Gott wird Kind

Er will nicht unsere Kapitulation, sondern unsere Liebe

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ROM, 20. Dezember 2012 (ZENIT.org). – Betrachtungen zum Weihnachtsevangelium von Papst Benedikt XVI.:

Wir fragen immer wieder: Kann das sein? Passt das überhaupt zu Gott, ein Kind zu sein? Wir wollen nicht glauben, dass die Wahrheit schön ist; nach unserer Erfahrung ist Wahrheit am Schluss meistens grausam und schmutzig: Wo sie es einmal nicht zu sein scheint, da bohren wir so lange herum, bis wir mit unserer Vermutung doch wieder recht behalten.

Von der Kunst wurde einst gesagt, sie diene dem Schönen, und dieses wiederum sei „splendor veritatis“ – der Glanz der Wahrheit, ihr inneres Leuchten. Aber heute sieht die Kunst ihre höchste Aufgabe zumeist darin, den Menschen als schmutziges Ekel zu entlarven.

Wenn wir an die Dramen von Bert Brecht denken, dann ist die ganze Genialität des Dichters auch hier der Enthüllung der Wahrheit zugewandt, aber nicht mehr, um ihr Leuchten zu zeigen, sondern um zu zeigen, dass die Wahrheit schmutzig, dass der Schmutz die Wahrheit ist. Die Begegnung mit der Wahrheit veredelt nicht mehr, sie erniedrigt. Daher der Spott auf Weihnachten, die Verhöhnung unserer Freude.

Und in der Tat: Wenn es Gott nicht gibt, dann bleibt kein Licht, nur schmutzige Erde. Darin liegt die wahrhaft tragische Wahrheit solcher „Poesie“

Er ist als Kind gekommen, um unseren Hochmut zu brechen. Vielleicht hätten wir sogar vor der Macht, vor der Weisheit eher kapituliert.

Aber er will nicht unsere Kapitulation, sondern unsere Liebe. Er will uns von unserem Hochmut befreien und uns so wirklich frei machen.

Lassen wir also ruhig die Freude dieses Tages in unsere Seele eindringen. Sie ist keine Illusion. Sie ist die Wahrheit. Denn die Wahrheit – die letzte, die wirkliche – ist schön. Und sie ist gut. Ihr zu begegnen macht den Menschen gut. Sie spricht aus dem Kind, das doch Gottes eigener Sohn ist.

[Aus der Weihnachtspredigt von 1978 in: Benedikt XVI.: Licht, das uns leuchtet, Herder 1999]