"Gott vergisst keines seiner Kinder"

Die Worte des Papstes beim Angelus-Gebet

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 464 klicks

Der Heilige Vater Franziskus zeigte sich heute um 12.00 Uhr am Fenster seines Arbeitszimmers im Apostolischen Palast, um gemeinsam mit den auf dem Petersplatz versammelten Gläubigen und Pilgern das Angelus-Gebet zu sprechen.

Zur Einführung in das Mariengebet sprach der Papst die folgenden Worte, die wir hier in einer eigenen Übersetzung dokumentieren.

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[Vor dem Angelus:]

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Die Seite des Lukasevangeliums, die wir an diesem Sonntag gehört haben, zeigt uns Jesus, wie er auf seinem Weg nach Jerusalem in die Stadt Jericho kommt. Es ist die letzte Etappe einer Reise, die den ganzen Sinn des Lebens Jesu zusammenfasst, dessen Mission es ist, die verlorenen Schafe des Hauses Israel zu retten. Doch je mehr sich sein Weg dem Ziel nähert, desto mehr schließt sich um Jesus ein Kreis der Feindseligkeit.

Und trotzdem findet in Jericho eines der freudigsten Ereignisse statt, von denen Lukas berichtet: die Bekehrung des Zöllners Zachäus. Dieser Mann ist ein verlorenes Schaf; er wird von allen verachtet und ist von der Gemeinde verstoßen, denn er ist ein Zollpächter, sogar der oberste Zollpächter der Stadt, ein Freund der verhassten römischen Besatzer, ein Dieb und Ausbeuter.

Da ihm, wahrscheinlich aufgrund seines schlechten Rufs, nicht erlaubt wird, sich Jesus zu nähern, und weil er kleinwüchsig ist, klettert Zachäus auf einen Baum, um den Meister wenigstens vorbeigehen zu sehen. Diese Handlung, die, oberflächlich betrachtet, etwas lächerlich erscheint, verrät jedoch das tiefe innere Bedürfnis, sich über die Menge hinauszuheben, um einen Kontakt mit Jesus zu suchen. Zachäus selbst ist sich des tiefen Sinns seiner Geste nicht bewusst; er weiß nicht, warum er so handelt, aber er tut es; er wagt nicht einmal zu hoffen, dass die Distanz, die ihn vom Herrn trennt, überwunden werden könnte; es genügt ihn, Jesus vorbeigehen zu sehen. Aber als Jesus an diesem Baum ankommt, ruft er ihn bei seinem Namen: „Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein“ (Lk 19,5). Dieser kleine Mann, den alle ablehnen und der Jesus so fern steht, verliert sich förmlich in seiner Anonymität; und doch ruft Jesus ihn beim Namen, und dieser Name, Zachäus, hat in der damaligen Sprache eine schöne Bedeutung, voller Anspielungen: „Zachäus“ bedeutet nämlich „Gott erinnert sich“.

Und Jesus geht tatsächlich in das Haus des Zöllners Zachäus und zieht sich dadurch die Kritik aller Einwohner von Jericho zu (auch damals wurde viel getuschelt!). Man flüsterte: Wie? Bei all den braven Bürgern, die diese Stadt hat, geht er ausgerechnet zum Zollpächter? Aber natürlich ging er zum Zöllner, denn der war ja das verlorene Schaf! Und zu ihm sagte Jesus: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist“ (Lk 19,9). In das Haus des Zachäus, sagt Jesus, kehrte seit jenem Tag die Freude ein, der Friede, das Heil.

Es gibt keinen Beruf und keinen gesellschaftlichen Stand, auch keine Sünde und kein noch so großes Verbrechen, das aus dem Gedächtnis und aus dem Herzen Gottes auch nur eines seiner Kinder auslöschen könnte. „Gott erinnert sich“ immer, er vergisst keinen von denen, die er erschaffen hat; er ist ein Vater, der immer wachsam und liebevoll darauf wartet, dass im Herzen seiner Kinder der Wunsch wieder wach wird, nach Hause zu kommen. Und sobald er diesen Wunsch erkennt, auch wenn er gerade im Aufkeimen begriffen ist, auch wenn er vielleicht noch kaum bewusst ist, tritt Gott ihm gleich zur Seite und macht ihm den Weg zur Bekehrung, den Weg zur Heimkehr leichter. Betrachten wir doch heute diesen Zachäus, wie er auf den Baum klettert: eine lächerliche Handlung, aber eine Handlung, die Heil bringt. Und ich sage dir: Wenn du einen Stein auf deinem Gewissen trägst, wenn du dich deiner Taten schämst, bleibe ruhig stehen, fürchte dich nicht! Denk daran, dass jemand auf dich wartet, weil er dich nie vergessen hat; nicht irgendjemand, sondern dein eigener Vater, Gott wartet auf dich! Hebe dich empor, wie Zachäus es getan hat, klettere auf den Baum der Sehnsucht nach Vergebung; ich versichere dir, dass du nicht enttäuscht sein wirst. Jesus ist barmherzig und wird nie müde zu vergeben! Vergiss das nie: Jesus ist einfach so.

Brüder und Schwestern, lassen wir uns doch auch von Jesus beim Namen rufen! Lasst uns tief in unserem Herzen auf seine Stimme lauschen, die uns sagt: „Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein“, das heißt, in deinem Herzen, in deinem Leben! Lasst ihn uns freudig aufnehmen: Er kann uns verändern, er kann unser steinernes Herz in ein Herz aus Fleisch und Blut verwandeln, kann uns vom Egoismus befreien und aus unserem Leben ein Liebesgeschenk machen. Jesus kann es bewirken; lass dich von Jesus führen! 

[Nach dem Angelus:] 

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich begrüße herzlich alle anwesenden Bürger der Stadt Rom und alle Pilger, besonders die Familien, die Pfarreien und die Pilgergruppen aus den verschiedensten Ländern der Welt.

Ich grüße die Gläubigen, die aus dem Libanon bis hierhergekommen sind, und die Pilger aus Madrid.

Ein Gruß geht auch an die Jugendlichen aus Petosino, an die Firmlinge aus Grassina (Florenz) und die Jugendlichen aus Cavalleromaggiore (Cuneo); an die Pilger aus Neapel, Salerno, Venedig, Nardò und Gallipoli.

Allen wünsche ich einen schönen Sonntag und gesegnete Mahlzeit. Auf Wiedersehen!