Gottes Vergebung, ein Schatz mit vielen Facetten

Begleitartikel zum Dekret der Schweizer Bischöfe bzgl. CAN. 961 CIC

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FRIBOURG, 23. Januar 2009 (ZENIT.org).- Die Schweizer Bischöfe laden zu einer Neuentdeckung der Beichte ein. Wir veröffentlichen in diesem Sinn den Begleittext zum Dekret der Schweizer Bischofskonferenz bezüglich can 961 CIC, der Revision der Partikularnormen der Schweizer Bischofskonferenz zum neuen Kirchenrecht (Serie VI).

Der Autor des Artikels, Abbé François-Xavier Amherdt, Professor für Pastoraltheologie an der Universität Freiburg, führt auch einige ganz praktische Ideen an, um das Sakrament der Versöhnung wiederzubeleben.

Um den Heilungsprozess der Einzelbeichte zu schätzen, sollte man bei den Kindern in die Schule gehen. Sie verstünden das nämlich sehr gut: „Solange sie ihren Eltern ihre Verfehlungen nicht «gebeichtet» und aus dem Mund des Vaters oder Mutter gehört haben: «Ich vergebe dir, ich schließe dich in mein Herz ein», fühlen sie sich unwohl. Wir machen alle die befreiende Erfahrung, dass Schuldeingeständnis und Vergebungszuspruch Beziehungen wiedergutmachen. Und andererseits zermürbt das Nicht-Sagen manche Paarbeziehung, Familie oder Gruppierung.“

Die Gnade gehe dem Menschen immer voraus. „Sie ist Ursache unserer inneren Freiheit und ruft uns in die individuelle Verantwortung.“

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Zu den schönsten Dingen, die das Zweite Vatikanische Konzil wiederentdeckt hat, gehört dieses: Als Bundesvolk bekennt sich eine Gottesdienstversammlung schuldig vor Gott und bittet ihn um Vergebung. Im Zeitalter der Globalisierung und des «globalen Dorfes» sind die Glieder der Kirche aufgerufen, untereinander immer mehr Solidarität zu üben, und zwar ebenso, was das Sündenbewusstsein als auch, was die gegenseitige Unterstützung angeht. Die persönlichen Fehler der Einzelnen verletzen den gesamten Leib der kirchlichen Familie, denn das Gegenzeugnis jedes Christen schadet in der öffentlichen Meinung der Glaubwürdigkeit der ganzen Kirche. Die ungerechten sozialen, wirtschaftlichen oder politischen Strukturen betreffen die gesamte Menschheit und hinterlassen die Welt in einem Zustand, der schlimmer ist, als er sein sollte. Umgekehrt fällt das inständige Flehen der einen auf den Rest des Volkes Gottes durch das Mysterium der Gemeinschaft der Heiligen zurück; das gemeinsame Vorgehen erlaubt den Schwächsten, dass sie eingebunden und getragen sind und so aus ihrer Isolation ausbrechen können.

Es steht also außer Frage, durch das vorliegende Dekret, welches die Generalabsolution auf den Fall der Todesgefahr einschränkt, die gemeinschaftlichen Bußgottesdienste abschaffen zu wollen. Weiterhin sollen sie namentlich in den geprägten liturgischen Zeiten gefeiert (Advent, österliche Bußzeit...) und mit der Bitte um Gottes Vergebung durch eine «deprekative» Formel - durch ein «Anflehen» - abgeschlossen werden, so wie am Anfang der Heiligen Messe («Der allmächtige Gott erbarme sich unser...»). Die Bußfeiern sind in sich bedeutungsvoll, auch wenn nicht das Bußsakrament als solches gespendet wird. Deshalb lohnt es sich, sie beizubehalten und gleichzeitig die Möglichkeit zu eröffnen, nach einem individuellen Bekenntnis die Einzelabsolution zu empfangen. Man beachte zudem, dass sich das Dekret der Schweizer Bischöfe auf die Zukunft bezieht und dass folglich die Gültigkeit der früher gespendeten Generalabsolutionen in keiner Art und Weise in Frage gestellt wird. Es ist wichtig, dass die Gläubigen und die Seelsorger diesbezüglich völlig beruhigt sein können.

