Göttliche Barmherzigkeit: zu einfach für den „modernen“ Christen?

Betrachtung zum Sonntagsevangelium am 1. Sonntag nach Ostern, dem Barmherzigkeitssonntag

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MÜNSTER/ROM, Freitag, 29. April 2011 (ZENIT.org). – Der Barmherzigkeitssonntag wird als Tag des neuen Seligen Johannes Pauls II. in die Kirchengeschichte eingehen. Er war es, der die Ordensfrau heilig sprach, auf deren Visionen die besondere Verehrung der göttlichen Barmherzigkeit zurückgeht, er war es, der diesen Feiertag der Kirche schenkte, am Vorabend dieses Festes starb er und an diesem Barmherzigkeitssonntag wird er nunmehr selig gesprochen. Aber ist diese Frömmigkeitsform „zeitgemäß“? Ist sie eine Zumutung für den „modernen“ Katholiken?

Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

Im Hohen Mittelalter, genauer gesagt im Jahre 1209, hatte eine Ordensfrau, Juliane von Lüttich, Visionen, in denen sie sah, dass im Kirchenjahr ein Fest zu Ehren der Eucharistie fehlte. Sie teilte ihre Schauungen ihrem Beichtvater mit; dieser wurde, viele Jahre später, Bischof, Kardinal und bestieg schließlich als Urban IV. den päpstlichen Thron. Er sorgte dafür, dass im Jahre 1264 das neue Fest Fronleichnam für die ganze abendländische Kirche vorgeschrieben wurde.

Im Jahre 1931 hatte eine polnische Ordensschwester mit bürgerlichem Namen Helena Kowalska, Schauungen unseres Herrn Jesus Christus, aus denen sie verstand, dass der Herr die besondere Verehrung der Göttlichen Barmherzigkeit wünschte. Christus veranlasste sie auch, ein Bild von ihm malen zu lassen, auf dem zu erkennen ist, wie aus dem geöffneten Herzen Jesu zwei Strahlen auf die Menschen herabkommen: eine weiße und eine rote Lichtgarbe, die - Blut und Wasser aus dem am Kreuz geöffneten Herzen - die Liebe und die Barmherzigkeit Gottes darstellen sollten. Auch verlangte der Herr die Einführung eines neuen Festes, nämlich das der Göttlichen Barmherzigkeit am Sonntag nach Ostern. Sr. Faustina, so der Ordensname der Nonne, starb am 5. Oktober 1938 in Krakau. Der zuständige Bischof, der den Informativprozess zur Seligsprechung im Jahre 1967 abschloss, hieß Karol Woityla. Er schickte die Akten nach Rom und konnte selbst, als Papst Johannes Paul II., am 18. April 1993 die Ordensschwester selig- und später heiligsprechen.

Wie sich die Bilder gleichen!

Für denjenigen, der das Wort „sentire cum Ecclesia" ernst nimmt, d.h. der aus der Verbundenheit mit dem Hl. Vater heraus versucht, die Zeichen der Zeit zu erspüren, war es sofort unmissverständlich klar, dass mit der Heiligsprechung dieser Ordensfrau auch ihre auf die gesamte Kirche abgezielte Botschaft „heilig gesprochen" wurde.

Werfen wir einen kurzen Blick auf die wesentlichen Elemente dieser Botschaft, die so alt und so neu wie das Evangelium selber ist. Es heißt dort u.a.: „Ich will, dass die Sünder zu mir kommen ohne jede Furcht. Die größten Sünder haben ein ganz besonderes Anrecht auf meine Barmherzigkeit. Ich freue mich, wenn sie ihre Zuflucht nehmen zu meiner Barmherzigkeit. Ich überhäufe sie mit Liebe, weit über ihre Erwartungen... Ihretwegen bin ich auf diese Erde gekommen; ihretwegen habe ich mein Blut vergossen. Ich kann den nicht strafen, der sich meiner Barmherzigkeit anvertraut".

Dann ist da die Rede von einer Novene, die man vom Karfreitag bis zum Sonntag nach Ostern halten kann. Man soll das Wissen um die Barmherzigkeit Gottes verbreiten dadurch, dass man die so genannten geistigen und leiblichen Werke der Barmherzigkeit verrichtet. Vor allem verlangt Christus ein uneingeschränktes Vertrauen: „..., dass ich ganz Liebe und Erbarmen bin: jeder, der sich mir mit Vertrauen naht, empfängt meine Gnade in solchem Überfluss, dass er sie nicht zu fassen vermag, und er wird sie auch auf andere Menschen ausstrahlen". Es wird ein ganz kurzes, einfaches, aber prägnantes Stoßgebet empfohlen: „Jesus, ich vertraue auf dich"

So weit, so gut. Die Sprache, die hier gesprochen wird, ist die gleiche wie beispielsweise im berühmten Gleichnis vom Barmherzigen Vater (und dem verlorenen Sohn). Als Kommentar zum Evangelium müsste also diese Botschaft bei den Christen gut ankommen. Sie kommt auch tatsächlich an, allerdings in erster Linie bei denen, von denen Christus einmal sagt: "Ich preise dich, Herr des Himmels und der Erde, dass du dieses den Klugen und Weisen verborgen, den Kleinen aber geoffenbart hast." Die Botschaft ist nämlich nicht nur so alt und so neu wie das Evangelium, sondern auch so einfach wie das Evangelium. Und, wie die Dinge mit den Christen heute stehen, für viele halt zu einfach

