„Gott wurde Italien und Italien Gott wiedergegeben“

Mit einer Reihe von Veranstaltungen und Aktivitäten feiert der Vatikanstaat seinen achtzigsten Geburtstag

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Von Ulrich Nersinger

WÜRZBURG, 13. Februar 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Im 19. Jahrhundert bestimmte das Risorgimento, das Streben nach der staatlichen Einheit Italiens, das politische Leben auf der apenninischen Halbinsel. Der Kirchenstaat blieb von dieser Entwicklung nicht verschont; gegen das „dominium temporale", die weltliche Herrschaft der Päpste, wurde von national orientierten Kräften zum Kampf aufgerufen. 1859 verlor Papst Pius IX. (Giovanni Maria Mastai-Ferretti, 1846-1878) die Romagna, ein Jahr später musste er auf die Herrschaft über die Marken und Umbrien verzichten. Dem Papst verblieb nur noch das „Patrimonium Petri" (Rom und Umgebung). Im September 1870 besetzten piemontesische Truppen auch dieses bescheidene Überbleibsel des einst so mächtigen Kirchenstaates und verleibten es dem Königreich Italien ein. Pius IX. protestierte und betrachtete sich von nun an als „Gefangenen des Vatikans". Seine Nachfolger schlossen sich dieser Einstellung an.

Erst neunundfünfzig Jahre nach dem Ende des alten Kirchenstaates erwirkte Papst Pius XI. (Achille Ratti, 1922-1939) in langen und zähen Verhandlungen die Aussöhnung des Heiligen Stuhles mit dem Königreich Italien. Am 11. Februar 1929 fand in Rom im Apostolischen Palast des Laterans, die feierliche Unterzeichnung eines komplexen Vertragswerkes statt; die „patti lateranensi" (Lateranverträge) beinhalteten ein Konkordat, eine Finanzvereinbarung sowie ein Abkommen, das die Gründung des souveränen „Staates der Vatikanstadt" vorsah. Der Ausspruch „Gott wurde Italien und Italien Gott wiedergegeben", der damals in aller Munde war, drückte die allgemeine Erleichterung und Freude über diesen geschichtsträchtigen Tag aus. Das winzige Territorium, gerade einmal 44 Hektar groß, das nun mitten in Rom den neuen Kirchenstaat bildete, war für Pius XI. „jenes bisschen an Körper, das notwendig ist, um die Seele zusammenzuhalten", das dem Papst unerlässlich erschien für die freie Ausübung seines universellen Hirtenamtes.

Ein Modell des heutigen Vatikan

„1929 bis 2009 - 80 Jahre Staat der Vatikanstadt" heißt die Ausstellung, die den Reigen der Jubiläumsveranstaltungen, die in diesen Tagen vom Governatorat des Vatikanstaates ausgerichtet werden, eröffnet. Sie hat ihren Sitz im „Braccio di Carlo Magno", dem südlichen Kolonnadenflügel von St. Peter, und ist vom 12. Februar bis zum 10. Mai 2009 für interessierte Besucher zugänglich (täglich von 10.00-18.00 Uhr; mittwochs von 13.00-18.00 Uhr). Der Eintritt ist gratis. Zur Ausstellung liegt ein 350 Seiten starker, von der Vatikanbibliothek herausgegebener Katalog vor (Bibliotheca Apostolica Vaticana, 1929-2009. Ottanta anni dello Stato della Città del Vaticano, Tipografia Vaticana 2009).

Im Eingangsbereich der Ausstellung empfängt den Besucher ein dreidimensionales Holzmodell der Vatikanstadt; es zeigt detailliert und maßstabgerecht den aktuellen Status des Stadtstaates. Die Jubiläumsausstellung ist in fünf Abteilungen gegliedert. Die erste Abteilung informiert über den Vatikan vor dem Jahre 1929. Zahlreiche, zum Teil bisher noch nie öffentlich gezeigte Zeichnungen und Drucke illustrieren die Topografie und Geschichte des Vatikans; die kostbaren Exponate entstammen dem Fundus der Apostolischen Bibliothek und den Beständen der Dombauhütte von St. Peter. Die zweite Abteilung ist ganz der Person des Staatsgründers, Pius XI., gewidmet. Der Besucher bekommt biografische Angaben vermittelt und kann sich über die Ämter informieren, die Achille Ratti vor seiner Berufung ins Petrusamt innehatte (Präfekt der Bibliotheca Ambrosiana in Mailand und der Apostolischen Bibliothek des Vatikans, Apostolischer Visitator und Nuntius in Polen, Erzbischof von Mailand). Paramente und Insignien, die für den Papst eigens geschaffen wurden, sind zu sehen, ebenso Gegenstände aus dem öffentlichen und privaten Leben des Pontifex.

