Gottes Barmherzigkeit – sein unbedingtes Ja zum Menschen

Johannes Paul II. hat uns eine vollständige Theologie der Barmherzigkeit hinterlassen

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ROM, 25. August 2011 (ZENIT.org). - Zu diesem Ergebnis kommt die Dissertation von Sr. Edith Olk, die im Jahr 2010 am Päpstlichen Institut für Spiritualität in Rom, „Teresianum“, angenommen wurde. Die Autorin geht in ihrer Dissertation von der These aus, dass Johannes Paul II. ein verborgenes, theologisches Konzept über die Barmherzigkeit in sich trug, das er niemals explizit benannte und das dennoch seine unzähligen Äußerungen zu diesem Thema geprägt hat. Dieses Konzept wird in der Untersuchung ermittelt, indem die Aussagen des Papstes – wie bei einem großen Puzzle – zu einem Gesamtbild zusammengesetzt und vor dem Hintergrund der biblischen und theologischen Tradition ausgewertet werden. 

Die Dissertation beschreibt im ersten Teil die Grundlagen, auf denen die Lehre des Papstes basiert: das biblische Verständnis von Barmherzigkeit, die theologischen Erkenntnisse im Laufe der Kirchengeschichte und die Einflüsse, die direkt auf das Denken von Karol Wojtyla eingewirkt haben, das heißt seine persönlichen Erfahrungen in zwei menschenverachtenden Diktaturen, seine pastoralen Erfahrungen mit den Privatoffenbarungen, die an die polnische Mystikerin Faustyna Kowalska (1905-1938) kurz vor dem Zweiten Weltkrieg ergangen waren, und seine kirchlich-theologischen Erfahrungen beim Zweiten Vatikanischen Konzil.

Der zweite Teil der Untersuchung widmet sich der Lehre von Johannes Paul II. über die göttliche Barmherzigkeit. Hier gelangt die Autorin aufgrund eines genauen Quellenstudiums zu neuen Erkenntnissen: Papst Johannes Paul II. hat nicht nur über die Barmherzigkeit Gottes meditiert, sondern hat der Kirche eine vollständige theologische Lehre hinterlassen. Diese Lehre hat er aus einem Kerngedanken entwickelt, dessen Bedeutung in alle wichtigen Dimensionen der Theologie entfaltet wird.

Dazu zählen neben der Theologie - im engeren Sinne als Gotteslehre verstanden - die Christologie, die Pneumatologie, die Soteriologie, die Anthropologie, die Eschatologie, die Ekklesiologie, die Mariologie, die Theologie der Buße und Versöhnung, die Moraltheologie und die katholische Soziallehre.

Die Autorin beschreibt das Denken des Papstes über die Barmherzigkeit als spiralförmig ansteigend, in etwa vergleichbar mit einer Wendeltreppe. Die Lehre über die göttliche Barmherzigkeit nimmt ihren Ausgangspunkt in der Person Gottes des Vaters und seinem ewigen Beschluss, die Menschen zu seinen geliebten Kindern zu erheben. Die Erwählung der Menschen zur Gotteskindschaft soll sich verwirklichen, indem sie „Sohn im Sohn“ werden. Das heißt, sie sollen durch die fortschreitende Liebesvereinigung mit Jesus Christus, dem eingeborenen Sohn Gottes, immer mehr zu Söhnen und Töchtern Gottes des Vaters werden. Daher spricht der Papst – im Anschluss an Paulus - von einer „Adoptivkindschaft in Christus“. In dieser göttlichen Adoptivkindschaft besteht das Heil jedes Menschen, zu dem er unterwegs ist.

Johannes Paul II. erklärt – ausgehend von dem alttestamentlichen Begriff „häsäd“ und von der neutestamentlichen Prädestinationslehre – die göttliche Barmherzigkeit als Treue Gottes zu sich selbst und damit zu seinem Beschluss zur Erwählung der Menschen. Diesem Beschluss dient der „barmherzige Heilsplan“ Gottes des Vaters, der die Erschaffung und Vollendung von Welt und Mensch ebenso wie die Menschwerdung des eingeborenen Sohnes und das Werk der Erlösung vorsieht. Im Zentrum seines Heilsplans steht Jesus Christus, der den göttlichen Plan in der Heilsgeschichte ausführen soll. Das Handeln Gottes in der Geschichte dient ausschließlich dem Ziel, die Menschen als seine geliebten Kinder am innertrinitarischen Leben teilhaben zu lassen. Daher erweist sich Gott seit der Schöpfung als absolut treu gegenüber allen Menschen. Seine Barmherzigkeit offenbart sich in seiner unerschütterlichen Bundestreue gegenüber den untreuen Menschen. Denn Gott der Vater nimmt seine freiwillig eingegangene Verantwortung als Vater der Menschen vollkommen ernst. Das Verhalten der Menschen, ob positiv oder negativ, hat keinen Einfluss auf Gottes ursprünglichen Beschluss. Daher ist seine Barmherzigkeit absolut verlässlich.

