Grundsteinsegnung in Madaba: Benedikt XVI. über die Mission der Universität

Der Glaube an Gott unterdrückt nicht die Suche nach der Wahrheit, er ermutigt sie

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AMMAN, 9. Mai 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute Vormittag bei der Segnung des Grundsteins der neuen Universität des Lateinischen Patriarchen von Madaba gehalten hat.

Madaba, eine Stadt mit rund 80.000 Einwohnern, liegt weniger als 40 Kilometer südlich von der jordanischen Hauptstadt Amman entfernt. Sie ist vor allem wegen einer Mosaik-Landkarte bekannt. Die Darstellung Palästinas im sechsten Jahrhundert kann in der Kirche vom heiligen Georg besichtigt werden.

Papst Benedikt XVI. erläuerte die Sendung der neuen Universität und bekräftigte in diesem Zusammenhang die generelle Bedeutung guter Ausbildungsstätten, die für die Gesellschaft einen unermesslichen Beitrag leisteten.

Die christlichen Studenten rief der Heilige Vater auf, „Bauleute einer gerechten und friedlichen Gesellschaft" zu sein. Die Tatsache, dass sich diese Gesellschaft aus Menschen mit verschiedenem religiösen und ethnischen Hintergrund zusammensetze, dürfe nicht zur Entzweiung führen, sondern vielmehr zu gegenseitiger Bereicherung. „Die Mission und die Berufung der Universität von Madaba liegt gerade darin, ihnen zu helfen, noch mehr an dieser hohen Aufgabe teilzuhaben."

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Verehrte Mitbrüder im Bischofsamt!
Liebe Freunde!

Ich freue mich sehr, diesen Grundstein der Universität von Madaba segnen zu können. Ich danke dem lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Seiner Seligkeit Fouad Twal, für seinen freundlichen Willkommensgruß. Zugleich möchte ich ein besonderes Wort der Anerkennung an den emeritierten Patriarchen, Seine Seligkeit Michel Sabbah, der gemeinsam mit Bischof Salim Sayegh die Initiative und Tatkraft aufgebracht hat, denen diese neue Einrichtung so viel verdankt. Ich grüße auch die Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Bischöfe, Priester, Ordensleute und Gläubigen sowie alle, die bei dieser bedeutsamen Zeremonie zugegen sind.

Das Königreich Jordanien hat der Aufgabe der Ausweitung und Verbesserung des Bildungswesens mit Recht Vorrang gegeben. Es ist mir bekannt, daß Ihre Majestät Königin Rania bei dieser edlen Mission besonders aktiv ist. Ihr Engagement wirkt sich auf viele inspirierend aus. Während ich den Bemühungen der Menschen guten Willens um die Erziehung Tribut zolle, stelle ich mit Genugtuung die kompetente und kulturell qualifizierte Teilnahme christlicher, besonders der katholischen und orthodoxen Institutionen bei dieser globalen Aufgabe fest. Dies ist der Hintergrund, der die katholische Kirche veranlaßt hat, mit der Unterstützung der jordanischen Behörden ihre Kräfte in die Förderung von Hochschulausbildung in diesem Land und anderswo zu stecken. Die Initiative geht auch auf die Wünsche vieler Familien ein, die zufrieden über die Ausbildung, die sie in den von Ordensgemeinschaften geführten Schulen empfangen haben, nun eine analoge Option im universitären Bereich fordern.

Ich bekunde den Förderern dieser neuen Institution meine Anerkennung für ihr mutiges Vertrauen in gute Ausbildung als ein Sprungbrett für persönliche Entwicklung wie auch für Frieden und Fortschritt in der Region. In diesem Zusammenhang wird die Universität von Madaba sicherlich drei bedeutende Ziele im Auge behalten. In der Entwicklung von Talenten und erstrebenswerten Einstellungen bei künftigen Generationen von Studenten wird sie diese vorbereiten, der größeren Gemeinschaft zu dienen und ihre Lebensstandards anzuheben. In der Weitergabe von Wissen und durch das Einfließenlassen einer Liebe zur Wahrheit bei den Studenten wird sie deren Bindung an Werte und deren personale Freiheit beträchtlich erhöhen. Schließlich wird diese geistige Ausbildung ihre kritischen Fähigkeiten schärfen, Unkenntnis und Vorurteil zerstreuen und den Bann durchbrechen helfen, der durch alte und neue Ideologien entstanden ist. Das Ergebnis dieses Prozesses ist eine Universität, die nicht nur eine Plattform für die Festigung der Bindung an Wahrheit und an die Werte einer gegebenen Kultur, sondern einen Ort des Verständnisses und des Dialogs darstellen. Indem sie ihr eigenes Erbe in sich aufnehmen, werden junge Jordanier und andere Studenten der Region zu einer tieferen Kenntnis der Errungenschaften der Menschheit geführt, bereichert durch andere Standpunkte und in Verständnis, Toleranz und Friede geformt.

