Gottesteilchen Gottesbeweis?

Impuls zum 14. Sonntag im Jahreskreis

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Von Msgr. Dr. Peter v. Steinitz*

MÜNSTER, 6. Juli 2012 (ZENIT.org). - Vor wenigen Tagen ging eine Sensationsmeldung aus der Naturwissenschaft durch die Medien: das seit fünfzig Jahren von den Physikern vermutete Elementarteilchen „Higgs-Boson“ existiert wirklich. Für den normalen Sterblichen ist die Welt der Quarks, Elektronen und der anderen Bausteine des Mikrokosmos meist ganz unverständlich. Eine gewisse Breitenwirkung erzielte diese Sparte der Wissenschaft jedoch durch den Gebrauch eines Wortes, das man in diesen Kreisen nicht gewohnt ist, das Wort Gott. Irgendjemand hat dieses Elementarteilchen das „Gottesteilchen“ genannt, vielleicht in der wissenschaftlich ganz unpräzisen Vorstellung, dass dieses Teilchen gewissermaßen „Gott spielt“, weil ja durch es alle anderen Elementarteilchen ihre Masse erhalten; (vielleicht war es auch nur einer von diesen angelsächsischen Scherzen).

Bezeichnend aber war die Art und Weise, wie die Tagesschau am späten Abend diese Meldung servierte. Die Sprecherin beeilte sich nämlich, der sachlichen Nachricht sofort die Bemerkung hinzuzufügen, dass das sog. Gottesteilchen nichts mit Gott zu tun hat. Die Bemerkung enthüllt ein in gebildeten Kreisen weit verbreitetes Vorurteil, ist aber sachlich richtig, und zwar aus zwei Gründen:

wenn die Tatsache (immer angenommen, es verhält sich wirklich so), dass das Higgs-Teilchen allen anderen die unerlässliche Masse verleiht, auf ein direktes Einwirken Gottes schließen ließe, dann wäre das ein armer Schöpfer-Gott, denn dann hätte er zur Schöpfung allenfalls etwas beigetragen. Tatsächlich aber hat er das gesamte Universum vollkommen frei aus dem Nichts geschaffen.Der Glaube sagt (übrigens nicht nur der christliche), dass Gottes Sein transzendent ist, will sagen übernatürlich, dass wir also mit unseren natürlichen Erkenntnismöglich-keiten Gott nicht erfassen können. Weder mit unseren fünf Sinnen, noch mit den „verlängerten“ Sinnen, den Messinstrumenten. Auch ein so ausgeklügeltes Instrument wie der Large Hadron Collider (LHC) des CERN in der Schweiz ist nicht mehr als ein enorm erweitertes Sinnesorgan. Dass die Welt der Elementarteilchen, in der viele Entwicklungen ganz unvorhersehbar und geradezu unlogisch erscheinen, außerordentlich schwer vorstellbar ist, ändert nichts an der Tatsache, dass sie zur natürlichen Welt gehört. Die Ebene Gottes, die Welt des reinen Geistes, können wir mit wissenschaftlichen Mitteln nicht erreichen. Das „Organ“ des Menschen, Gott zu erfassen, ist der Glaube. Die Naturwissenschaft kann die Existenz Gottes nicht beweisen, aber sie kann sie auch nicht widerlegen.

Hand aufs Herz: würde es uns Christen aber nicht doch irgendwie gefallen, wenn die Naturwissenschaft nicht umhin könnte, die Existenz Gottes zuzugeben? Unterschwellig wird eine solche verborgene Sehnsucht erkennbar, wenn die Menschen bei der Erwähnung des „Gottesteilchens“ solch eine unvermutete Anteilnahme zeigen.

Das wiederum hat sicher damit zu tun, dass seit der Aufklärung die sog. exakte Naturwissenschaft beschlossen hat, Gott bei ihrer Suche nach der Wahrheit ganz außen vor zu lassen. Man nennt das „vorurteilsloses Forschen“. Gewiss ist es bei Detailfragen in Einzeldisziplinen der Wissenschaft meist nicht von Belang, ob Gott existiert oder nicht. Bei konkreten chemischen Reaktionen ist es sicher irrelevant, ob man dabei an Gott denkt oder nicht.

Aber es gibt doch fundamentale Fragen, nicht nur der Philosophie oder der Psychologie, sondern auch der exakten Naturwissenschaft, wo es einen Unterschied macht, ob man einen planenden und schaffenden überlegenen Geist annimmt oder nicht. „Was die Welt im Innersten zusammen hält“ (Goethe, Faust I), ist ja nicht nur eine philosophische, sondern eine naturwissenschaftliche Frage. Warum muss da ein Schöpfer von vornherein ausgeschlossen sein?

Und nicht nur im „finsteren“ Mittelalter waren Naturforscher oft gläubig, sondern durchaus in der Neuzeit. Denken wir an Newton, Linné oder Mendel.

Der Bruch geschah bekanntlich durch Charles Darwin bzw. durch seinen unberufenen Interpreten Friedrich Engels, der nach der Veröffentlichung des „On the origin of species“ triumphierend sagte: „Famos, jetzt brauchen wir keinen Schöpfergott mehr, die Welt ist von selbst entstanden!“ Seitdem gilt es als unprofesionell, wenn in wissenschaftlichen Verlautbarungen von Gott die Rede ist. Wer dann doch Forschung betreibt, bei der die Anwesenheit und das Wirken eines schaffenden und ordnenden Gottes wenigstens als Möglichkeit mit einbezogen wird, der ist zunächst einmal „out“.

Aber er sei unbesorgt, er ist in guter Gesellschaft. Auch Jesus, immerhin der Sohn des Schöpfergottes, hat Ablehnung erfahren. Nicht weil man seine Lehren als unwahr oder „unwissenschaftlich“ abgelehnt hätte, sondern weil man nicht wahrhaben wollte, dass von ihm, dem einfachen Zimmermann aus Nazareth etwas Gescheites kommen könnte. So berichtet uns heute das Evangelium vom 14. Sonntag im Jahreskreis.

„Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit?“ (Mk 6,2) sagten die, die ihn zu kennen glaubten. Sie lehnten ihn ab, ja nahmen sogar Anstoß an ihm (Mk 6,4 ).

Auf unsere Zeit übertragen: liegt nicht dem „vorurteilsfreien“ Forschen oft ein gewaltiges Vorurteil zugrunde, nämlich die feste Überzeugung, dass Gott, wenn es ihn denn überhaupt geben sollte, nicht in unsere Welt eingreifen kann.

„Jesus wunderte sich über ihren Unglauben“ (Mk 6,6).

Wenn auch das „Gottesteilchen“ nicht den Glauben an Gott herbeizaubern kann, so könnte doch die Beschäftigung mit den allerkleinsten Bausteinen der Schöpfung dem „vorurteilsfreien“ Zeitgenossen einen Blick auf die wahre Bedeutung Gottes in der Naturwissenschaft öffnen: nicht als „Lückenbüßer“ für Phänomene, die man nicht erklären kann, sondern als den großen Sinnstifter, der einer Mikrowelt, in der Zufall und Chaos alles zu bestimmen scheinen, Ordnung und Sinn verleiht.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“. Im katholischen Fernsehsender EWTN ist er montags um 17.30 Uhr mit der wöchentlichen Sendereihe „Schöpfung und Erlösung”, die beiden großen Werke Gottes und die Mitwirkung des Menschen, zu sehen.