Der dritte Teil der Ausstellung behandelt die Lateranverträge und präsentiert das Original des Vertragswerkes, das ansonsten im Geheimarchiv des Vatikans aufbewahrt wird. Eine Fotodokumentation zeigt die einzelnen Schritte der Staatsgründung auf - so die Unterzeichnung der Verträge am 11. Februar 1929 im Lateranpalast, die Ratifizierung vom 7. Juni, die erste Ansprache des Papstes an das Diplomatische Corps, der Besuch der italienischen Königsfamilie im Vatikan. In der vierten Abteilung kann vor allen die nach den Lateranverträgen einsetzende Bautätigkeit in der Vatikanstadt bewundert werden: die Errichtung des Gouverneurspalastes, der Bahnstation, des Postamtes, der Radiostation, des Elektrizitätswerkes und vieler anderer Gebäude. Ein besonderer Augenmerk ist auf den Architekten des Papstes, Giuseppe Momo, gerichtet, der für den Großteil der neuen Bauten verantwortlich zeichnete. Der fünfte und letzte Teil der Ausstellung erinnert an die sechs Pontifikate, die auf die Regierungszeit Pius XI. folgten. Er beleuchtet die Weiterentwicklung des Vatikanstaates und zeigt auf, welche Prägung die einzelnen Päpste ihrem weltlichen Herrschaftsgebiet gaben.

Ein dreitägiger Studienkongress (12.-14. Februar) wird sich der Geschichte des Vatikanstaates unter dem Thema „Un piccolo territorio per una grande missione - ein kleines Territorium für eine große Mission" annehmen. Veranstaltungsorte des Kongresses sind die Sala della Conciliazione des Lateranpalastes, in der 1929 die Lateranverträge unterzeichnet wurden, und die neue Synodenaula im Vatikan.

Unter den mehr als ein Dutzend Referenten finden sich renommierte Publizisten und Wissenschaftler, so Joaquìn Navarro Valls, der ehemalige Pressesprecher des Heiligen Stuhles, Prof. Andrea Riccardi, der Gründer der „Comunità di S. Egidio" und diesjähriger Karlspreisträger der Stadt Aachen, sowie Prof. Antonio Paolucci, der Direktor der Vatikanischen Museen. Mit einem „Runden Tisch" unter dem Vorsitz von Kardinal Jean-Louis Tauran, des Präsidenten des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog, wird die Tagung enden; Teilnehmer des Abschlussgespräches werden der emeritierte Präfekt der vatikanischen Ostkirchenkongregation, Kardinal Achille Silvestrini, der italienische Außenminister Franco Frattini, der ehemalige Präsident des Senegal, Abdou Diouf, der Ehrengouverneur der Bank von Frankreich, Michel Camdessus, und der Publizist und Schriftsteller Arrigo Levi sein. Am 14. Februar empfängt der Papst die Teilnehmer des Kongresses in Audienz. Die Grußworte, Referate und Diskussionen der Studientagung werden noch in diesem Jahr in Buchform publiziert werden.

Am frühen Abend des 12. Februar findet in der „Aula Paolo VI", der Audienzhalle des Vatikans, im Beisein Benedikts XVI. ein Festkonzert statt. Unter der Leitung von Proinnsías Ó Duinn bringen das „RTÉ Concert Orchestra" (Dublin) und die „Our Ladys Choral Society", der Domchor der Erzdiözese Dublin, Auszüge aus Georg Friedrich Händels „Messias" zur Aufführung (Händels Meisterwerk wurde am 13. April 1742 in Dublin uraufgeführt); Solisten sind Lynda Lee (Sopran), Robin Tritschler (Tenor), Ian Caddy (Bass) und Ulrike Schneider (Mezzo-Sopran), die aus Halle, dem Geburtsort Händels, stammt.

Das vatikanische Amt für Philatelie und Numismatik erinnert mit einem Satz von sieben Sondermarken und einem Gedenkblock an den 80. Geburtstag des Vatikan-staates. Die sieben 65-Cent-Marken zeigen die Porträts der Päpste seit der Gründung des Staates: Pius XI., Pius XII., Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul I., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Der Gedenkblock - er präsentiert einen von Pierluigi Isola perspektivisch gezeichneten aktuellen Stadtplan der Vatikanstadt - beinhaltet eine Sondermarke im Wert zu 2,80 Euro. Zudem ist die Edition einer Zehn-Euro-Gedenkmünze in Silber vorgesehen; der genaue Ausgabetag steht jedoch noch nicht fest.

[© Die Tagespost vom 12. Februar 2009]