Gottes Sohn war der Torah treu

Jesus schafft das Alte Testament nicht ab, sondern legt es richtig aus

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Von Klaus Berger

WÜRZBURG, 24. April 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Die Schriftchen und Schriften, die in Deutschland als Antwort auf das Jesus-Buch des Papstes erschienen, sind in der Regel wissenschaftlich dünn und in ihrem Marktwert sehr vergänglich. Das ist erfreulicherweise anders bei dem Buch über den Dialog zwischen dem Heiligen Vater und Jacob Neusner, das vor kurzem erschienen ist. Das Büchlein ist zudem höchst aktuell angesichts der gerade in Deutschland frech geäußerten Verdächtigungen über die Haltung des Papstes zum Judentum. Die Autoren nehmen sich jene Passagen des Jesus-Buches vor, in denen Benedikt XVI. mit Neusner diskutiert. Sie beleuchten vor allem Neusners Position kritisch und führen dank Gründlichkeit und Präzision den Leser wirklich weiter auf diesem schwierigen Terrain. Sie können es sich leisten, sehr viel kritischer vorzugehen, als es der Papst tut, zumal da sie wegen ihrer außerordentlichen Liebe zum Judentum bekannt sind.

So kommt vor allem heraus, dass Jacob Neusners Gründe für eine Ablehnung Jesu (und des Christentums) fast alle ausgesprochen schwach sind und in aller Regel auf gravierenden, freilich traditionsreichen Missverständnissen beruhen. Neusner glaubt tatsächlich, Jesus ablehnen zu können, weil dieser angeblich sich um den Alltag der Menschen nicht gekümmert und immer nur von einer nebulösen Zukunft „in Wolken" geredet habe. Jesus habe die Welt verraten, sich auf nur wenige Einzelne beschränkt und sei ganz und gar nur auf das Künftige ausgerichtet.

Jeder, der ein wenig die Evangelien studiert hat, weiß, dass nach Jesus das Gottesreich gerade im Alltag der Menschen klein und unscheinbar beginnt; darauf weist schon allein das Bildmaterial der Gleichnisse. Jesus wendet sich den Menschen im Alltag zu (Zachäus, die Armen und Kranken, in den Gleichnissen der ganzen Welt von Haus, Hof und Küche) und entwirft nirgends ein Bild paradiesischer Zustände im Schlaraffenland des künftigen Reiches. Jesus ist da von genau der Nüchternheit, die Neusner einfordert. Denn Jesus spricht häufig genug von der Gegenwart. Er redet mehr über den Alltag als über Himmel und Hölle zusammen. Und so Neusner: Jesus demoliere die Torah, und zwischen Judentum und Christentum gebe es keinerlei Überschneidungen, nicht einmal bei der gemeinsamen Lektüre der Bibel.

Angesichts solcher Fehlurteile kann einen die Geduld des Papstes beim Umgang mit Neusner nur wundern. Faktum ist oft das Gegenteil: So missachtet Jesus nicht das Gebot der Elternehrung (4. Dekaloggebot), sondern prangert in Mk 7 Menschen an, die es leichtfertig durch die Gelübdepraxis aushebeln wollen. Und die Worte über die Entzweiung der Familie wie Mt 10, 35 hat Jesus nur aus dem Propheten Micha 7,6 zitiert, wonach der Streit unter den Hausgenossen kein Merkmal einer guten Zeit ist. Dass solche Zwietracht durch das Evangelium entsteht, begrüßt Jesus nicht, sondern ist eine Folge davon, dass das Evangelium auf Menschen trifft, die unterschiedlich auf seine Friedensbotschaft (!) reagieren.

Wie oberflächlich Neusner vorgeht, das zeigt sich beim Thema Sabbat. Der jüdische Weg sei es, durch den Sabbat und die Sabbatruhe zu Gott zu gelangen, der christliche Weg dagegen bestehe darin, „über den Sohn zum Vater zu kommen". Hat denn Neusner selbst nicht gemerkt, dass er hier Äpfel und Birnen vergleicht? Dass das eine das andere überhaupt nicht ausschließt, im Gegenteil!

Dass Jesus das Sabbatgebot „abschaffen wolle", wie Neusner suggeriert, entspricht nicht den Tatsachen, sondern geht regelrecht an der Intention Jesu vorbei. Denn wenn Jesus sagt, dass man am Sabbat Leben retten darf, so mischt er sich in eine zeitgenössische Diskussion ein, wie sie mehrere Texte aus Qumran in eben diesem Sinn belegen. Und wenn er sagt: „Der Mensch ist nicht für den Sabbat da, sondern der Sabbat für den Menschen", dann schließt sich Jesus hier der zeitgleichen jüdischen Meinung an, Sorgen von Menschen seien wichtiger als kultische Institutionen. Aber das war umstritten, denn Jesus verändert wie andere jüdische Ausleger damit ein wenig die Logik der sieben Schöpfungstage, wonach das früher Geschaffene jeweils für das später Geschaffene da ist.

