Großbritannien: Bischöfe üben scharfe Kritik an Gesetzesentwurf zu Stammzellen- und Embryonenforschung

Neue Regelungen bedeuteten Verstoß gegen die Menschenrechte

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LONDON, 27. Juni 2007 (ZENIT.org).- Mit dem eindringlichen Appell, die Menschenrechte zu wahren, haben die englischen Bischöfe auf den Gesetzentwurf der britischen Regierung zur „Regelung der Forschungsmethoden bei menschlichen Stammzellen und Embryonen“ reagiert.



Die Bischöfe von England und Wales weisen in einem Schreiben (englisches Original), das am 20. Juni veröffentlicht wurde, nachdrücklich darauf hin, dass das profunde Anliegen der Menschenrechte im angestrebten Entwurf betroffen werde: „Diese Anliegen reichen vom Respekt für das menschliche Leben bis zum Respekt für den Wert und die Bedeutung von Elternschaft und für die langfristigen Rechte für all jene, die durch eine Gameten-Spende gezeugt wurden (etwa ihr Recht auf Informationen, was ihre genetischen Verwandten betrifft)“.

Dies schließe auch den Respekt vor Elternschaft bei der Zeugung von Hybrid-Chimären bei Embryonen mit ein, sowohl bei jenen, die zweifellos nicht menschlich geartet sind, wie bei solchen, die Menschen sein können.

In Großbritannien hatte die Behörde für „Menschliche Befruchtung und Embryonen“, die „Human Fertilisation and Embryo Authority“ (HFEA), eigentlich schon im Herbst vergangenen Jahres den Präzedenzfall für die angestrebte Modifikation der Rechtslage geschaffen. Dem englischen Forschungsinstitut „North East England Stem Cell Institute“ (NESCI) wurde damals die Genehmigung erteilt, dass Frauen Eizellen, die ihnen für die künstliche Befruchtung entnommen worden waren, aber nicht gebraucht wurden, zur Forschung an embryonalen Stammzellen hergeben können.

Angesichts der Experimente mit Embryonen, Tests und die Praxis der Geschlechtsvorwahl erklären die Bischöfe: „Wir sind prinzipiell gegen viele Verfahren, die durch den Gesetzentwurf legalisiert werden: Verfahren, von denen wir glauben, dass sie Menschenrechte verletzen und deshalb unter keinen Umständen genehmigt werden sollten.

Dass heißt, wir würden sehr viel lieber ein Verbot von bestimmten Missbräuchen der Menschenrechte begrüßen, gerade weil andere Missbräuche, die kaum weniger ungerecht sind, leider durch den Staat schon legalisiert worden sind.“

Faktisch geschah dies in der Legalisierung des so genannten „egg sharing for research“ (Eizellen-Nutzung für Forschungszwecke), um so die Kosten der künstlichen Befruchtung zu reduzieren. Das hatte auf europäischer Ebene seit November 2006 für eine große Diskussion gesorgt.

„Aus den Eizellen werden Embryonen hergestellt, die dann tatsächlich nur für Forschungszwecke und gegen finanzielle Vorteile erzeugt wurden“, erläutern die Bischöfe die Situation. „Zur Debatte steht seitdem, ob Frauen auch unabhängig von IVF-Behandlungen Eizellen für die Wissenschaft ‚spenden‘ dürfen; wie Zwang gegenüber den Frauen verhindert werden kann; welche Folgen die Hormone zur Stimulation der Eierstöcke haben und ob es dabei Gefährdungen für Frauen gib.

Ein Beispiel dafür würde ein Verbot in der grundlegenden Gesetzgebung der Produktion von Embryonen aus den Ovuli der abgetriebenen menschlichen Fötusse (das Gesetz verbietet dies nur, wo die Absicht besteht, Embryonen, die so erzeugt wurden, in den Körper einer Frau [vgl. Gesetzesvorlage unter 3A] zu implantieren, oder der Produktion von Embryonen in größeren Mengen, die dann sofort in den Körper der Mutter eingepflanzt werden.“

Die Bischöfe stellen diesbezüglich fest: „Während wir jede ‚Produktion‘ von Embryonen durch eine nicht auf dem Geschlechtsakt basierende Form der Zeugung ablehnen, pochen wir dringend zumindest auf ein Verbot der Massenproduktion von Embryonen, von denen viele dann weggeworfen werden.“ Und sie bekräftigen: „Die Tötung menschlichen Lebens ist unser wichtigstes Anliegen, besonders wenn solche Zerstörung nicht bloß unerlaubt praktiziert wird, sondern sogar effektiv einer Form von Mandat unterstellt ist, wie es in Beziehung zu einigen Formen menschlichen Lebens (etwa Leben gezeugt durch Klonen oder durch andere Neue Technologien) der Fall ist“.

In der britischen Gesellschaft herrsche keine einheitliche Meinung hinsichtlich der Frage, „wann menschliches Leben anfängt“, wird in dem Dokument angemerkt.

Tatsächlich gibt es wenig Widerspruch unter Human-Embryologen, dass die meisten menschlichen Lebewesen aus der Verbindung von Samenzellen und Ovulum gebildet werden, und nicht von anderen Zellen oder Zellengruppen.

Die größte Uneinigkeit, so erklären die englischen Bischöfe, herrsche in der Frage, welchen Respekt dem menschlichen Leben an bestimmten Stadien seiner Entwicklung geschuldet werden müsse. Sie bestehen darauf, dass ungeborenen Individuen dieselben Rechte zustehen müssten wie den bereits geborenen Kindern: das Recht auf Leben, Gesundheit, Freundschaft und Ausbildung.

