. Die Kirche reagierte darauf sehr schnell (bereits im Jahre 300, beim Konzil in Elvira). Sie unterscheidet die Anbetung, die wir nur Gott schulden, von der Verehrung der Heiligen, unterscheidet die Verehrung der Bilder oder Stetuen, die aber nich auf die Materie als solche gerichtet ist, sondern auf die Person, die durch diese Materie (Stein, Metall, Farbe) dargestellt wird. In diesem Sinne hat die Kirche gegen die Ikonoklasten (762-842) die Verehrung der Bilder und Statuen befürwortet, in den Konzilien: von Nicea II. (787) und von Konstantinopel III. Zur Zeit der Reformation, besonders gegen die Kalvinisten, betont das Konzil von Trient (1563), dass die Verehrung der Bilder sich auf die Verehrung der Personen, die dadurch dargestellt werden, bezieht. Und der neue Codex des kanonischen Rechtes (1983) bestätigt die tausendjährige Praxis der Kirche und bringt die Vorschriften und die Disziplin dieser Verehrung in bestimmten Kanonen (vgl. Can. 1188-1190).

Obwohl also Gott weder räumlich, noch sichtbar, noch tastbar ist, obwohl er keine Dimensionen besitzt, nicht dauert, nicht alt und nicht jung ist, keine Form nach unseren Maßen besitzt, obwohl Gott wirklich „anders“ ist, wie du das ausgezeichnet behauptest, trotzdem hat die christliche Kunst ihre Berechtigung, zum Beispiel, die Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit – ist so reichhaltig, ernährt unsere christliche Erkenntnis und unser Glaubensleben, und nicht nur dass sie die Theologie reich macht, sondern kann gleichermaßen die Seele und das Herz erheben in großer Glaubensfreude, ohne irgendwelche Beimischung vom Aberglauben.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube,  Split, 2004, Seiten 295-297)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.