Gott wird Kind

Angewiesen auf die bergende Liebe des Menschen

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ROM, 19. Dezember 2012 (ZENIT.org). - Betrachtungen zum Weihnachtsevangelium von Papst Benedikt XVI.:

Gott ist Kind geworden, das einer Mutter bedurfte. Er ist Kind geworden, ein Wesen, das mit einer Träne in die Welt eintritt, dessen erster Laut das Schreien ist, das nach Hilfe ruft, dessen erste Gebärde die ausgestreckten Hände sind, die Geborgenheit suchen. Gott ist Kind geworden. Wir hören auch umgekehrt nun sagen, dies sei eine Sentimentalität, die wir lieber beiseite lassen.

Aber das Neue Testament denkt anders. Für den Glauben der Bibel und der Kirche ist dies wichtig, dass Gott ein solches Wesen sein wollte, das angewiesen ist auf die Mutter, angewiesen auf die bergende Liebe des Menschen. Er wollte ein Angewiesener sein, um so in uns die Liebe zu erwecken, die uns reinigt und die uns rettet. Gott ist ein Kind geworden, und das Kind ist angewiesen. So liegt im Kindsein selbst schon das Thema der Herbergssuche, dieses Urmotiv von Weihnachten…

Das Kind klopft an. Diese Herbergssuche geht noch tiefer. Es gibt nicht nur die kinderfeindliche Umwelt, sondern vorher ist schon dieses da: Dem Kind überhaupt wird die Tür verschlossen in diese Welt hinein, die angeblich keinen Platz dafür mehr habe. Weithin erscheint das Kind als eine Art von Gefahr oder als ein Unfall, den man vermeiden muss. Als Inhalt von Aufklärung und von Aufgeklärtheit gilt die Kunst, ihm die Tür zuzuhalten.

Das wehrloseste Leben, das ungeborene, zu zertreten, scheint vielfach schon nicht mehr bloß als Kavaliersdelikt, sondern geradezu als Maß der Emanzipation. Das Kind erscheint im Denken dieser unserer Zeit- seien wir ehrlich: im Geheimen wohl weithin auch des unseren- als der Konkurrent unserer Freiheit, als der Konkurrent unserer Zukunft, der uns den Platz wegnimmt. Wir stellen den Raum unseres Lebens mit Sachen, mit Produkten voll und können gar nicht genug haben an Dingen, die wir planen und die wir auch wieder wegwerfen können. Wir haben allenfalls noch Raum für ein Tier, das sich ganz unseren Launen einfügt…

Das Kind klopft an. Wenn wir es annehmen würden, müssten wir unser eigenes Verhältnis zum Leben von Grund auf neu überprüfen, bereit sein, das Leben nicht nur für uns zu vereinnahmen, aufhören, es nur als die kurze Chance anzusehen, etwas aus den Möglichkeiten des Seins herauszuschöpfen, sondern es als Geschenk für andere zu leben und zu betrachten.

Aus der Weihnachtspredigt von 1978