"Großmächte müssen Konfliktparteien an einen Tisch bringen"

Syrischer Bischof Elias Sleman im Interview mit "Kirche in Not"

München, (KIN) | 238 klicks

Elias Sleman ist der maronitisch-katholische Bischof von Latakia in Syrien. Diese Küstenregion ist das Ziel vieler Flüchtlinge aus den umkämpften syrischen Städten Damaskus, Aleppo und Homs. Im Interview mit dem weltweiten katholischen Hilfswerk Kirche in Not“ spricht der Geistliche über das konstruktive Miteinander von Muslimen und Christen im Nahen Osten.

Das Gespräch führte Joop Koopman.

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Herr Bischof, zwei Jahre wütet schon in Syrien ein Bürgerkrieg, der viele Christen aus dem Land fliehen lässt. Werden überhaupt noch Christen an dieser Heimstätte ihres Glaubens bleiben können?

Wir brauchen die Solidarität der westlichen Völker und Regierungen, um eine bleibende Präsenz der Christen in Syrien und im ganzen Nahen Osten zu garantieren. Wir dürfen nicht zulassen, dass es keine Christen mehr im Land gibt, denn die christliche Präsenz verhilft den Muslimen dazu, moderater zu sein. Das ist es, was Johannes Paul II. gemeint hat, als er über das Zusammenleben von Muslimen und Christen im Libanon sagte: "Es ist mehr als ein Land, es ist eine Botschaft." Jede Art von religiösem Fanatismus ist ein Verstoß gegen den grundlegenden Respekt gegenüber Gott und den Menschen. Die Christen im Westen ermöglichen das Zeugnis ihrer Glaubensbrüder in der muslimischen Welt durch ihr Gebet und ihre materielle Hilfe.

Wie würden Sie das Zusammenleben von syrischen Christen und Muslimen in der Vergangenheit beschreiben?

Wir Christen leben mit den Muslimen in Syrien seit 1400 Jahren zusammen. Daher kann und werde ich nicht isoliert von Christen und Muslimen in dieser Region sprechen. Warum sollen wir auf einmal nicht mehr miteinander auskommen können, nur weil Dschihadisten und fundamentalistische Muslime nach Syrien kommen und darauf bestehen, dass dieses Zusammenleben nicht länger möglich ist? Wir Christen wollen im Land bleiben, und die moderaten Muslime wollen das auch. Wir sollten Länder nicht nach religiösen Zugehörigkeiten aufteilen. Das birgt ein großes Risiko in sich. Denn ein Land mit nur einer einzigen Religion wird leicht extremistisch und verursacht Krieg.

Es gibt Berichte, wonach Muslime in Syrien, dem Libanon und Jordanien ihren christlichen Nachbarn zu Hilfe gekommen sind. Können Sie solche Berichte bestätigen?

Ja, und solches geschieht auch umgekehrt. Ich kenne zum Beispiel den Fall, dass mehrere sunnitische Flüchtlingsfamilien aus Aleppo in der Region Latakia Unterstützung von Ordensschwestern erfahren haben. Voller Erstaunen sagten die Sunniten: "Wir töten euch, und ihr gebt uns etwas zu essen. Wir werden euch das nicht vergessen." Das Christentum ist eine Religion der Offenheit.

Wie sieht Ihre Vision einer friedlichen Lösung des Bürgerkriegs in Syrien aus?

Die Großmächte der Welt müssen die verschiedenen Konfliktparteien in Syrien ernsthaft unter Druck setzen und an einen Tisch bringen. Viele Medien vermitteln ein falsches Bild von der Lage in Syrien. Der Arabische Frühling wird oft als eine klar ausgerichtete Bewegung für Freiheit und Demokratie dargestellt. Gerade jetzt wäre es notwendig, darüber zu berichten, dass die moderaten Rebellen und die Islamisten angefangen haben, sich gegenseitig zu bekriegen.

"Kirche in Not" unterstützt die Kirche in Syrien und hilft den Flüchtlingen im Libanon und in Jordanien. Das Hilfswerk bittet dafür um Spenden. Online unter: www.spendenhut.de(Verwendungszweck: Syrienhilfe).

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