Dann ist da noch die Sache mit dem Bild: das Bild, das in mehreren Varianten, zuerst 1934 in Vilnius (Litauen), gemalt wurde, entspricht nicht den Ansprüchen des gehobenen Kunstgeschmacks. Um es deutlich zu sagen: es bewegt sich im Bereich des Kitsches (das hat es übrigens mit vielen Fatima- und Lourdes-Bildern gemeinsam). Wer in der Lage ist, mit einer guten Portion Demut dieses Hindernis zu überwinden (indem er es z.B. ignoriert), wird reich belohnt. Wer das nicht kann, soll aber auch nicht getadelt werden. Und es ist ja in der Tat denkbar, dass die Aussage und die wesentlichen Elemente des Bildes von einem Künstler so dargestellt werden, dass sie wirkliche Kunst sind. Unser Jahrhundert hat nun einmal - nach einem Wort von Sedlmayr - den "Verlust der Mitte" erlebt, die Kunst und vor allem die religiöse Kunst, ist seit fast hundert Jahren hoffnungslos manieristisch - zerrissen und entfremdet

Im Heiligen Jahr 2000 hat Papst Johannes Paul II. dieses Fest für die ganze Kirche eingeführt, als er am 30. April 2000 die Ordensschwester Maria Faustyna heilig sprach. Der ‚Barmherzigkeitssonntag’ schien allerdings ein bisheriges Fest zu verdrängen. Was sollte nun aus dem ‚Weißen Sonntag’ werden? Aber diese Sorge war unbegründet, denn der Sonntag nach Ostern hatte seinen Namen nicht aufgrund der Kommunionfeiern, die an dem Tag in vielen Gegenden stattfinden (de facto werden Erstkommunionen an jedem beliebigem Tag gefeiert), vielmehr stammt die Bezeichnung aus dem christlichen Altertum, als in der Osternacht die Neu-Christen getauft wurden, dabei mit einem weißen Gewand bekleidet wurden, das sie eine Woche lang trugen und dann am Sonntag nach Ostern, der ‚Dominica in Albis’, wieder ablegten. Da dieser Brauch seit Jahrhunderten nicht mehr existiert, ist in der Tat der Name ‚Weißer Sonntag’ nicht mehr begründet

Entscheidend ist aber bei alledem, dass jeder lernt, besser mit der Barmherzigkeit umzugehen in unserer oft so unbarmherzigen Welt. Es steht auch für uns heute das Wort Christi: „Seid barmherzig wie euer Vater im Himmel barmherzig ist". Sollte aber jemand die Beachtung von so genannten Privatoffenbarungen generell für problematisch halten („was sollen die Andersgläubigen sagen!"), so kann auch er sich mit dem Gedanken der grenzenlosen Göttlichen Barmherzigkeit zuwenden, wenn er nur die Verlautbarungen des ordentlichen Lehramts der Kirche beachtet. Derselbe Karol Woityla, der als Bischof die Seligsprechung vorbereitet hatte und sie später als Papst selber vornahm - er hat schon zu Beginn seines Pontifikats in einer seiner ersten Enzykliken „Dives in misericordia" diese Worte gebraucht: „Die Kirche bekennt die Wahrheit von Gottes Erbarmen, die im Gekreuzigten und Auferstandenen offenbar wurde, und verkündet sie auf verschiedene Weise. Darüber hinaus ist sie bestrebt, durch Menschen das Erbarmen mit den Menschen Wirklichkeit werden zu lassen" und er fährt fort: „Dennoch darf die Kirche nie... - insbesondere nicht in einer so kritischen Epoche wie der gegenwärtigen - den Aufschrei zu Gottes Erbarmen vergessen gegen die vielen Formen des Übels, welche drohend über der Menschheit lasten..... Je mehr das menschliche Bewusstsein der Säkularisierung erliegt, und so den Sinn sogar für die Wortbedeutung von ‚Erbarmen’ verliert, je mehr es sich von Gott entfernt und somit auch vom Geheimnis des Erbarmens, desto mehr hat die Kirche das Recht und die Pflicht, ‚mit lautem Schreien’ den Gott des Erbarmens anzurufen. Dieses ‚laute Schreien’ muss gerade die Kirche unserer Zeit kennzeichnen.

Privatoffenbarung - Lehramt der Kirche: genau wie in dem Phänomen Fatima und ähnlichen stimmen beide miteinander vollständig überein. Worauf also sollten wir noch warten? Machen wir endlich mit der Barmherzigkeit ernst - sowohl im Geben wie im Nehmen

Der in wenigen Tagen selig gesprochene Papst Johannes Paul II. hat die Bedeutung dieses Gedankens und dieses neuen Festes am Ende seines Lebens in besonders ergreifender Weise noch einmal unterstrichen: Er starb genau am Vorabend des Festes der Göttlichen Barmherzigkeit im Jahre 2005, um 20.00 Uhr an dem Abend zelebrierte an seinem Sterbebett sein Sekretär, der jetzige Kardinal Dziwicz, die Hl. Messe vom Barmherzigkeitsfest.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, geb. 8.2.1940 in Lima, Peru, aufgewachsen in Deutschland. 1958 Abitur Grillo Gymnasium, Gelsenkirchen; 1967 Diplom TH Braunschweig; bis 1980 Tätigkeit als Architekt; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“.