"Hat die Beichte noch einen Sinn?"

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 309 klicks

Neulich wurde ich von den Schulkollegen meiner Klasse ausgelacht, weil sie gehört haben, dass ich noch zur Beichte gehe. Die Mutter schickt mich oft zur Beichte. Obwohl ich zur Beichte gehe, ist es mir nicht klar, warum ich vor einem Priester beichten sollte. Wäre es nicht natürlicher, wenn ich gegen den Nächsten gesündigt habe, mit ihm selbst ins Reine zu kommen, und wenn ich gegen Gott gesündigt habe, dass ich das in meinem Gewissen vor Gott in Ordnung bringe? Übrigens, mir kommt es ziemlich billig, mechanisch und magisch vor, im Beichtstuhl die Sünden aufzuzählen, die Lossprechung mit der Buße von einigen Vaterunser  zu bekommen, während sich in mir eigentlich nichts ändert. Ich fühle nicht, dass ich besser geworden bin. Es passiert, dass ich bereits morgen oder noch eher in die gleichen Sünden, auf die gleiche Weise, falle. Entschuldigen Sie, aber ich denke, wenn die Beichte ein Sakrament ist, dann müsste sie viel tiefer, ernsthafter, lebendiger, wirksamer wirken, und nicht so banal und bequem, wie wenn mich Mutter in den Supermarkt schickt, schnell einzukaufen, weil Gäste gekommen sind.

Vielleicht ermüde ich Sie damit, aber ich denke so.

Ivo, Mittelschule

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Du bist nicht der einzige, der diese Meinung vertritt. Wir hören oft die gleichen Vorwürfe. Du hast vieles angebrochen. Der Platzmangel erlaubt mir keine ausführlichen Antworten. Gehen wir der Reihe nach!

Die Schulkollegen lachen dich aus, weil du „noch immer“ zur Beichte gehst. Wenn sie Atheisten sind, wundert es mich nicht! Wenn sie selbst auch gläubig sind, dann ist das ein Zeichen einer gewissen Krise, die heute in der Kirche zu spüren ist. Deshalb spürte das Konzil das Bedürfnis einer Reform: „Ritus und Formeln des Bußsakramentes sollen so revidiert werden, dass sie Natur und Wirkung des Sakramentes deutlicher ausdrücken“ (SC 72). Die Art der Privatbeichte, mit der neuen Bußordnung bestätigt, machte in der Praxis im Verlauf der langen Jahrhunderte vielen, besonders jungen Menschen, Schwierigkeiten. Das betonte auch die Schweizer Bischofskonferenz 1971. Junge Menschen im Abendland gehen zur Kommunion, ohne gebeichtet zu haben. Sündigen sie nicht? Gott gebe es! Oder haben sie die Beichte als etwas Schweres und Altmodisches verlassen? Warum? Oder ist ihnen der Begriff der Sünde nicht mehr klar? Sie begreifen nicht, dass sie die Kommunion mit der Beichte verbinden müssen, dass sie die Beichte als sogenannten Passierschein oder „Pass“ – wie sich manche ausdrücken - für die Kommunion benötigen. Sie sehen nicht ausreichend ein, wegen verschiedener Schwierigkeiten, dass die Beichte aus einem menschlichen Dialog besteht, von Herz zu Herz, der zum Mittel des Heils wird.

Aber, Ivo, befindest du dich nicht auch in den gleichen Schwierigkeiten? Du sagst: „mir ist es wirklich nicht klar, warum ich vor einem Priester beichten sollte?“Beichtest du vielleicht einem Menschen? Bekennst du deine Schuld nicht vor Gott? Jedes Mal, wenn du aus der Sünde aufstehst, neigt sich Gott als Vater in Jesus Christus zu dir. Jesus, der Sohn Gottes, sagt zu dem Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“ (Mk 2, 5). Ähnlich sagt er zu der Sünderin: „Deine Sünden sind dir vergeben“ (Lk 7, 48). Die gleiche Vollmacht har er seinen Aposteln und ihren Nachfolgern bis zum heutigen Tag gegeben: „Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein“ (Mt 18, 18). „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch…Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20, 21-23). Es ist also die Institution Gottes, dass ich vor dem Priester beichten muss, oder, genauer gesagt, dass ich vor der Kirche beichten muss.

