Halbblinde Wissenschaft

Interview über das menschliche Genom und die Seele

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ROM, 2. März 2009 (ZENIT.org).- Allen Fortschritten in der Genmedizin zum Trotz lasse sich „die Seele" nicht in den Genomen finden; menschliche Wesen seien komplexer als die Biologie, meint Manuel Santos, Professor für Genetik an der päpstlichen katholischen Universität von Santiago in Chile.

Der Wissenschaftler bekräftigte diese Aussage auch in dem Vortrag „Der Fortschritt des Individuums und der Fortschritt der Spezies", den er anlässlich des Kongresses „Die neuen Grenzen der Genetik und die Gefahren der Eugenik" der Päpstlichen Akademie für das Leben vor kurzem im Vatikan gehalten hatte. ZENIT sprach mit ihm über die neuen Grenzen der Medizin seit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms.

Das zunehmende medizinische Verständnis der genetischen Bedingungen unseres Menschseins ist laut Santos durchaus von großem Nutzen für die Medizin. Die Genmedizin helfe uns „Pathologien und Krankheiten zu erkennen". So könne man heute bereits in einem frühen Lebensabschnitt feststellen, ob eine Person für bestimmte genetisch bedingte Erkrankungen wie Bluthochdruck, chronische Krankheiten oder Herzprobleme anfällig ist. Die Kenntnis des Erbguts eines Patienten ermögliche Vorbeugung und eine immer speziellere medizinische Behandlung: „Zum Beispiel sollte eine Person, die für Bluthochdruck empfänglich ist, eine spezielle Diät mit wenig Salz und keinem Cholesterin nehmen."

Doch Santos sieht auch Gefahren des wachsenden Wissens über unsere Gene: Besonders verbreitet sei der Reduktionismus: „Demnach befindet sich alles in den Genen." Die spirituelle und philosophische Dimension des Menschen seien aber nicht in den Genen enthalten. „Die Natur von uns Menschen ist um vieles komplexer als der biologische Teil, und nun auf einmal, nach all der Wirkungskraft, die die Genome hatten, gibt es Menschen, die sogar genetische Faktoren für den Geist oder die Seele finden wollen, obwohl diese völlig anderer Natur sind - die Wissenschaft ist per Definition reduktionistisch, sie sieht nicht die Gesamtheit des Menschen, sondern nur den biologischen Teil."

Der starke Eindruck, den die Wissenschaft heute auf Menschen ausübe, sei problematisch, weil man nun glaube, die Wissenschaft könne alles lösen und erklären. Tatsächlich sei die Wissenschaft aber nur eine bestimmte Betrachtungsweise der Wirklichkeit unter anderen. „Sie hilft uns, biologische Phänomene besser zu erkennen, aber der philosophische Teil gehört nicht in den Bereich der Biologie. In meinem Land wurde ich gefragt, wo das Gen der Seele und des Geistes sei. Es ist unmöglich, das festzustellen, weil das ein anderes Gebiet ist und die Genetik andere Dinge erklärt."

Auch medizinisch sei nicht alles über die Gene erklärbar, weil es noch andere Einflüsse auf den Menschen gibt. Wenn etwa ein Kind ohne Arme geboren wird, so ist das nicht notwendigerweise auf genetische Probleme zurückzuführen, sondern kann auch an Medikamenten liegen, die die Mutter während der Schwangerschaft eingenommen hat. „So etwas ist überhaupt kein genetisches Problem, sondern ein Problem des Umfelds."

Ein weiteres Problem ist die genetische Diskriminierung, die bereits Realität sei: „Man sieht das etwa an der hohen Anzahl an Kindern mit Down-Syndrom, die bereits im Mutterleib getötet werden." Daher sei es besonders wichtig, Toleranz gegenüber anderen Menschen von klein auf in der Erziehung beizubringen, gerade auch gegenüber Menschen mit genetischen Defekten.

Toleranz fordert Santos freilich auch gegenüber Andersdenkenden. Manchen fehle der Glaube, um auch die spirituelle Seite des Menschen zu sehen, anderen nicht. „Wir müssen uns gegenseitig respektieren, denn wir alle leben in dieser Welt."



Das Interview führte Carmen Elena Villa; Übersetzung von Stefan Beig