Die bioethischen Wegweisungen der englischen Oberhirten entlarvt das Konzept einer Form von Qualitätskontrolle des noch ungeborenen Lebens. Eine „erlaubte Erzeugung von Embryonen“ durch die Insemination beziehungsweise In-vitro-Fertilisation widerspreche der christlichen Schöpfungslehre, unterstreichen die Bischöfe.

Als „beleidigend“ werten sie die Anwendung von Regelungen zu einer Form von Qualitätskontrolle, die der britische Gesetzgeber im Passus 8A der Vorlage für die „Zurücknahme der zum Gebrauch bereitgestellten … Embryonen“ festgelegt hat, „die für menschliche Anwendungen bestimmt sind, festgelegt hat, weil bekannt ist oder vermutet wird, dass sie für solche Anwendung unpassend zu sein scheinen“.

Durch diese Formulierung und die dahinter verborgene Rechtsphilosophie werde nahe gelegt, dass der mechanische Prozess, durch den IVF Embryonen hergestellt werden, eine Denkrichtung anrege, „der sie als Produkte und Besitz der älteren Menschen“ definiere.

Die Bischöfe verweisen in einem dritten Punkt auf die Konflikte beim Verfahren der heterologen Insemination, insbesondere die ethisch und juristisch bedenkliche Spendung von Eizellen und die Empfängnis durch Leihmütter. Sich von Spendern befruchtete Eizellen einpflanzen zu lassen, zersetze das natürliche Verständnis von Mutterschaft und sollte keine soziale Anerkennung erhalten.

In einem weiteren Punkt verurteilen die Bischöfe die im Gesetzestext angedachte Möglichkeit, das Vermengen von Erbinformationen verschiedener Eizellen, was zur Chimären- oder Hybridbildung führt, zu legalisieren.

Dabei hat der Gesetzgeber im Auge, tierische Eizellen zur Herstellung von menschlichen Stammzellen zu verwenden. Dabei geht es darum, die tierischen Eizellen zu entkernen und dann einen menschlichen Zellkern einzuführen. Die daraus entstehenden Mensch-Tier-Chimären werden anschließend getötet, um die Stammzellen zu gewinnen.

Die Tatsache, das hier das tierische DNA nur in den Mitochondrien außerhalb des Zellkerns vorhanden ist, der vollständig aus menschlicher DNA bestünde, bedeutet, so denunzieren die Bischöfe, dass diese menschlichen Chimären, die als Embryonen zu 99,9 Prozent menschlich und zu 0,1 Prozent tierischen Ursprungs sind, definitiv keine menschlichen Eltern haben und doch als Menschen erachtet werden können. Sie sind somit ungeschützt und quasi rechtlos.

Die Weisungen der Bischöfe wenden sich gegen alle ausbeuterischen Bestrebungen in der Forschung zu bestreiten, dass die Behörde des „Human Fertilisation and Embryology Authority“ (HFEA) Großbritanniens überhaupt für Chimären zuständig sein soll (mehr zum Thema online unter Hybridchimären).

Die Bischöfe wehren sich strikt gegen die Ansicht, dass der Gesetzgeber nur die Forschung an Embryonen regeln könne, die zu 100 Prozent menschlich sind. In jedem Falle ermutige er die entsprechenden beteiligten Spenderinnen des Ovulums, sich den befruchteten Embryonen einpflanzen zu lassen und die Zeit der Schwangerschaft für diesen werdenden Menschen anzutreten.

Generell aber wollen die Bischöfe von England und Wales die Vermischung von tierischen und menschlichen Genen grundsätzlich verbieten lassen.

In einem sechsten Punkt warnen die Bischöfe vor den Konsequenzen der Gesetzesänderung bezüglich der Kommunikation und Anerkennung der Vaterschaft in dem Falle, wo der Samenspender nicht der Ehemann oder Partner einer fest gefügten Partnerschaft ist.

Die vom Gesetzgeber vorgesehene Anonymität des Samenspenders, die „Aberkennung seiner Vaterschaft“, sei gegen jedes Menschenrecht, da jeder Mensch ein Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung habe, unterstreichen die Hirten.

Werde dieses moralische Recht der Kinder nun vom Gesetzgeber nicht beachtet, ergäben sich ungesunde Verhältnisse für die heranwachsenden Kinder. Es sei nicht nur belastend, nicht zu wissen, wer der genetische Erzeuger ist, sondern eine soziale Notwendigkeit, da ein solches Geheimnis das Kind und die familiäre Situation stark belasten könne.

Als höchst problematisch werten die Bischöfe jenen Passus, in dem erklärt wird, dass der Partner in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft als zweiter Elternteil eingetragen werden soll. Der englische Gesetzentwurf geht dabei so weit, diese Identität stiftende Regelung derart auszudehnen, dass auch ein Ableben des gleichgeschlechtlichen Partners vor der Geburt des erwünschten Kindes nichts an seiner rechtlichen Elternschaft ändern würde.

Kinder möglicherweise ein Leben lang im Unklaren über ihren Vater zu lassen oder sie mit Lügen und Irreführungen über ihre Herkunft aufwachsen zu lassen, stellt nach Worten der Bischöfe einen Eingriff in ihre Menschenrechte dar. Sie fordern die Aufhebung der legalen Anonymisierung von Vaterschaft auch durch ein Verbot anonymer Samenbänke. Es könne niemals ein Recht an sich auf ein Kind geben.

Die Kenntnis der eigenen Ursprünge bleibe bei aller medizinischen Machbarkeit für die Identitätsbildung sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen eminent wichtig. Deshalb sollte im Alter von 16 Jahren ein Kontakt mit dem bei der Zeugung des Kindes beteiligten Mannes beziehungsweise der Frau möglich sein.