Warum wollte Christus, dass wir durch die Kirche die Lossprechung erhalten sollen? Weil jede Sünde – geheime oder öffentliche – die Gemeinschaft verletzt; sie leidet darunter. Ein klassisches Beispiel ist das Vorgehen des hl. Paulus gegen die Blutschande in Korinth, wo ein Christ mit seiner Stiefmutter zusammenlebte: „Im Namen Jesu, unseres Herrn, wollen wir uns versammeln…und diesen Menschen dem Satan übergeben zum verderben seines Fleisches, damit sein Geist am Tag des Herrn gerettet wird“ (1 Kor 5, 1-5). Jede Sünde, wie auch jedes gute Werk, haben einen gesellschaftlichen Aspekt. Der Christ ist nicht primär einsamer Einzelner, der seine Freunde unter anderen Gläubigen hat, während er seine Beziehungen privat vor Gott regelt durch die Vermittlung des Bußsakramentes. Nein! Der Gläubige ist in erster Reihe ein Mitglied der Kirche, ein Teil der Gemeinschaft, der größeren oder kleineren Ortsgemeinschaft, in der er unmittelbar wirkt und lebt. Die Kirche hat ihm die Taufe geschenkt. Sie schenkt ihm das Wort Gottes und seine Auslegung. Sie spendet ihm Sakramente. Er ist mit dieser Gemeinschaft der Kirche wesentlich verbunden. Deshalb wirkt sich jede negative Handlung eines Gliedes der Gemeinschaft auf die gesamte Gemeinschaft aus. Es ist also notwendig, dass ich durch die Kirche die Vergebung von Gott erhalte; ich muss mich zuerst mit der Gemeinschaft aussöhnen, und die Vergebung von Gott zu bekommen.

Du sagst, dass es „natürlicher“ wäre, es mit dem Nächsten zu regeln, wenn man den Nächsten verletzt hat, und es in seinem Gewissen vor Gott in Ordnung zu bringen, wenn man Gott verletzt hat. Ich muss dir, Ivo, sagen, dass du kein rechtes Verständnis von Sünde hast. Wenn du den Nächsten verletzt hast, hast du auch Gott verletzt. Wenn du eine Faser der Welt verletzt, verletzt du auch Gott, der die Welt in all ihren Fasern gegeben hat, und er hat sich mit ihnen so sehr vereint, dass er sie aufrecht erhält und durch sie wirkt. Es gibt Strukturen in der Welt, über die der Mensch der Herr ist: wenn er nach den physischen, biologischen, chemischen und anderen natürlichen Gesetzlichkeiten größeren Fortschritt schafft auf den Gebieten der Wissenschaft, Kultur, Zivilisation. Aber es existieren auch Strukturen sittlicher Ordnung, Tiefenstrukturen der Welt (Achtung vor dem Leben eines anderen, der Sinn der menschlichen Sexualität…), mit denen der Mensch nicht manipulieren darf, er darf sie nicht brechen und zu seinen egoistischen Zwecken nützen, denn der Mensch ist nicht der Herr dieser Tiefenstrukturen der Welt. Er muss sie achten. Wenn er sie missachtet, sündigt er gegen Gott, gegen den Nächsten und gegen die Gemeinschaft, in der er lebt. Außerdem verletzt der Mensch durch die Sünde Gott, er bricht die religiöse Beziehung des Sohnes mit dem Vater ab, die Beziehung des Freundes mit dem treuesten Freund, der Braut mit dem Bräutigam. Da Werden persönliche tiefste und intimste Beziehungen gerissen. Da heutzutage der Begriff der Sünde verblasst ist, besteht die Gefahr, dass auch die fundamentalen Grundsätze des christlichen Lebens falsch verstanden werden. Und wenn eine kirchliche Dimension der Sünde nicht existieren würde, könntest du deine Rechnung allein mit Gott begleichen. Aber es ist nicht so.

