Große Messe für Papst Benedikt XVI., den „Mozart unter den Theologen“, in Berlin: Predigt von Joachim Kardinal Meisner

„Das Bekenntnis des Petrus: ‚Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes‘, rettet die Welt und den Menschen“

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BERLIN, 16. April 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner am Sonntag während des Papstgottesdienstes in der St. Hedwigskathedrale in Berlin gehalten hat.



„Gott wieder in das Zentrum der Menschen zu stellen, ist das Grundanliegen des Papstes. Denn Gott ist nicht nur die Antwort der innersten Sehnsüchte der Menschen, sondern er ist auch der Garant einer humanen und friedlichen Ordnung des Zusammenlebens der Völkergemeinschaft“, betonte Kardinal Meisner. „Gottvergessenheit bedeutet immer Menschenverlustigkeit und Menschenvergessenheit.“

Benedikt XVI. würdigte er als den „Mozart unter den Theologen“. Die Theologie des Papstes „ist nicht nur wahr und gut, sie ist auch schön. Seine Worte klingen den Menschen wie Musik in den Ohren und Herzen. Ihm gelingt es wirklich meisterhaft, die Noten des Evangeliums in hinreißende Musik umzusetzen.“

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Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. Wenn am heutigen oder am nächsten Sonntag in den Kathedralen der Welt Dankgottesdienste für die Erwählung von Papst Benedikt XVI. gefeiert werden und dabei auch der Vollendung seines 80. Lebensjahres dankbar gedacht wird, sind das keine Aktionen des Personenkults. Die Kirche weiß sich vielmehr in Papst Benedikt XVI. von Christus selbst beschenkt, und das drängt in die Danksagung.

Das letzte Konklave liegt noch nicht ganz zwei Jahre hinter uns und wird jedem Teilnehmer unvergesslich bleiben. Der Papst ist oberster Hirte der Kirche, aber nicht von Gnaden der Kardinäle, sondern von Christi Gnaden. Denn wenn der Kandidat die Zweidrittelmehrheit plus eine Stimme erreicht hat, ist er noch nicht Papst. Erst in dem Augenblick, in dem er sagt: „Ich nehme die Wahl an“, ist er der Papst der Weltkirche. Darauf kommt sofort einer der Kardinaldiakone und liest dem Papst aus dem Matthäusevangelium die Einsetzung des päpstlichen Primates vor.

„Christus fragte seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn? Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen der Propheten. Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir, du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein“ (Mt 16,14-19).

Christus erwählt, Christus beruft, und Christus bevollmächtigt. Die Kardinäle sind dabei nur Zeichen für den Willen des Herrn. Nicht auf Ideen und vage Spekulationen geht das Christentum zurück, sondern auf den Einstieg Gottes in das Leben einiger Menschen, deren „Ja“ zu ihrer Berufung den Lauf der Weltgeschichte verändert hat.

2. Als der Herr zu Petrus sagte: „Und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“, hat er nicht auf der Landkarte mit seinem Finger auf Berlin, auf Deutschland oder auf Europa gezeigt, sondern auf die Welt allgemein. Die Gegenwart der Kirche in unserem Land ist eine herausfordernde Aufgabe für uns Christen. Dass der Leuchter mit seinem Licht von seinem Platz weggerückt werden könnte, wie die Apokalypse sagt, ist eine bedrängende Realität für uns. Denken wir an Nordafrika, das bis ins 7. Jahrhundert eine blühende Region des Christentums war, um dann dem Evangelium ganz verloren zu gehen.

Christus hat seine Kirche auf das Bekenntnis des Petrus gegründet: „Du bist der Messias, Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“. Die Kirche ist deshalb nicht für sich selbst da – wie Christus nicht für sich selbst da ist –, sondern für die Menschen. Der lebendige Glaube an den lebendigen Gott ist für eine Gesellschaft nicht gleichgültig. Ganz im Gegenteil.

Wir Deutschen sollten aus der schlimmen Erfahrung des 20. Jahrhunderts besonders deutlich wissen: Nicht der Mensch ist menschlich, sondern nur Gott ist menschlich: Er ist gottmenschlich in seinem Sohn Jesus Christus. Dasselbe sagt der österreichische Literat Franz Grillparzer: „Humanität ohne Divinität ergibt Bestialität“, das heißt Menschlichkeit ohne Göttlichkeit verkommt in Unmenschlichkeit. Humanität allein reicht nicht!

An dem Ort, wo Goethe am Ettersberg in Weimar die Formel des deutschen Humanismus geprägt hat: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, stand 150 Jahre später das berüchtigte KZ Buchenwald mit all seinen Schrecklichkeiten. Gottvergessenheit bedeutet immer Menschenverlustigkeit und Menschenvergessenheit.

Die Heilige Schrift sagt uns ausdrücklich: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden (vgl. Lk 2,14). Das heißt doch: Wem Gott im Himmel nicht mehr heilig ist, was soll denn dem auf Erden noch heilig sein?

