Grußworte von Papst Benedikt XVI. zum Internationalen Friedenstreffen in München

Religionen müssen Kräfte des Miteinanders werden

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CASTEL Gandolfo, 12. September 2011 (ZENIT.org). – Zum Internationalen Friedenstreffen der Gemeinschaft Sant'Egidio in München mit dem Thema „Zusammen leben - unsere Bestimmung" sandte Papst Benedikt XVI. von Castel Gandolfo aus am 1. September 2011 folgende Grußbotschaft in deutscher Sprache:

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Meinem verehrten Bruder
Reinhard Kardinal Marx
Erzbischof von München und Freising


In wenigen Wochen sind es genau fünfundzwanzig Jahre her, daß der selige Johannes Paul II. Vertreter der verschiedenen Religionen der Welt zu einem Internationalen Gebetstreffen für den Frieden nach Assisi geladen hat. Im Anschluss an dieses denkwürdige Ereignis führt die Gemeinschaft Sant'Egidio seither Jahr für Jahr ein Friedenstreffen durch, um den Geist des Friedens und der Versöhnung in uns zu vertiefen und um uns im Gebet von Gott zu Menschen des Friedens machen zu lassen. Es freut mich, dass die diesjährige Zusammenkunft in München stattfindet, meiner ehemaligen Bischofsstadt, kurz vor meinem Besuch in Deutschland und in Vorbereitung auf die Feier des 25-Jahr-Gedenkens an das Weltgebetstreffen von Assisi im kommenden Oktober. Gerne versichere ich den Organisatoren und Teilnehmern des Treffens in München meiner geistlichen Nähe und entbiete ihnen allen meine herzlichen Segenswünsche.

Das Leitwort des Friedenstreffens „Bound to live together" „Zusammen leben - unsere Bestimmung" erinnert daran, dass wir Menschen aufeinander verwiesen sind. Dieses Miteinander ist zunächst einfach eine Vorgabe, die aus dem Menschsein selber stammt. Es ist dann unsere Aufgabe, dem einen positiven Gehalt zu geben. Das Miteinander kann zum Gegeneinander, kann zur Hölle werden, wenn wir einander nicht annehmen lernen, wenn jeder nur er selber sein will. Es kann aber auch ein Geschenk sein, wenn wir uns füreinander öffnen, wenn wir uns einander geben. So kommt alles darauf an, die Vorgabe des Miteinanderseins als Aufgabe und als Geschenk zu verstehen; die wahre Weise des Miteinander zu finden, Dieses Miteinander, das früher regional beschränkt bleiben konnte, kann heute nur noch universal gelebt werden. Das Subjekt des Miteinanders ist heute die Menschheit als Ganze. Treffen wie dasjenige von Assisi und so auch das gegenwärtige von München sind Gelegenheiten für die Religionen, sich selbst zu erforschen und zu fragen, wie sie Kräfte des Miteinanders werden können.


Wenn wir uns als Christen versammeln, so erinnern wir uns daran, dass nach dem biblischen Glauben Gott der Schöpfer aller Menschen ist, ja, dass er uns als eine einzige Familie will, in, der wir einander Brüder und Schwestern sind. Wir erinnern uns dann daran, dass Christus den Frieden verkündete, den Fernen und den Nahen (vgl. Eph 2, 16f). Dies müssen wir immer neu lernen. Wesentlicher Sinn solcher Begegnungen ist es, dass wir den Femen und den Nahen im gleichen Geist des Friedens begegnen, den Christus uns vorgelebt hat. Wir müssen lernen, nicht nebeneinander, sondern miteinander zu leben, d.h. das Herz füreinander zu öffnen, den Mitmenschen an unseren Freuden, Hoffnungen und Sorgen Anteil nehmen zu lassen.


Das Herz ist der Ort, an dem Gott uns berührt. Deshalb hat die Religion, in der es um die Begegnung des Menschen mit dem Geheimnis Gottes geht, mit der Frage des Friedens wesentlich zu tun. Wenn Religion die Begegnung mit Gott verfehlt, ihn zu sich herabzieht, statt uns zu ihm hinaufzuheben, ihn sozusagen zu unserem Eigentum macht, dann kann sie auf solche Weise zur Zerstörung des Friedens beitragen. Wenn sie aber zum göttlichen Gott, zum Schöpfer und Erlöser aller Menschen hinfindet, dann ist sie Kraft des Friedens. Wir wissen, dass es auch im Christentum praktische Verfehlungen des Gottesbildes gegeben hat, die Zerstörung von Friede bewirkten. Umso mehr sind wir alle gerufen, uns vom göttlichen Gott her reinigen zu lassen und so Menschen des Friedens zu werden.

In unseren gemeinsamen Bemühungen um den Frieden dürfen wir niemals nachlassen. Den zahlreichen Initiativen in aller Welt wie dem von der Gemeinschaft Sant'Egidio jährlich ausgerichteten Friedenstreffen und ähnlichen Begegnungen kommt daher große Bedeutung zu. Das Feld, auf dem die Frucht des Friedens gedeihen soll, muss ständig bearbeitet werden. Oft können wir nicht mehr tun, als unablässig und in vielen kleinen Schritten den Boden für den Frieden in uns und um uns zu bereiten, auch hinsichtlich der großen Herausforderungen, die nicht den einzelnen, sondern die ganze Menschheitsfamilie betreffen wie Migration, Globalisierung, Wirtschaftskrisen und Bewahrung der Schöpfung. Schließlich wissen wir aber, dass Friede nicht einfach "gemacht" werden kann, sondern immer auch "gegeben" ist. "Der Friede ist ein Geschenk Gottes und zugleich ein Plan, der realisiert werden muss und nie ganz vollendet ist" (Botschaft zum Weltfriedenstag 2011). Gerade hier bedarf es des gemeinsamen Zeugnisses aller, die aufrichtig nach Gott suchen, um die Vision eines friedlichen Miteinanders aller Menschen mehr und mehr zu verwirklichen. Seit dem ersten Treffen in Assisi vor 25 Jahren gab und gibt es viele hoffnungsvolle Aufbrüche zu Versöhnung und Frieden, leider aber auch viele verlorene Chancen, ja Rückschläge. Schreckliche Akte von Gewalt und Terror haben vielfach die Hoffnung auf ein friedvolles Zusammenleben der Menschheitsfamilie im angebrochenen dritten Jahrtausend erstickt, alte Konflikte schwelen weiter oder brechen von neuem aus, neue Auseinandersetzungen und Probleme kommen hinzu.


Dies alles zeigt uns deutlich, dass Friede ein ständiger Auftrag an uns alle und ein Geschenk ist, um das wir alle bitten müssen. In diesem Sinne mögen das Friedenstreffen in München und die dort stattfindenden Begegnungen mithelfen, das gegenseitige Verstehen und Zusammenleben zu fordern und so dem Frieden in unserer Zeit immer neue Wege zu bereiten. Dazu erbitte ich allen Teilnehmern am diesjährigen Friedenstreffen in München den Segen des allmächtigen Gottes.

Aus Castel Gandolfo, am 1. September 2011