DIE PERSÖNLICHE BEGEGNUNG IN DER PERSPEKTIVE DER «PASTORAL ALS GEBURTSHILFE»
(
PASTORALE D'ENGENDREMENT)
Die gemeinschaftliche Dimension der Versöhnung steht einer persönlichen Herangehensweise nicht entgegen. Es handelt sich um zwei Aspekte, die sich ergänzen und vom Schatz der göttlichen Barmherzigkeit nicht zu trennen sind. Sie sind wie die berühmten zwei Seiten der einen Medaille.

Jesus stellt die grundlegende Würde seiner Ansprechpersonen in zwischenmenschlichen Begegnungen mit unauslotbarer Tiefe wieder her (Zachäus, der Gelähmte, die Ehebrecherin...), indem er sie von ihren Sünden befreit und sie der zärtlichen Zuwendung des Vaters versichert. Die «Pastoral als Geburtshilfe», zu der das «Ins-Spiel-Bringen des Glaubens und des Evangeliums» (proposition de la foi et de l'Evangile) führt und wozu verschiedene Bischofskonferenzen in den letzten Jahren aufgerufen haben (Frankreich, Belgien, Kanada, Italien, Deutschland), besteht gerade darin, jedem Menschen die Möglichkeiten einer Christusbegegnung und einer Geisterfahrung aufzuzeigen und ihm so eine menschliche und geistliche Neugeburt zu erlauben.

Unter dieser Rücksicht kann sich die im Rahmen des individuellen Bußsakramentes gelebte zwischenmenschliche Beziehung als großer Gewinn erweisen. Alle Psychologen unterstreichen die Wohltat der Aussprache, wenn sich bei einer Person eine Blockade auf ihrem Lebensweg eingestellt hat, und die Tradition der Kirche misst dem persönlichen Bekenntnis der Fehler vor Gott einen unschätzbaren Wert zu, und zwar als Vorbedingung, um sich der sakramentalen Vergebung zu öffnen. Das Zugeben eines Fehlers ist wie das Ausspucken eines Stücks, welches den Hals verstopft, bevor man vom geweihten Priester, der Christus repräsentiert, den Zuspruch erhält: «Deine Sünden sind dir vergeben». Es liegt in unserer menschlichen Struktur, dass wir sagen müssen, was sich in unserem Innersten eingegraben hat, um davon befreit zu werden und das Wort zu vernehmen, welches uns in unserer Identität als Mann und Frau vollkommen wiederherstellt.

Die Kinder wissen das sehr gut: Solange sie ihren Eltern ihre Verfehlungen nicht «gebeichtet» und aus dem Mund des Vaters oder Mutter gehört haben: «Ich vergebe dir, ich schließe dich in mein Herz ein», fühlen sie sich unwohl. Wir machen alle die befreiende Erfahrung, dass Schuldeingeständnis und Vergebungszuspruch Beziehungen wiedergutmachen. Und andererseits zermürbt das Nicht-Sagen manche Paarbeziehung, Familie oder Gruppierung.

Nun aber betrifft alles, was seine Kinder sind und leben, den himmlischen Vater. Wer die Schwester oder den Bruder verletzt, greift Gottes Herz selber an. Der sakramentale Dialog der «Beichte» erscheint oft als der einzige Ort, wo wir unsere Fehler aussprechen und die Gnade der Vergebung des Herrn durch die Worte und Gesten des Priesters empfangen können, und zwar so, wie es kein Therapeut und keine Therapeutin zu gewähren imstande ist.

DIE EINZELBEICHTE: EIN HEILUNGSPROZESS
Es ist überdies frappierend zu sehen, wie sehr die Vergebung im Trend liegt. Ein bekanntes französischsprachiges Wochenmagazin widmete Ende Dezember 2008 seine Titelgeschichte, ausgehend von den Arbeiten des kanadischen Priesters und Psychologen Jean Monbourquette (Comment pardonner, Paris 2006) den sieben Etappen der Versöhnung. Der innere Heilungsweg und die Evangelisierung der Tiefen gehen glücklich Hand in Hand, denn sie erfüllen die Erwartungen vieler unserer Zeitgenossen.

Das Bekennen der Liebe des Vaters und das anschließende Bekennen unser Sünde vor ihm sowie das im zwischenmenschlichen Austausch von Angesicht zu Angesicht geschenkte Empfangen der Gnade des Sakraments von Christus selbst durch das ordinierte Amt stellen uns in einen Prozess innerer Heilung, der unsere Wunden verbindet und unseren Status als neue Wesen vor Gott zeitigt.

