Gute Nacht, Aufklärung! Zu den Protesten gegen den Besuch des Papstes an der römischen Universität „La Sapienza“

Von Armin Schwibach

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ROM, 15. Januar 2008 (ZENIT.org).- Seit Tagen reißen die von Professoren der römischen Universität „La Sapienza“ geschürten Studentenproteste gegen den für Donnerstag geplanten und heute abgesagten Besuch Papst Benedikts XVI. nicht ab. In einem Land, dessen drittgrößte Stadt (Neapel) zusammen mit ihrer Region (Kampanien) im Müll zu ersticken droht und dessen Regierung in einer permanenten Krisensituation vor sich hinvegetiert, scheint es gelegen zu kommen, einen „Kulturkampf“ zu entfachen, der vom „aufgeklärten universitären Denken“ zusammen mit den extremsten Fraktionen der organisierten Studentenschaft gegen den Papst, den Vatikan und die Kirche angezettelt wird.



Seit Tagen füllen die Nachrichten über die Aufruhr gegen den Papstbesuch an der größten Universität Europas (rund 140.000 Studenten) anlässlich der Eröffnung des akademischen Jahres die Medien aller Couleur. Ursprünglich war der Besuch für November letzten Jahres vorgesehen gewesen. Aufgrund eines von rund 70 Dozenten unterzeichneten Protestbriefes an den Rektor des Athenäums, Renato Guarini, entschlossen sich die Verantwortlichen, den Besuch zu verschieben. Die Einladung an den Papst, das akademische Jahr mit einer „lectio magistralis“ zu eröffnen, wurde zurückgenommen. Benedikt XVI. sollte stattdessen ein Grußwort an die akademische Gemeinschaft richten, nach der offiziellen Eröffnungsveranstaltung, um sich anschließend in die Kapelle der Universitätspfarrei zu begeben. Auch dazu wird es jetzt nicht mehr kommen.

Der Grund für die Entrüstung der Professoren, die sich dann unter den Studentengruppen breit machte (bzw. breit gemacht wurde), ist der folgende: Papst Benedikt XVI. sei herausragender Vertreter des kirchlichen Obskurantismus sowie der religiösen und katholischen Wissenschaftsfeindlichkeit. Gleichzeitig warfen die Dozenten Benedikt XVI. vor, als Kardinal am 15. März 1990 in einem Vortrag in der Stadt Parma das Verhalten der Kirche im Verlauf des „Falles Galileo Galilei“ verteidigt zu haben. „Als Wissenschaftler, die der Vernunft treu sind, beleidigen und erniedrigen uns diese Worte“, meinten die Dozenten.

„Im Namen der Laizität der Wissenschaft und der Kultur“, so fährt der Brief vom 23. November 2007 fort, „sowie voller Respekt vor unserem Athenäum, das für Dozenten und Studenten jeden Bekenntnisses und jeder Ideologie offen ist, wünschen wir, das das unziemliche Ereignis (des Papstbesuches) noch annulliert werden kann“.

Kardinal Ratzinger sprach im Jahr 1990 in einem Vortrag zum Thema „Die Krise des Glaubens in der Wissenschaft“. Während seiner Analysen stellte der Präfekt der Glaubenskongregation fest, dass in den letzten Jahren ein Wandel im Verständnis der Wissenschaft festzustellen sei, was in einem veränderten Verhältnis zum Fall „Galileo Galilei“ besonders deutlich werde. Galileo sei bisher als „Opfer des mittelalterlichen Obskurantismus“ dargestellt worden. Es sei so zur Differenzierung zwischen dem finsteren Mittelalter und dem leuchtenden Stern der Moderne gekommen. Die Kritik der Wissenschaftstheorie habe jedoch zu einer erweiterten Sicht geführt. Kardinal Ratzinger zitierte in diesem Zusammenhang den österreichischen Philosophen und „anarchischen“ Erkenntnistheoretiker und Wissenschaftsphilosophen Paul K. Feyerabend, der schreibt: „Die Kirche zur Zeit Galileis hielt sich viel enger an die Vernunft als Galilei selber, und sie zog auch die ethischen und sozialen Folgen der Galileischen Lehren in Betracht. Ihr Urteil gegen Galilei war rational und gerecht, und seine Revision lässt sich nur politisch-opportunistisch rechtfertigen“ (Wider den Methodenzwang, Frankfurt 1976, S. 206).