Also ist der Mensch für den Sabbat da, konnte man sagen und hat man gesagt. Und in mancher Hinsicht stimmt das ja auch: Der Mensch ist für die Feier der Ruhe bestimmt. Doch im Konfliktfall ist eben hier umzukehren, und was taten mit Jesus auch viele andere Juden. Hier ist also Differenzierung geboten.

Schließlich aber ist Jesu Ethik nicht „individualistisch", wie Neusner unterstellt. Die Autoren können zeigen, dass Neusner hier einer typisch protestantischen Deutung der Botschaft Jesu aufgesessen ist, wie sie freilich seit Adolf von Harnack üblich ist. Nach Neusner richte sich Jesus an den Einzelnen und er habe den unendlichen Wert des Einzelnen erkannt. Richtig ist vielmehr, dass Jesus nirgends die Konzeption des Gottesvolkes aufgibt. Und Jesus spricht von der neuen Familie als der Basis des Reiches, das kommt und das ebenfalls keine Ansammlung von Individuen ist.

Wenn Jesus nach Neusner die Jünger dazu auffordert, drei der zehn Dekaloggebote zu verletzen (Heiligkeitsforderung, Elterngebot, Sabbatgebot), so irrt Neusner hier nicht unerheblich. Man darf den Autoren des Buches dankbar sein, dass sie Jesu Torahtreue unumwunden feststellen. Denn dadurch können sie zeigen, dass Jesus in Lehre und Praxis dem Judentum wesentlich näher steht, als Neusner es wahrhaben möchte. Alle Kritik an Neusner in diesem Buch dient dazu, Jesus als guten Juden zu erweisen, dessen Grundabsicht eben nicht war, irgendein Gebot aufzuheben, wie Jesus es ja auch selbst sagt.

Vor allem gilt dann die Schlussfolgerung von R. Pesch: Wenn es so steht, dass auf Seiten Neusners kein wirkliches Recht erkennbar wird, dann kann man Judentum und Christentum nicht mehr als zwei verschiedene Religionen einander gegenüberstellen. Denn es gibt nur einen Willen Gottes mit den Menschen und nur eine Heilsgeschichte.

Wo soviel Licht ist, darf es auch Schatten geben, aber ein paar Dinge sind doch anzumerken: Wenn wir im Vaterunser um das Kommen des Reiches beten, dann beten wir keineswegs um das Weltende. Denn das Kommen des Reiches vollzieht sich jetzt in vielen kleinen Schritten, die gegen keine Regierung der Welt gerichtet sind. Anders ist es mit der endzeitlichen „Enthüllung des Reiches", die dann sehr wohl das Ende aller Gott fremden Macht bedeutet. Aber das Kommen des Reiches ist ein anderer Vorgang. - Die Autoren hätten es sich schließlich leichter gemacht, wenn sie die Wendung „Herr des Sabbats" nicht im kritischen Sinne der partiellen Aufhebung verstanden hätten, sondern im Sinne des Meisterns (was das Wort zulässt). So wie ich eben ein Auto beherrsche, wenn ich es recht zu nutzen weiß, nicht aber, wenn ich es an die Wand fahre. Jesus weiß mit dem Sabbat umzugehen wie ein guter Dirigent mit der Partitur, aber nicht indem er ihn irgendwie doch aufhebt (er habe den S. „nicht bewusst" abgeschafft). Ich denke, beide Korrekturen können das Anliegen der Autoren nur unterstützen.

Wirklicher Diskussionsbedarf besteht aus meiner Sicht für die These Joseph Ratzingers, Jesus selbst sei für Christen „die Torah". In mancher Hinsicht dürfte das stimmen, in anderer wieder gar nicht. Und wenn die Verklärungsstimme sagt: „Auf ihn sollt ihr hören!" wird man differenzieren dürfen: Jesus ersetzt nicht die Torah (dann wäre das Alte Testament abgeschafft), sondern er legt sie richtig aus. Zumindest in dieser Hinsicht hat Jesus Moses und Elias wirklich abgelöst. Und damit richtet sich auch die Stimme des Vaters nach Mk 9 allerdings gegen die heute verbreitete Meinung, die jüdische Auslegung der Torah stünde irgendwie gleichberechtigt neben der christlichen. Das ist mit Mk 9 nicht zu machen. Wer solches behauptet, verrät die Mitte des Evangeliums, als welche Benedikt XVI. mit Recht die Verklärungsperikope ansieht. Die Auslegung der Torah meint auch der Ausdruck „das Gesetz Christi" in Gal 6,2.

[A. Buckenmaier, R.Pesch, L. Weimer: Der Jude Jesus von Nazareth. Zum Gespräch zwischen Jacob Neusner und Papst Benedikt XVI., Bonifatius Druckerei, Paderborn, 2008, EUR 16,90; © Die Tagespost vom 21. April 2009]