Dies lässt sich gut im Rahmen einer geistlichen Begleitung umsetzen, in der die geschenkte und empfangene Vergebung, wird sie in allen Etappen gut vollzogen, einen zentralen Platz einnimmt: Anerkenntnis des begangenen Fehlers, der in eine Sackgasse führt; Wunsch nach Veränderung und Wille zur Umkehr, die sich durch authentische Reue zeigen; innerlich Not wendende Bußfertigkeit; tröstliche Vergebungsbitte und Bekenntnis; Einzelabsolution, welche die Gnade der Barmherzigkeit handgreiflich erfahrbar macht; konkrete Gesten, welche mit Gott, den Brüdern und Schwestern, ja mit der ganzen Welt versöhnen...

DIE EINZELABSOLUTION: JEDE(R) NACH IHREM (SEINEM) NAMEN
Es ist erstaunlich, dass in einer Zeit, in welcher Individualismus und Autonomie so hochstilisiert und manchmal auch rechtmäßig eingefordert werden, ein Vorhaben individuellen Zuschnitts wie die Beichte so schlecht wahrgenommen wird.

Gott betrachtet uns nicht als eine gesichtslose Herde. Er kennt uns persönlich mit unserem Namen, seit unserer Empfängnis und unserer Taufe. Seine Gnade geht uns immer schon voraus; sie ist Ursache unserer inneren Freiheit und ruft uns in die individuelle Verantwortung. Die Begegnung mit dem Beichtvater regt uns zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Richtung, die wir unserem Leben geben, an. Wir stellen uns unserer Brüchigkeit, indem wir uns selbst mit unseren Sünden konfrontieren. Wir lassen uns herausfordern, unseren Fehler zu benennen, der durch dieses Aussprechen selbst seine zerstörende Kraft verliert. Das Beichtgespräch nimmt uns in der Tiefe in Beschlag und führt uns dazu, unsere Verantwortung als freie Menschen vor Gott und vor den Mitmenschen wahrzunehmen.

Die Begegnung mit dem Beichtvater gestaltet sich als ein Dialog mit einem Bruder im Glauben, und deshalb hilft sie uns, aus der Einsamkeit herauszutreten und uns für das Heil zu öffnen, für das der Priester als kirchlicher Zeuge steht. Die Einmaligkeit der Begegnung erlaubt es, jede besondere Situation zu erfassen, was die gemeinschaftliche Bußfeier nicht leisten kann. Und das individuelle Versöhnungswort manifestiert in privilegierter Weise das zärtliche Wohlwollen und das liebende Mitgefühl des Herrn für jede und jeden. Es stellt die Taufwürde in ihrem ursprünglichen Glanz wieder her und eröffnet jedem Beichtenden die Chance eines Neuanfangs. So ist es in der Tat ein Werk neuer Schöpfung und zeigt besonders und konkret die Gnade der Vergebung.

Wieso sollte man auf ein solches Geschenk verzichten, welches Sein, Herz, Seele, Geist und Körper zur Einheit bringt? Wieso sollte man neben dem Brunnen lebendigen Wassers vor Durst sterben? Wieso sollte man die österliche Gabe der Sündenvergebung, die Christus den Aposteln anvertraut hat, zurückweisen (vgl. Joh 20,22f)?

DAS SAKRAMENT DER VERSÖHNUNG: EINIGE PRAKTISCHE ANREGUNGEN
Die Abschaffung der Praxis der Generalabsolution, wie sie die Schweizer Bischofskonferenz in Übereinstimmung mit der überwältigenden Mehrheit der katholischen Diözesen der Weltkirche wünscht, wird ohne Zweifel Enttäuschungen hervorrufen und Fragen aufwerfen. Sie kann indes auch Anlass zu einem neuen kreativen Umgang mit den verschiedenen Formen geben, wie man sich dem Schatz der göttlichen Barmherzigkeit öffnen kann.

