Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Abgründe der Schuld

Von Johannes Seibel

| 2484 klicks

WÜRZBURG, 8. Januar 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Der große alte Traum der Philosophie ist es, dem Denken beim Denken zuzuschauen, um so die im Denkprozess unverändert bleibenden Strukturen zu erkennen, die das Denken ermöglichen und es gleichsam wie ein Stahlskelett tragen. Dafür gibt es viele Namen: in der jüngeren Zeit etwa Phänomenologie oder Strukturalismus. Frühere Zeiten schufen solche Programmzauberworte wie reine Logik oder reine Vernunft und so weiter als Basis und Ziel jeder Philosophie. In letzteren Begriffen signalisiert dankenswerterweise allein schon das Beiwort „rein", dass die großen Schulen der Philosophie dem, was tatsächlich in der Welt unaufhörlich passiert und sich ständig ändert, dem also, was der Mensch tut und den Produkten dieses Tuns in Geschichte und Kultur, seinem Handeln, der Praxis, der Ethik, dem Kontingenten eine geringere philosophische Würde zuspricht als dem auf das jenseits alles Veränderlichen gerichteten Denkens - um nicht gleich vom Ewigen zu reden -, der Metaphysik und Ontologie, der Muße, dem Interesselosen.

Im zwanzigsten Jahrhundert hat sich der Streit um das, was der Philosophie im Grunde würdig ist, dramatisch zugespitzt und das Verhältnis dessen, was als erster Zugang zur Wirklichkeit anerkannt und verstanden wird, radikal umgedreht. Durch die Erfahrungen zweier totalitärer Herrschaften im Nationalsozialismus und Kommunismus, durch das Erleben des Holocaust, konnte die Philosophie nicht unverändert hindurchgehen. Das Wort der Gewalt, die das Innerste und Unveränderliche dieser Ereignisse zwischen 1914 und 1989 ausmacht, avancierte zu einem der entscheidenden Schlüsselworte, die die Philosophie im vergangenen Jahrhundert verändert haben. Eine Analyse des Phänomens der Gewalt bekam nun plötzlich einen ontologischen, einen metaphysischen Rang.

Wer ein Leben lang Gewalt erlitten und analysiert hat, ist Hannah Arendt gewesen. Die Philosophin und Politikwissenschaftlerin, die jüdischen Glaubens gewesen ist, musste vor dem Nationalsozialismus in Deutschland fliehen. Bekannt geworden ist sie als Beobachterin des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Jerusalem, dem Hauptorganisator des Holocausts an den europäischen Juden. Sie berichtete als Reporterin aus Jerusalem und schrieb über den Prozess später auch ein Buch. Geistesgeschichtlich dauerhaft wirksam geworden ist Hannah Arendt mit ihrer Arbeit „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft". Darin motivierte sie nach dem Zweiten Weltkrieg weltweit eine Generation von Politikwissenschaftlern, die unter dem neuen Stichwort „Totalitarismusforschung" versuchten, die Praxis des Nationalsozialismus und Kommunismus zu verstehen, ohne deren Taten zu relativieren - und gleichzeitig Gegenmittel gegen jede heutige Versuchung entwickeln wollten, politische Probleme mit Gewalt zu lösen.

Arendt arbeitete dafür in mehreren Anläufen beispielsweise in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" heraus, wie allein schon die „schieren Handlungen" einer totalen Herrschaft, und das selbst noch vor dem Überschreiten der Grenze zum Verbrechen hin, „einen Bruch mit allen unseren Traditionen darstellen". Gänzlich offensichtlich wird dies natürlich nach dem Überschreiten dieser Grenze. Den Massenmord an Menschen bloß um ihrer Zugehörigkeit zu einer Religion willen, nämlich der jüdischen, analysierte Arendt deshalb auch folgerichtig unter der Kategorie des Traditionsbruches, der nach herkömmlichen Kriterien krimineller oder juristischer Schuld nicht zu fassen ist. Am 17. August 1946 schreibt sie an den Philosophen Karl Jaspers: „Für diese Verbrechen gibt es keine angemessenen Strafen mehr. Göring zu hängen ist zwar notwendig, aber völlig inadäquat. Das heißt, diese Schuld, im Gegensatz zu aller kriminellen Schuld, übersteigt und zerbricht alle Rechtsordnung. Dies ist auch der Grund, warum die Nazis in Nürnberg so vergnügt sind, sie wissen das natürlich. Ebenso unmenschlich wie diese Schuld ist die Unschuld der Opfer. So unschuldig wie alle miteinander vor dem Gasofen waren, der widerwärtigste Wucherer nämlich so unschuldig wie das neugeborene Kind, weil kein Verbrechen eine solche Strafe verdienen kann, so unschuldig sind Menschen überhaupt nicht. Mit einer Schuld, die jenseits des Verbrechens steht, und einer Unschuld, die jenseits der Güte und der Tugend liegt, kann man menschlich-politisch überhaupt nichts anfangen. Dies ist der Abgrund, der sich vor uns schon 1933 öffnete, und in den wir nun hineingeraten sind."