Johannes Paul II. weist in seiner Verkündigung nach, dass die Existenz des Leidens nicht im Widerspruch zur göttlichen Barmherzigkeit steht. Das Leiden ist eine Folge der Sünde, deren Wesen letztlich in der Ablehnung Gottes als Vater der Menschen besteht. Denn Gott zwingt niemandem seine väterliche Liebe auf. Die Gotteskindschaft ist ein Angebot der Liebe und kein Befehl Gottes als Machthaber über den Menschen. Er gibt dem Menschen vielmehr durch seinen freien Willen die Möglichkeit, seiner Erwählung zuzustimmen oder sie abzulehnen. Die Geschichte vom Sündenfall zeigt, dass die Antwort des Menschen negativ ausfällt. Durch sein „Nein“ wird er zum Sünder. Er allein ist Urheber und Opfer seiner Sünde und daher für das Leiden in der Welt verantwortlich. Gott lässt die Sünde allenfalls zu, weil seine Barmherzigkeit „aus allem Übel Gutes ziehen kann“ (vgl. Dives in misericordia, 6). Das „Gute“ für den Menschen dient letztlich immer der Verwirklichung seiner Erwählung zur Gotteskindschaft. Gottes Barmherzigkeit wird somit für den Menschen zur Erlösung, indem sie ihn von seiner ablehnenden Haltung gegenüber Gott als Vater befreit. Dies geschieht objektiv durch den Kreuzestod und die Auferstehung Jesu Christi, den Gott der Vater aus Liebe zum Menschen hingibt. Der Papst bezeichnet das Paschamysterium als „höchsten Ausdruck“ und als „Geschenk der Barmherzigkeit Gottes“, das jedoch vom sündigen Menschen angenommen werden muss. Der Heilige Geist ist die „Heilkraft der Barmherzigkeit“, die  dem Einzelnen den innerlichen Anstoß gibt, das Wirken der erlösenden Barmherzigkeit in Freiheit zuzulassen und zu Gott als seinem Vater zurückzukehren. Der Papst beschreibt die Barmherzigkeit folglich als Handeln aller drei göttlichen Personen in der Heilsgeschichte und im Inneren jedes Menschen.

Die Erwählung aller Menschen zur Gotteskindschaft und die Barmherzigkeit Gottes, d.h. seine absolute Treue zu dieser Erwählung, begründen und garantieren die Würde jedes Menschen und verpflichten zur uneingeschränkten Achtung der Menschenrechte. Niemand kann einem Menschen seine gleichsam „göttliche“ Würde absprechen. Derjenige jedoch, der seine Bestimmung als geliebtes Kind Gottes ablehnt, setzt sich selbst in seiner Würde herab. Von Gott, dem barmherzigen Vater, her bleibt seine Erwählung zur Gotteskindschaft bestehen. Denn „ein Sohn hört niemals auf, in Wahrheit Sohn seines Vaters zu sein, selbst dann nicht, wenn er sich von ihm trennt“ (Dives in misericordia, 6). Der himmlische Vater setzt also alles dafür ein, dass die durch die Sünde verletzte Würde des Menschen wiederhergestellt wird. Dies zeigt Johannes Paul II. vor allem am Gleichnis des barmherzigen Vaters auf (vgl. Lk 15,11-32). In dieser einzigartigen Interpretation des Gleichnisses zeigt sich die Leidenschaft des Papstes für den Menschen. Seine Lehre von der Barmherzigkeit Gottes ist ein Ausdruck dieser Leidenschaft und bestimmt seine Sichtweise der Kirche, der Sakramente, der Ethik und der Soziallehre. Dies wird in den folgenden Kapiteln der Untersuchung deutlich.

Die Kirche ist im Denken des Papstes nicht nur Ausspenderin der Barmherzigkeit Gottes, sondern auch deren Empfängerin. Ihre Heiligkeit ist primär ein Geschenk der erbarmenden Liebe Gottes, während  ihre „Kinder“ überwiegend sündige Menschen bleiben. Der Papst beschreibt besonders ausführlich die Sendung der Priester als „Werkzeuge der Barmherzigkeit“. Dabei unterstreicht er, dass das christliche Leben durch den  „Primat der Barmherzigkeit Gottes“ bestimmt wird, weil diese  jedem moralischen Bemühen des Menschen zuvorkommt und es begleitet. Diese Aussagen stehen in deutlicher Nähe zur Gnadenlehre und heben die umgestaltende Wirkung der göttlichen Barmherzigkeit hervor. Daraus leitet sich in der Ethik eine überraschende, gesellschaftskritische Funktion der Barmherzigkeit ab. Indem sie die Veränderung der menschlichen Person und ihrer Beziehungen in den Mittelpunkt stellt, kommt ihr bei der Gestaltung einer menschenwürdigen Gesellschaft eine größere Bedeutung als der Gerechtigkeit zu. Die ethischen und sozialpolitischen Überlegungen des Papstes basieren auf seinem christlichen Personalismus und dienen zur Widerlegung der marxistischen Gesellschaftslehre.

Die Lehre des Papstes leitet zu einem ganzheitlichen geistlichen Leben an, das durch Barmherzigkeit bestimmt wird. Sie stellt die intensive Beziehung des Menschen zu Gott in den Mittelpunkt und nimmt ihn gleichzeitig für die Gestaltung einer menschenwürdigeren Welt in die Verantwortung. Die Autorin kommt daher zu dem abschließenden Urteil, dass die Lehre des Papstes eine theologisch wertvolle Grundlage für eine Spiritualität der Barmherzigkeit darstellt, die zugleich mystisch-kontemplativ und apostolisch-aktiv ausgerichtet ist.

Edith Olk, Die Barmherzigkeit Gottes als zentrale Quelle des christlichen Lebens. Eine theologische Würdigung der Lehre von Papst Johannes Paul II., EOS-Verlag, St. Ottilien 2011