-- Wie es sich langjährig in den Diözesen Sitten und Lugano, im Gebiet der Abtei Saint-Maurice und andernorts bewährt hat, sollte man die Möglichkeit anbieten, dass jene, welche es wünschen (und insbesondere die, welche sich einer schweren Sünde bewusst sind), nach der gemeinschaftlichen Bußfeier ein individuelles Bekenntnis ablegen und die Einzelabsolution empfangen können. Das erfordert die Anwesenheit verschiedener Priester einer Seelsorgeeinheit oder einer Region, welche dies ihrerseits zum Anlass brüderlichen Austausches nehmen können. Die Wartezeit der Pönitenten kann durch Musik, meditative Texte, Bilder geistlichen Inhalts, eucharistische Anbetung o.ä. gestaltet werden, und eine symbolische Geste kann die Einzelnen begleiten (eine Kerze anzünden, sich mit Taufwasser langsam und intensiv bekreuzigen, ein Gebet in ein spezielles Gefäß vor dem Tabernakel legen usw.).

-- Es lohnt sich, neben den persönlichen Beichtgesprächen auf Verabredung regelmäßige Beichtzeiten anzubieten, während derer die Gläubigen die sakramentale Absolution empfangen können: eine Stunde vor dem Sonntagsgottesdienst, eine gewisse Zeit an Samstagen und Sonntagen, während eines Nachmittags, an dem das Allerheiligste ausgesetzt wird, und zwar so, dass sich die zur Verfügung stehenden Priester jeweils ablösen.

-- Der Ort, an dem die Pönitenten empfangen werden, bedarf einer besonderen Pflege: mehrere Orte sollten angeboten werden, und man kann ein angenehmes Ambiente mit Blumen, Düften, Kerzen, einem Kruzifix, einer Ikone, einem Bibelwort usw. schaffen.

-- Je mehr die Erfahrungen Gläubige überzeugen, desto mehr verspüren sie den Wunsch, das Sakrament wieder zu empfangen. Deshalb ist es wichtig, den Kindern eine vorzügliche Einführung in ihren «erste Vergebung» zu geben. Sie soll als ein Fest gelebt werden. Nachher sollten die Kleineren, die Jugendlichen und die jungen Erwachsenen regelmäßig die Möglichkeit haben, das Sakrament bei verschiedenen Gelegenheiten, die ihr Glaubensleben prägen, zu empfangen (Vorbereitung auf die Erstkommunion, Firmvorbereitung, während Wallfahrten, Lagern, Tagungen, Weekends, Festivals, nach einer Nachtschicht oder Nachtwanderung oder Lichterprozession usw.).

-- Die sakramentale Begegnung zu zweien ist es wert, als eigenständige liturgische Feier zelebriert zu werden. Die Qualität und Schönheit dieser Feier, selbst wenn sie kurz ist (Lesung des Wortes Gottes, aktives Zuhören, aufrichtiges Teilen, Gestus der Handauflegung, welcher die Absolutionsformel begleitet...) ist ausschlaggebend, um den Wunsch der Gläubigen zu erhalten, sich immer wieder neu an dieser Quelle zu laben.

-- Die Klöster, Exerzitien- und Bildungshäuser, Wallfahrtsorte, Berghospize und verschiedene Seelsorgestellen (an Schulen, anderssprachigen Missionen, Spitälern, sozialen Einrichtungen, Gefängnissen...) können wöchentliche oder monatliche Beichtzeiten anbieten, an die sich die Gläubigen rasch gewöhnen werden.

-- Sonntagspredigten, Vortragszyklen, für alle Generationen offene Tagungen zur Versöhnung und Katechesen, Auffrischung anlässlich anderer Sakramente (Eucharistie, Firmung, Hochzeit, Krankensalbung), Anzeigen im Pfarrblatt usw. können Lust machen, den Weg zur Einzelbeichte wieder und neu zu entdecken.

Woraus man lebt und was man liebt, soll weitergegeben werden. In diesem Zusammenhang weise ich auf das neue Buch des Pfarrers und Dekans von Romont hin, der die hier und die im Dekret unserer Bischöfe eingenommene Perspektive weiterführt (Pascal Desthieux, La confession. Enfin je comprends mieux, St-Maurice 2008). Auf Deutsch ist zu empfehlen: Wolfgang Beck/Christian Hennecke, Think about. Das Sakrament der Buße mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen neu entdecken, München 2008.

Abbé François-Xavier Amherdt
Professor für Pastoraltheologie an der Universität Freiburg
Übersetzung: Felix Gmür

[Von der Schweizer Bischofskonferenz veröffentlichtes Original]