„Billig, mechanisch und magisch“ empfängst du die Lossprechung, während du dich in dir nicht änderst. Die Vergebung der Sünden verlangt unbedingt eine Veränderung, ein neues Leben, einen neuen Menschen, ein bekehrtes Leben. Und die Bekehrung bedeutet Abkehr von jedem Übel, das Verlassen der Finsternis und der Lüge, das Aufhören der Ungerechtigkeit Gott gegenüber. Das bedeutet Veränderung des Denkens, Veränderung der Mentalität, des Herzens, die Rückkehr aus der Vertreibung in die Sünde in die Heimat der Gnade Gottes, erneute Herstellung der Freundschaft mit Gott im Bund der Liebe, wie ein Kind mit dem Vater. Der bekehrte Mensch wird vielleicht noch lange unter den Wunden seiner moralischen Verirrungen leiden, deshalb muss man die Bekehrung weiter vertiefen, weiter fortsetzen, festigen durch neue Bekehrungen. Auf diese Weise wird es nicht passieren, dass du überhaupt nicht besser wirst. Hast du schon einmal versucht, eine völlige Bekehrung zu erleben, eine fundamentale Entscheidung für das Gute in einer radikalen Abwendung vom Bösen und von dem, was zum Bösen führt? Und die Bekehrung muss ernsthaft vor der Beichte stattfinden, vergiss das nicht!

Man muss trotzdem sagen, dass auch nach der Bekehrung jeder sein eigener psychologischer Typ bleibt, mit seinen guten und schlechten Eigenschaften. Es werden weiterhin dieselben Versuchungen kommen, und du wirst weiterhin dagegen kämpfen, sogar auf die gleiche Weise. Aber, das darf uns nicht entmutigen, denn das ist ein normaler Zustand jedes „bekehrten Menschen“. Durch den Kampf und die Anstrengung vertiefst du deine Bekehrung. Du sollst das in Geduld, in Spannungen, in Entsagung und Verzicht in allen Richtungen, und besonders dort, wo es am schwierigsten ist, vollziehen, immer in der freudigen Erwartung des Reiches der Herrlichkeit. Wenn du schnell wieder in die gleichen Sünden fällst, ist es ein Zeichen dafür, dass deine Bekehrung vor der Beichte nicht vollkommen war, sondern du bist mit einem Teil deines Herzens unordentlich an die Geschöpfe gebunden geblieben. Ferner ist das ein Zeichen deiner besonderen inneren Schwäche, die dich immer wieder zum Fall bringt, und mit der du immer im Leben bewusst rechnen musst. Und die „gleiche Weise“  wird mehr oder weniger weiterhin bleiben, weil du auch als „bekehrter Mensch“ weiterhin deine Eigenschaften und deine Natur in dir trägst.

Du sagst: „Wenn die Beichte ein Sakrament ist, muss sie viel tiefer wirken…“ Hast du die Voraussetzungen dafür geschaffen? Das Bußsakrament ist nicht ein magisches Mittel, wie auch andere Sakramente nicht. Es wird so weit in dir wirken, wie du dich bemüht und vorbereitet hast, es mit großer Reumütigkeit zu empfangen: wie in der Vorbereitung, so in dem Bekenntnis und so auch im Vollzug der sakramentalen Buße. Wenn du nicht erlebst (nicht gefühlsmäßig, sondern im Glauben!), dass jede deine Beichte wie eine neue Taufe, neuer Anfang einer neuen Großzügigkeit ist, dann war mit deiner Bekehrung etwas nicht in Ordnung.

Zum Schluss, du sagst, dass die Mutter dich zur Beichte „schickt“. Es ist klar, dass ein siebzehnjähriger oder zwanzigjähriger eine andere „Glaubensfreiheit“ hat als einer mit sieben oder vierzehn Jahren. Der junge Mensch „befreit“ sich progressiverweise. Trotzdem muss die Art, wie deine Mutter handelt, kein Grund zum Zorn sein, zum schweren Widerstand oder zum Erniedrigungsgefühl führen. Im Gegenteil, das kann einen Ruf bedeuten, dass du persönlich und mit Überzeugung die Praxis der häufigen Beichte annimmst, dass sie einen unendlichen Wert hat. Sie muss zu deiner intimen Angelegenheit werden, und nicht etwas sein, was dir von außen auferlegt wird, sei es durch Kirchengebot, sei es durch die Überredung der Mutter. Ein reifer Christ verwandelt die äußeren Anregungen zu seinen eigenen Überzeugungen, die er bewusst, frei, freudig und mit voller Verantwortung annimmt. Und eine reumütige Beichte ist das beste Mittel für das psychische Gleichgewicht des Menschen, wie das von der Tiefenpsychologie selbst bewiesen wird, die sonst in vielen Fällen ohnmächtig ist. Jede Beichte ist in Wirklichkeit eine neue Taufe, eine neue Freude, neuer Ostermorgen!

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Drei: Sünde – Bekehrung,  Split, 2004, Seiten 390-393)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.