Als man den Himmel den Engeln und den Spatzen überließ, fiel unsere Erde buchstäblich unter die Räuber. Selbst unsere ökologischen Probleme sind eine Folge mangelnder Theologie. Das Bekenntnis des Petrus: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“, rettet die Welt und den Menschen.

3. Der Petrus von heute heißt Benedikt XVI. Sein Verkündigungsdienst ist heilsnotwendig für Kirche und Welt. Mit hoher Authentizität verkündet der Papst die rettende Kraft des Evangeliums. Seine intellektuelle Tiefsichtigkeit lässt ihn die komplizierten Zusammenhänge von Gott, Welt und Gesellschaft klar erkennen, um dann einen überzeugenden Weg zum Heil aufzuweisen. Dabei geht es meist um den Menschen. Wo die Herkünftigkeit des Menschen von Gott nicht mehr gesehen wird, dort verliert er seine Krone als Ebenbild Gottes.

Als „Diktatur des Relativismus“ bezeichnet der Papst das Grundübel unserer westlichen Gesellschaften, für die es keine obersten und unveräußerlichen Wahrheiten und Werte mehr gibt. Für sie ist alles gleich-gültig, was die Menschen dann gegenüber der Frage nach Gut und Böse schließlich gleichgültig macht. Das sieht dann konkret so aus: Der Mensch kann Menschen klonen – also tut er es! Der Mensch kann Menschen als Organlager für andere Menschen benutzen – also tut er es! Er tut es, weil es ein Anspruch seiner Freiheit zu sein scheint. Der Mensch kann Atombomben bauen – also tut er es! Und er ist prinzipiell bereit, sie zu benutzen.

Auch der Terrorismus basiert letztlich auf dieser Selbstautorisierung des Menschen. Das Evangelium enthält Wahrheiten über den Menschen, die auch heute noch gültig und für das Zusammenleben der Menschen sehr notwendig sind.

Kurz vor seiner Papstwahl appellierte der damalige Kardinal Ratzinger an alle Menschen guten Willens, ob religiös oder atheistisch, ob gläubig oder agnostisch, sie sollten versuchen so zu leben, „als ob es Gott gäbe“. Und er versprach ihnen, dass sie dann in jeder Hinsicht besser leben würden als die große Mehrheit der Menschen in den säkularisierten Ländern des Westens, die ihren Alltag so verbringen, „als ob es Gott nicht gäbe“.

Gott wieder in das Zentrum der Menschen zu stellen, ist das Grundanliegen des Papstes. Denn Gott ist nicht nur die Antwort der innersten Sehnsüchte der Menschen, sondern er ist auch der Garant einer humanen und friedlichen Ordnung des Zusammenlebens der Völkergemeinschaft.

4. Papst Benedikt XVI. ist es gegeben, die den Menschen heil machende Botschaft des Evangeliums in ihrer Schönheit, Faszination und Harmonie aufzuzeigen, so dass man ihn den „Mozart unter den Theologen“ nennt. Seine Theologie ist nicht nur wahr und gut, sie ist auch schön. Seine Worte klingen den Menschen wie Musik in den Ohren und Herzen. Ihm gelingt es wirklich meisterhaft, die Noten des Evangeliums in hinreißende Musik umzusetzen. Deshalb werden die Pilgerströme, die zu seinen Audienzen kommen, von Monat zu Monat größer.

Er selbst ist nicht nur auf der Lehrkanzel ein virtuoser Verkünder, sondern auch am Klavier ein begnadeter Spieler. Musik und Evangelium haben eine innere Affinität zueinander. Das Evangelium beginnt mit einem Wiegenlied – „Gloria in excelsis Deo“ – und endet mit dem österlichen Halleluja. Erst das singende Gotteslob erschließt die ganze Kraft und Schönheit der Botschaft Jesu Christi. Deshalb hat der Berliner Musikprofessor Wolfgang Seifen eigens zum 80. Geburtstag des Papstes die große Missa Solemnis „Tu es Petrus“ komponiert, die heute in der St. Hedwigskathedrale vom Komponisten mit dem Philharmonischen Chor, der Studentischen Philharmonie und dem Symphonischen Orchester der Berliner Humboldt-Universität uraufgeführt wird. Sie kommen damit der Gestalt und dem Anliegen des Papstes zum 80. Geburtstag wohl am nächsten.

Als Erzbischof von Köln, der den Titel „Legatus natus Papae“ trägt, das heißt „geborener Legat des Papstes“, darf ich diese Komposition für den Heiligen Vater entgegennehmen, indem ich auf Einladung des Apostolischen Nuntius in Deutschland dieser Eucharistiefeier vorstehen darf. Wie ich hörte, werden Sie dann selbst im Oktober im Petersdom in Rom dieses sakrale Musikwerk aufführen. Es geht hier und heute letztlich um Lobpreis, Danksagung und Anbetung des österlichen Christus, die ihm von einem Berliner Komponisten mit einem Berliner Studentenchor und einem Berliner Orchester in der Berliner St. Hedwigskathedrale dargebracht werden: zum Segen und Heil für unsere Hauptstadt, für unser Vaterland, für Europa und für unsere Welt.
Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

[Vom Erzbistum Köln veröffentlichtes Original-Manuskript]