Gotteslob in den Peruanischen Anden

Interview mit Don Carlos López Bonifacio, Ausbilder im Kleinseminar der Diözese Huancavelica (Teil I)

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Von José Antonio Varela Vidal

ROM, 4. Juli 2012 (ZENIT.org). – Nachdem Don Carlos López Bonifacio einen Artikel über die Verwendung der Pfeifenorgel gelesen hatte, der in unserer Rubrik „Geist der Liturgie“ veröffentlicht worden war, wandte er sich mit einer ganz konkreten Bitte an ZENIT. Das Ausbildungshaus, in dem er arbeitet, verfügt nämlich über keine Pfeifenorgel...

Der genannte Priester gehört zu den Ausbildern im Kleinseminar des in den Peruanischen Anden liegenden Bistums Huancavelica. Das Gebäude, in dem es Platz für 150 Jungen gibt, hat im Verlauf seiner 28-jährigen Existenz der dortigen Teilkirche 36 Priester geschenkt.

Das Kleinseminar war von Seiner Exzellenz, William Dermott Molloy McDermott, dem aus Irland gebürtigen emeritierten Bischof als „Gregorianum der Anden“ bezeichnet worden. Don Carlos obliegt dort die musikalische Ausbildung der Schüler. Er hegt die Hoffnung, bald eine Pfeifenorgel anschaffen zu können.

ZENIT: Wie kam man im Bistum Huancavelica auf die Idee, ein Kleinseminar zu eröffnen?

Don Carlos López: Die Idee kam vor 28 Jahren auf, als ein irischer Missionar, damals Monsignore Dermott Molloy, nach seiner Ernennung zum Bischof von Huancavelica, das geographisch sehr ausgedehnte Bistum mit nur 17 Priestern verwalten musste. Er versuchte, in der Bevölkerung die Entstehung von indigenen Berufungen zu fördern, doch aufgrund der materiellen Armut der Menschen und aufgrund der schwierigen Lage – damals gab es terroristische Bestrebungen – gelang ihm das nicht. Man musste einen anderen Weg finden und Berufungen in früherem Alter wecken. So kam es zum Bau des Seminars vom „Hl. Johannes Maria Vianney“.

ZENIT: Was hat das Kleinseminar für die Jugendlichen, ihre Familien und die dortige Teilkirche als Früchte erbracht?

Don Carlos López: Es hat viel Gutes bewirkt. Der größte Beitrag war die Förderung der Berufungen zum Priestertum. Aber auch wenn nicht alle Jungen zum Priestertum berufen sind, so haben sie doch alle die Gelegenheit, eine hochwertigere Erziehung zu empfangen. Vor allem unter den im Land ansässigen Katechisten wollen viele Eltern, dass ihre Söhne ihre schulische Ausbildung im Seminar erhalten. Als Mitarbeiter in der Pastoral oder Vorsteher der bäuerlichen Gemeinschaften ist ihr Lebenszeugnis für alle sehr erbaulich. Ein Seminarist hat mir erzählt, dass sein Vater ihn gewöhnlich jeden Sonntag zur hl. Messe brachte und dazu mussten sie zu Fuß über Bergpfade einen Weg von fünf Stunden zurücklegen; glücklich darüber, an der Messe teilgenommen zu haben, kehrten sie danach nach Hause zurück. Viele junge Priester, die im Seminar Unterricht erteilen oder in den Pfarreien arbeiten, sind Söhne von Katechisten. 

ZENIT: Welche Charakteristiken besitzt die Erziehung, die im Seminar erteilt wird?

Don Carlos López: Dieses Kleinseminar ist auch zugleich eine Privatschule, in der die menschliche, geistliche, künstlerische und akademische Ausbildung an erster Stelle stehen. Da es ein Internat ist, erlaubt uns dies, die Zeit optimal auszunutzen und ein brüderliches und geregeltes Zusammenleben zu führen, indem wir jene Tugenden fördern, die jeder Priester besitzen muss: Ehrlichkeit, Gehorsam, Verantwortungsbewusstsein, Keuschheit, usw. Hier lernen die Jungen, das Gnadenleben zu schätzen und mit dem Bußsakrament sowie mit einem wöchentlichen Gespräch mit dem geistlichen Leiter gegen die Sünde zu kämpfen. Sie begegnen dem Herrn während der heiligen Messe und im täglichen Stundengebet (Offizium). Bei diesen liturgischen Ereignissen ist der sakrale Gesang als geistliche Nahrung von großer Bedeutung. Was die akademische Ausbildung angeht, so lernen die Schüler, sich beim Lernen ernstlich anzustrengen und hierdurch Gott und dem Nächsten zu dienen. 

ZENIT: Welche spezifische Ausbildung erhalten sie im Bereich der Kunst? Welche Art von Musik wird gemacht?

Don Carlos López: Wir pflegen musische Begabungen, weil es Bischof Molloys Wunsch war, dass allen dieser Weg offen stehen sollte. Er hatte auch entdeckt, dass die Kinder in den Anden für Musik ein besonders sensibles Gehör besitzen. Wir gehen davon aus, dass grundsätzlich alle Jungens ein Musiktalent besitzen. Es genügt, sie zu motivieren und zu unterstützen, damit sie Fortschritt machen.

Jeden Tag hören die Burschen verschiedene Volksmusikstücke, sakrale und klassische Musik, welche sie dann auf ihren Instrumenten nachspielen, wobei sie lernen, die Partitur zu lesen. Jeden Monat findet ein Konzert statt, das im gemeinschaftlichen Hörsaal aufgeführt wird. Man darf nicht vergessen, dass die Liturgie nicht freistellt, ob es sakralen Gesang geben solle oder nicht; vielmehr verlangt sie diesen; wir erteilen den Jungen auch Unterricht im gregorianischen Choral.

[Teil II wird am Donnerstag, dem 5. Juli veröffentlicht]

[Übersetzung des spanischen Originals von P. Thomas Fox LC]