Hannah Arendt sah bewusst in diesen Abgrund, das war ihre philosophische Methode. Mithilfe ihrer Einsicht, dass sich die neue Qualität der politischen Gewalt im zwanzigsten Jahrhundert der denkenden Bemächtigung entzieht, konnte sie einerseits die Grenzen einer Vernunft aufweisen, die sich als in welcher Weise auch immer „rein" verstehen will, um das Wirkliche auf den Begriff zu bringen; andererseits forcierte Arendt damit aber auch die Überzeugung, dass die Praxis in ihrer ungeheuerlichsten Form der Gewalt deshalb in den Mittel- und Anfangspunkt der zeitgenössischen Reflexion gerückt werden musste, um das Vernünftige als der Praxis ursprünglich zugehörig wieder zu entdecken. Die Trennung von reiner und praktischer Vernunft, von aktivem und kontemplativen Leben, von Ontologie und Praxis, von Natur und Geschichte oder Kultur, die Philosophen aller Couleur vor dem zwanzigsten Jahrhundert als den Königsweg ihrer Disziplin geträumt hatten, war eine der, jedoch nicht die alleinige, Bedingungen der Möglichkeit totalitärer Herrschaft in der jüngsten Menschheitsgeschichte. Wie Arendt hier dachte, illustriert eine andere Überlegung zur Gewalt im zwanzigsten Jahrhundert, die sie in einem Fragment im August 1950 formuliert hat: „Wir sahen, dass die Vorstellung, dass das Politische ein Reich der Mittel ist, dessen Zweck und Maßstab außerhalb seiner gesucht werden muss, außerordentlich alt und auch außerordentlich ehrwürdig ist. Dennoch handelt es sich bei dem, was in der jüngsten Entwicklung fragwürdig geworden ist, um eben diese Vorstellungen, die das, was ursprünglich Grenz- und Randphänomen des Politischen waren - die Gewalt, die unter Umständen nötig ist, es zu schützen, und die Lebensversorgung, die gesichert sein muss, bevor politische Freiheit möglich ist -, in das Zentrum allen politischen Handelns gerückt haben, indem sie die Gewalt als das Mittel ansetzten, dessen höchster Zweck die Erhaltung und Einrichtung des Lebens sein sollte. Die Krise liegt darin, dass der politische Bereich das bedroht, um dessentwillen er doch allein gerechtfertigt schien."

Indem Arendt also immer neu den Verlust markierte - im zuvor zitierten Brief an Jaspers sprach sie von „Rechtsordnung" sowie von „Güte und Tugend", hier von einer Gewalt, die als ultima ratio verstanden wird, wenn es um den Schutz der Freiheit geht, denn Arendt war keine Pazifistin, die Gewalt per se ablehnte -, wollte sie ihn retten. Das hieß für die Philosophin auch, das griechische Verständnis der Polis und politischen Praxis wieder neu für die politische Gestaltung der Welt nach dem Ende des Totalitären fruchtbar zu machen. Und das hieß, die Grundlagen einer parlamentarischen, repräsentativen, rechtsstaatlichen Demokratie neu zu legen, um den Traditionsbruch des zwanzigsten Jahrhunderts wenn nicht zu heilen, so doch zu lindern. Dieser Aufgabe widmete sie ihr Buch „Vita activa oder Vom tätigen Leben". Im letzten geht es Hannah Arendt auch um die Rehabilitierung der praktischen Philosophie im Sinne einer aristotelischen Ethik des guten Lebens und dem Zurückweisen ihrer Geringschätzung durch Philosophen, die ihr Heil allein in der (Erkenntnis)-Theorie suchen. Hannah Arendt schaute nicht dem Denken beim Denken zu, sondern der Gewalt in ihrer Gewalttätigkeit, und erfuhr so mehr über das Denken, als sie es jemals durch reines Denken hätte erfahren können.

[Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft - Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus. Piper-Verlag, München/Zürich 1991, 1024 Seiten, ISBN 9-7834-9221-0324, EUR 22,90; Teil 58 aus der Reihe „Sechzig Hauptwerke der Philosophie", © Die Tagespost vom 3. Januar 2009]