Gott wirkte in den Vernichtungslagern wie der "sanfte Windhauch"

Email von Papst Franziskus an den Sohn zweier Überlebender des Holocausts

Rom, (ZENIT.org) Salvatore Cernuzio | 473 klicks

„Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elia es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle“ (1. Könige 19,9-13). Durch diesen sanften Windhauch sprach der Herr zu dem Propheten Elia auf dem Berg Horeb. Elia wurde dieses kaum merklichen Hauches in der Stille gewahr und hörte ihn nicht nur, sondern vernahm ihn auch im Herzen. Er erkannte, dass Gott darin verborgen war und zu ihm sprach.

Es ist ungewöhnlich, sich dieses Säuseln Gottes auch während der Shoa bzw. des Holocausts vorzustellen, der die Vernichtung von etwa zwei Dritteln der Juden Europas verursachte, und daran zu denken, dass die Millionen der Tag für Tag zum Kampf gegen Mühen, Erniedrigung und Tod gezwungenen Männer, Frauen, alten Menschen und Kindern dennoch eine zärtliche Berührung Gottes gespürt hätten. Es ist ungewöhnlich, sich dies vorzustellen, und schwierig, daran zu glauben.

Papst Franziskus ist jedoch überzeugt davon: Er bezeichnet die Gegenwart Gottes während der Shoa als „verborgene Gegenwart, wie der ‚sanfte Hauch‘, von dem in der Bibel in der Erzählung von der Begegnung des Propheten Elia auf dem Berg Horeb zu lesen ist.“ Diesen Gedanken habe der Papst laut der US-amerikanischen Tageszeitung „Washington Post“ in einer persönlichen Nachricht an den Sohn zweier Überlebender des nationalsozialistischen Konzentrationslagers zum Ausdruck gebracht.

Diese Meldung der „Washington Post“ wurde auf dem religiösen Themen gewidmeten Blog „On Faith“ (über den Glauben) verbreitet (18. Oktober 2013) und vom „Vatican Insider“ übernommen. Demnach habe Bergoglio auf eine E-Mail des amerikanischen Juristen Menachem Rosensaft reagiert, der eine Vereinigung für die Kinder von Shoa-Überlebenden gegründet hat.

Das Schreiben an den Bischof von Rom enthielt die Darstellung seiner „Theorie“ zur Haltung Gottes angesichts der großen Tragödie des jüdischen Volkes, die er am vergangenen 7. September im Rahmen einer Rede in der Synagoge von Park Avenue, New York, aufgestellt hatte. Dem Juristen zufolge manifestiere sich die göttliche Präsenz in den Vernichtungslagern durch die vielen Gesten der Menschlichkeit jener, die trotz der vielen Schwierigkeiten am Leben geblieben seien. In besonderer Weise hebt Rosensaft das Beispiel seiner Mutter. Nach dem Verlust ihres Mannes und ihres 5-jährigen Sohnes in Auschwitz-Birkenau habe sie die Kraft gefunden, sich in Bergen-Belsen gemeinsam mit anderen Frauen um eine Gruppe von in Baracken lebenden Waisenkindern zu kümmern. Letztlich sei es dieser Frau gelungen, etwa 149 jüdische Kinder zu retten.

Der Papst habe dem Gedanken des jüdischen Juristen seine volle Zustimmung erteilt. Nach Angaben der Washington Post gehe aus der E-Mail Folgendes hervor: „Die Lektüre Ihrer demütigen Erklärung des Verbleibs von Gott zu diesem Zeitpunkt führt mich zu dem Gedanken, dass Sie über alle möglichen Erklärungen hinausgelangt sind und nach einer langen, manchmal von Trauer, Schwere und Dunkelheit erfüllten Pilgerreise eine gewisse Logik erkannt haben, die in Ihren Worten an mich erkennbar wird.“

Diese Logik finde sich dem Papst zufolge im ersten Buch der Könige, Kapitel 19, Vers 12, und sei die Logik des „sanften Windhauchs“. Der Papst charakterisierte sie mit folgenden Worten: „Mir ist bewusst, dass es sich hierbei um eine sehr schlechte Übersetzung des viel reicheren hebräischen Ausdrucks handelt.“ Diese Logik sei „die einzig mögliche Auslegung.“ Abschließend sagte Papst Franziskus: „Ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen und bitte Sie darum, mich in Ihre Gebete einzuschließen. Möge der Herr Sie segnen.“

Vatikanische Quellen bestätigten den Wahrheitsgehalt der E-Mail. Rosensaft bezeichnete die Worte des Nachfolgers Petri gegenüber der Tageszeitung als „geistliches Geschenk enormer Größe“ für die Überlebenden nicht nur der Schrecken der Shoa, sondern jeder Form von Gewaltakt. Anschließend bekundete er den Wunsch, dass sich der von Papst Franziskus aufgezeigte Weg einer tiefer gehenden „Rekonstruktion der Erinnerungen an den Holocaust nicht nur im jüdisch-theologischen Denken, sondern auch in der katholischen Lehre niederschlagen möge.“