Diese „breitere" Ausbildung besteht in dem, was man von den universitären Einrichtungen und von ihrem kulturellen Milieu erwartet, sei es säkular oder religiös. In der Tat unterdrückt der Glaube an Gott nicht die Suche nach der Wahrheit; im Gegenteil, er ermutigt sie. Der heilige Paulus ermahnte die ersten Christen, ihr Herz zu öffnen für alles, „was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist" (Phil 4, 8). Selbstverständlich kann die Religion, wie Wissenschaft und Technologie, wie Philosophie und alle Ausdrucksweisen unserer Suche nach der Wahrheit, verzerrt werden. Religion wird entstellt, wenn sie in den Dienst der Ignoranz oder des Vorurteils, der Geringschätzung, der Gewalt oder des Mißbrauchs gedrängt wird. Hier sehen wir nicht nur eine Entstellung der Religion, sondern auch eine Korrumpierung der menschlichen Freiheit, eine Verengung und Blindheit des Denkens. Natürlich ist ein solches Ergebnis nicht unvermeidbar. In der Tat, wenn wir Erziehung fördern, bekunden wir unser Vertrauen in die Gabe der Freiheit. Das menschliche Herz kann verhärtet werden durch sein begrenztes Umfeld, seine Interessen und seine Leidenschaften. Aber jeder Mensch ist ebenso zu Weisheit und Rechtschaffenheit aufgerufen, zur grundlegenden und überaus bedeutsamen Wahl des Guten vor dem Bösen, der Wahrheit vor der Unaufrichtigkeit, und jeder kann bei dieser Aufgabe unterstützt werden.

Die Berufung zur moralischen Redlichkeit wird durch die ernsthaft religiöse Person wahrgenommen, da man dem Gott der Wahrheit und der Liebe und der Schönheit nicht anders dienen kann. Ein reifer Glaube an Gott trägt stark dazu bei, die Aneignung und die rechte Anwendung des Wissens zu leiten. Wissenschaft und Technologie bieten außerordentliche Vorteile für die Gesellschaft und haben die Lebensqualität vieler Menschen entscheidend verbessert. Zweifellos ist dies eine der Hoffnungen jener, die diese Universität fördern, die das Motto Sapientia et Scientia führt. Zugleich hat die Wissenschaft ihre Grenzen. Sie kann nicht alle Fragen über den Menschen und seine Existenz beantworten. In der Tat, die menschliche Person, ihr Platz und ihr Sinn im Universum lassen sich nicht in den Grenzen der Wissenschaft erfassen. „Die zu erstrebende Vollendung der Vernunftnatur der menschlichen Person ist die Weisheit, die den Geist des Menschen sanft zur Suche und Liebe des Wahren und Guten hinzieht" (Gaudium et spes, 15). Der Gebrauch wissenschaftlicher Kenntnisse benötigt das Orientierungslicht der ethischen Weisheit. Diese Weisheit inspirierte den Eid des Hippokrates oder die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948, die Genfer Konvention und andere lobenswerte internationale Verhaltensregeln. Daher spielen religiöse und ethische Weisheit, indem sie Fragen nach Sinn und Wert beantworten, eine zentrale Rolle in der beruflichen Ausbildung. Und folglich leisten jene Universitäten, in denen das Streben nach Wahrheit mit der Suche nach dem, was gut und edel ist, Hand in Hand geht, einen unentbehrlichen Dienst für die Gesellschaft.

Mit diesen Gedanken im Herzen ermutige ich in besonderer Weise die christlichen Studenten Jordaniens und der Nachbarregionen, sich verantwortungsvoll ihrer eigenen professionellen und moralischen Ausbildung zu widmen. Ihr seid gerufen, Bauleute einer gerechten und friedlichen Gesellschaft zu sein, die sich aus Menschen mit verschiedenem religiösen und ethnischen Hintergrund zusammensetzt. Diese Gegebenheiten - ich möchte es nochmals betonen - dürfen nicht zur Entzweiung, sie müssen zu gegenseitiger Bereicherung führen. Die Mission und die Berufung der Universität von Madaba liegt gerade darin, ihnen zu helfen, noch mehr an dieser hohen Aufgabe teilzuhaben.

Liebe Freunde, ich möchte meine Gratulation an das Lateinische Patriarchat von Jerusalem erneuern und nochmals allen meine Ermutigung aussprechen, denen das Projekt am Herzen liegt, gemeinsam mit denen, die bereits im Erziehungsapostolat in diesem Land engagiert sind. Der Herr segne und erhalte Sie! Ich bete, daß Ihre Träume bald wahr werden, daß Sie Generationen von qualifizierten Christen, Muslimen und Gläubigen anderer Religionen erleben können, die im Besitz beruflicher Fertigkeiten, sachkundig in ihren Gebieten und gebildet in den Werten von Weisheit, Redlichkeit, Toleranz und Friedfertigkeit ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen. Ihnen und allen zukünftigen Studenten und Angestellten dieser Universität und ihren Familien erbitte ich den reichen Segen des Allmächtigen Gottes!

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