Habe ich ein krankes Gewissen?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 336 klicks

Mein Vater ist ein sehr eigenwilliger Mensch, grob, befiehlt immer brutal, fordernd, unter Drohung von Strafe. Die Mutter hat, im Gegenteil, ein scheues, trauriges, ängstliches Wesen.

Mein Pfarrer, wie viel ich mich erinnern kann, macht uns seit der Kindheit, jeden Sonntag in der Predigt, und auch im Religionsunterricht, Angst, dass wir alle verloren gehen und in die Hölle kommen werden, dass die Erscheinungen der Mutter Gottes der Beweis dafür sind, dass Gott die böse gewordene Welt bestrafen wird, vor allem die sündige zügellose Jugend... So bin ich auch selbst immer voll von Angst und Bedrängnis, das Leben ist für mich schwer geworden. Ich glaubte, dass öftere Beichten mir helfen würden, mich davon zu befreien, aber jede neue Beichte wird für mich zur Qual. Ich möchte gut sein, genau die vielen Gebote befolgen, aber, ich sehe, dass mir das nicht möglich ist. Ich bin zur Überzeugung gekommen, dass ich selber auch sicher zugrunde gehe, und dass es keinen Sinn mehr hat, mich weiter zu quälen und mit mir selbst zu kämpfen. Etwas bewegt mich dazu, alles abzuwerfen und schließlich mich von dieser unerträglichen Last zu befreien, die auf mich drückt wie ein Alptraum.

Was sagen Sie dazu? Habe ich ein krankes Gewissen? Was soll ich tun, weil dieser Zustand für mich unerträglich geworden ist?

Mirjana

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Hast du ein krankes Gewissen? Leider befindest du dich in einem schweren Zustand des kranken Gewissens. Das Umfeld, in dem du lebst, hat in dir eine falsche Vorstellung von Gott und dem Menschen geschaffen, ein heidnisches und nicht christliches Bild. Vater, Mutter und Pfarrer haben nicht dazu beigetragen, dass du begreifen kannst, dass Gott die Liebe ist. Leider, haben sie durch ihr einseitiges Vorgehen in dir die Möglichkeit für ein spirituelles Erlebnis der freudigen und anziehenden Liebe Gottes vernichtet. Du bist mit der Zeit immer tiefer in die „Angstneurose“ und in die „Zwangsneurose“ gerutscht. Übertriebene Gewissensforschung vor den zu häufigen Bußsakramenten hat deinen kranken Zustand nur verschlimmert. Du hast überall nur Vorschriften und Gesetze, Einschränkungen und Verbote gesehen. Du hast sie als eine Art „Tabu“ verstanden - was man nicht antasten darf, ohne sein ewiges Heil zu riskieren. Das Bußsakrament hast du als eine Art „Versicherung“ begriffen, eine gewisse ritual-magische Handlung, die dich vor dem Zorn Gottes schützen soll. Du warst immer wieder bereit zur schmerzhaften Erniedrigung, und jetzt siehst du, dass auch das umsonst ist. Ja, du befindest dich in einer schweren Phase des kranken Gewissens.

Gibt es die Möglichkeit, dass du gesund wirst? Ja, aber nur unter einer Bedingung: dass du wirklich auf mich hörst und tapfer anfängst das zu tun, was ich dir sage. Du musst dich ändern! Bist du dazu bereit? Versprichst du das fest?

Die Wurzel deines kranken Gewissens - der übertriebenen Angst und der krankhaften Zwänge - besteht darin, dass du es nicht geschafft hast, deinen eigenen Kontakt der Liebe mit Gott und den Menschen zu finden. Gott ist nicht Gott der Angst, sondern Gott der Liebe und Barmherzigkeit. Wir Christen stehen nicht vor Tausenden, oder vor Millionen von kleinen und großen gesetzlichen Vorschriften und Regeln, die wir ganz genau befolgen müssten, denn wir wären arm dran, sondern, wir stehen vor dem lebendigen Gott, der Person ist, der  in uns ist, in unserem Herzen, der uns unendlich liebt, der uns in Christus unglaublich nahe gekommen ist wie Bruder, wie Freund, und uns im Heiligen Geist  zärtlich umarmt, indem er sich selbst uns als Geschenk gibt. Wir sind zu diesem Dialog mit Gott und mit dem Nächsten berufen.

Wenn wir zu sehr uns selbst betrachten, unsere Schwächen und Verfehlungen, können wir sehr schnell krank werden und verzagen. Und wenn wir Gott und seine Güte betrachten, seine Liebe zu uns und das Geschenk seines eigenen Lebens an uns, bis zum Tod am Kreuz, werden wir in diesem Gott immer eine Erfrischung finden, unsere Heilung und Freude. Deshalb, das, was du tun musst, fasse ich in fünf Punkten zusammen:

1.  Dich von deiner Verschlossenheit in dich selbst befreien; von der Verschlossenheit, voll von Angst und Zwang, und, wie die Knospe der Blume, sich vor den morgendlichen Sonnen- strahlen öffnet, öffne auch du dich selbst vor Gott und dem Nächsten. Man soll sich an der Liebe Gottes sonnen und in dieser Stimmung der Gottes Sonne und Schönheit für immer bleiben. So ist unser Gott. So will er uns!