Diese radikale und provokante Aussage des Wissenschaftstheoretikers diente Ratzinger jedoch nicht dazu, eine neue Form der Apologetik der kirchlichen Positionen von vor 400 Jahren zu postulieren. Der Kardinal merkte vielmehr an: „Es wäre absurd, auf der Grundlage dieser Aussagen eine hastige Apologetik konstruieren zu wollen. Der Glaube wächst nicht ausgehend von einen Ressentiment und einer Ablehnung der Rationalität, sondern ausgehend von ihrer grundlegenden Behauptung und von ihrem Eingeschriebensein in eine größere Vernünftigkeit.“

Im Verlauf der vergangenen Tage heizte sich die Polemik immer mehr an. Die Universität wurde mit Protestplakaten gegen den Papstbesuch voll geklebt. Heute, Dienstag, besetzten Studenten der linksradikalen Vereinigungen das Rektorat, um zu ereichen, dass sie am Donnerstag innerhalb der Universitätsgeländes demonstrieren dürfen. Sie sind der Meinung, dass Papst Benedikt XVI. ihre freie und laikale Lehr- und Studientätigkeit gefährde. Meldungen, der Papst habe seinen Besuch abgesagt, wurden in die Welt gesetzt. Der Direktor des „Osservatore Romano“, Giovanni Maria Vian, sah sich gezwungen, seine Verwunderung über Derartiges zum Ausdruck zu bringen. Der Pressesaal des Vatikans bestätigte zunächst den Besuch des Papstes. Am späten Nachmittag wurde er aber angesichts der beschriebenen Vorgänge doch abgesagt.

Vertreter aller politischer Richtungen und des kulturellen Lebens sehen sich genötigt, öffentlich zum Fall „La Sapienza“ Stellung zu nehmen. Viele brachten ihre Ablehnung gegenüber dieser die Meinungsfreiheit bedrohenden Aktion gegen den Papst zum Ausdruck.

Der Journalist Giuliano Ferrara organisiert morgen, Mittwoch, ab 22.00 Uhr eine „laikale Nachtwache“ in der Redaktion seiner Zeitung „Il Foglio“: ein „Abend des Gesprächs und der laikalen Meditation über den unliberalen Charakter der Beschneidung des Rechts auf Wortfreiheit des Herrn Professor Ratzinger/Benedikt XVI.“ Parlamentarier, Minister, Politiker und Journalisten ersten Ranges haben ihre Teilnahme zugesagt. Das Internet kocht in Foren und Blogs von Kommentaren, Stellungnahmen und Kritiken über. Der „Fall Benedikt XVI. - La Sapienza“ ist das Diskussionsthema Nummer 1.

Kein Zweifel: Hinter der politischen Instrumentalisierung des Falls, der von einigen Medien künstlich hochgespielt und willkürlich angeheizt wurde, lässt sich eines erkennen: Der Papst und die Kirche ecken an. Sie sind einem bestimmten aggressivern und atheistischen Laizismus ein Dorn im Auge. Dieser nimmt nunmehr jede Gelegenheit wahr, um sich dem durch Benedikt geäußerten Anspruch auf Vernunft mit den Mitteln irrationaler Agitation zu widersetzen.

Derartiger Widerstand macht Lärm – die letzten Tage bezeugen dies. Gleichzeitig macht er den nunmehr immer deutlicher werdenden Argumentationsverzug sichtbar. An die Stelle des Dialogs und der vernünftigen Auseinandersetzung treten Proteste und Unruhen.

Und nicht zuletzt: Kann es sein, dass ein Land, das nicht imstande ist, sein Müllproblem zu lösen, ebenso wenig imstande ist, einen Staatschef und Religionsführer in einer akademischen Aula zu empfangen und ihm wenigsten die Höflichkeit zu erweisen, ihm zuzuhören – um ihm gegebenenfalls danach zu kritisieren? Kein Zweifel: Sollten diese Ereignisse Ausdruck der „emanzipierten“ und „aufgeklärten“ laikalen Kultur sein, so ist diese nur zu bedauern. Gute Nacht, Aufklärung. Deine unverständigen Urgroßenkel tragen dich zu Grabe.