2. Möchtest du den Ruf Gottes für dein Leben hören und die richtige Verantwortung finden, darfst du dich nie freiwillig dem Graben nach den Fehlern aus der Vergangenheit überlassen. Es ist dir erlaubt, nur die Sünden zu beichten, von denen du ohne Angst und ohne lange zu überlegen, vor Gott schwören kannst, dass du sie in innerer Freiheit begangen hast, und dass du sie bis jetzt noch nie gebeichtet hast. Die Anzahl der Beichten soll man mit der Zeit auf das normale Maß herabsetzen. Bekennung der Sünden muss man ebenfalls auf einige wesentliche Dinge beschränken; alles andere muss man auslassen. Es ist jegliche Wiederholung der Beichte streng verboten. Um die Angst um das Heil in Grenzen zu halten, und, um dich vor zwanghaftem übertriebenem Aufzählen von Sünden zu befreien, empfehle ich dir ein vertrauliches Gespräch mit einem klugen Priester, außerhalb vom Sakrament der Buße, in den Dingen, in denen dein krankes Gewissen sich äußert. Wegen Zweifel, ob du in der Gnade Gottes bist oder nicht, ist es überhaupt nicht vernünftig, auf die heilige Kommunion zu verzichten; wenn du im zweifelnden Zustand heilige Kommunion empfängst, bist du immer auf dem richtigen Wege. Das gilt für dich, und muss nicht für jeden anderen Fall gelten.

 3.  Für dein krankes Gewissen trägt die Verantwortung auch dein Umfeld. Aber, da kannst du nichts ändern. Sondern, es soll dir immer offensichtlicher werden, dass deine Krankheit und das damit verbundene Leiden, eine ausgezeichnete Aufgabe hier und jetzt vor Gott und dem Volk Gottes haben. Du sollst deine Schmerzen und dein Leid freiwillig auf dich nehmen und  dich damit abfinden. Deine unbedingte Aufgabe ist es, dich selbst gerade so wie du bist anzunehmen, dass du gerade das annimmst, was in dir in diesem Augenblick krank ist, und dass du auf diese Weise freiwillig Genugtuung leistest für die Sünden der anderen. Das ist die Stimme Gottes, die dich ruft, immer wahrhaftiger zu leben; weil es das Leben nur einmal gibt, muss man es vor Gott realisieren so wie es ist; Gott nimmt es so an.

4.  Vollkommener Gehorsam dem gegenüber, was ich gesagt habe, ist die Voraussetzung für die Heilung. Dieser Gehorsam ist nicht nur äußerlich, blind und von mir auferlegt. Er ist auf den Gründen, die ich wenigstens einigermaßen berührt habe, begründet, wie auch auf allseitigem Vertrauen, das ich zu deiner Person haben möchte, auf vollem Verständnis für deine seelischen Qualen. Ich war offen, denn ich meine, dass es notwendig ist, dass du die Ursachen deiner Krankheit kennen lernst, wie auch den tiefen Sinn, den deine Krankheit aus kirchlicher Sicht und für dein eigenes Heil hat. Das ist jetzt dein Weg. Er ist keinesfalls finster. Im Gegenteil, er ist voll von Hoffnung. Du bist eine tüchtige und sehr edele Persönlichkeit. Ich möchte dich dazu bewegen, deine vielzähligen Gebete zu lassen, die du gewiss praktizierst, und, dass du dich lieber mit dem inneren persönlichen Gebet beschäftigst, das kann darin bestehen, dass du ein Stück aus der Bibel liest, dass du in Ruhe nachdenkst, überlegst, und auf keinen Fall vom neuen in dir bohrst. Das wird wie eine Erfrischung auf deine schmerzhafte Seele wirken.

5.  Du wirst dich allmählich vom Gefühl der Angst und des Zwanges befreien, wenn du dich zu deinen Skrupeln verhälst, als wären sie fremd und würden nicht zu dir gehören. Es ist notwendig, dass du gesunde Heiterkeit und freudigen Frieden pflegst. „Ein Christ kann über alles lachen, was nicht Sünde ist“ (Häring). Du sollst wissen, dass du sehr viel erreicht hast, wenn es dir gelingt, über deine Skrupel zu lachen und auf ihre Kosten Spaß zu machen, sonst besteht die Gefahr, dass du müde vom Kampf, alles „abwirfst“.  

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins:. Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 291-293)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.