Hat Irene vielleicht doch Recht?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 263 klicks

Im Boten Herz Jesu und Marie, Nr. 5 – 1975, unter der Überschrift „Dass mein Zdravko Priester wird – Gott bewahre mich!“ habe Sie mit Ihrer Antwort uns Mütter verletzt. Meinen Sie, dass es leicht sei, den Söhnen zu erlauben, Priester zu werden! Besonders ist Ihr letzter Satz kennzeichnend, den Sie herausfordernd an die Mutter Irene richten: „Wo liegt der letzte Grund, dass auch Sie nicht glücklich sein können, dass Gott ihren Zdravko ruft?“

Als würden Sie Zweifel unserem gesunden ethisch-religiösen Familienleben gegenüber zum Ausdruck bringen, als würden wir uns von Vorurteilen der Priesterberufung gegenüber leiten lassen. Sie sollten wissen, es ist nicht einfach, zu beten, dass ein eigenes Kind Priester oder Ordensmann wird. Hat die Irene doch nicht Recht? Und haben Sie nicht die Rolle der Familie in Hinsicht auf die Berufung der Kinder überbetont? Entschuldigen Sie, dass ich so frei bin! Ihre Antwort hat mich nicht befriedigt.

Vlasta, Mutter

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Ich wundere mich nicht, meine Dame, dass meine Antwort Sie nicht befriedigt hat. Die Haltung der christlichen Eltern hat sich geändert. Es ist nicht nur einmal passiert, dass wir beim Eintritt ins Noviziat oder Priesterseminar ähnliche Klagen gehört haben: „Doch nicht er, er ist doch so hübsch!“ „Wie kann sich ein gesunder junger Mann für so ein Leben entscheiden?“ Oder: „Sie hat das Studium abgeschlossen und ist ins Kloster gegangen? Eigenartig!“ Ähnliche Aussagen hören wir nicht von den Atheisten (von ihnen erwarten wir nichts anderes!) oder von Moslem, sondern von uns Katholiken, von denen, die behaupten zu glauben, zu beten, die in die Messe und zur Kommunion gehen.

Nicht selten war ich in großer Verlegenheit, wenn ich in ähnlichen Situationen mir Fragen anhören musste: „Warum so viel Trubel um einen Eintritt ins Kloster?“ – „Wozu Tränen beim Eintritt des Kollegen ins Noviziat?“ „Niemand wundert sich, wenn sich jemand verliebt, niemand vergiesst die Tränen, wenn geheiratet wird, obwohl auch offensichtlich mit einem ungewissen Ausgang?“ Sind nicht gerade Söhne und Töchter in einer geistlichen Berufung näher ihren Nächsten, reiner in der Liebe als verheiratete Kinder?“ – „Wozu solche unbegreiffliche Haltungen?“

Ich war in Verlegenheit, was ich den jungen Menschen antworten soll, wenn sie mir solche Fragen gestellt haben. Es ist verwunderlich: auch Tanten, Paten, Großeltern, Väter, nicht selten Mütter, Freunde – alle stehen gegen den jungen Mann oder die junge Frau auf, die auf die Ehe verzichtet „um des Reiches Gottes willen“.Wozu das Jammern, die Tränen und das Lamentieren von Menschen, die behaupten, Glauben zu haben? Ich wiederhole die Frage, die ich an die Mutter Irene gerichtet habe: „Wo ist der letzte Grund, dass auch Sie sich nicht freuen können, wenn Gott ihren Zdravko ruft?“ Der letzte Grund eines solchen christlichen (unchristlichen?) Verhaltens? Niergends in der Offenbarung oder in der Überlieferung finde ich Rechtferigung für ähnliche Haltungen. Das bedeutet, dass die Gründe anderswo liegen, und wo? In der allgemeinen Verweltlichung, die auch unsere besten Familien erfasst hat? Haben Sie mir, meine Dame, nicht selber einige Gründe suggeriert?

Sie werfen mir vor: „Als würden Sie damit (mit dem letzten Satz, an die Mutter Irene gerichtet) Zweifel an unserem gesunden ethisch-religiösen Leben zum Ausdruck bringen…“ Wie es denn auch mit meinem „Zweifel“ sei, wenn wir es richtig sagen wollen, ist die Priester- und Ordensberufung ein Geschenk Gottes, es ist ein Keim, der einen geeigneten Boden zum Wachsen benötigt. Die Berufung gelingt auf dem Boden der christlichen Familie. Dabei denke ich zuallererst an physisch gesunde und psychologisch ausgeglichene Familie. Die Wissenschaft betont die fundamentale Bedeutung der Gesundheit der Eltern. Beim Eintritt ins Noviziat, Priesterseminar oder ins Kloster wird heute besonders auf eventuelle Erbkrankheiten aufgepasst, wie auch auf psychologische oder soziale Unregelmäßigkeiten. Sie sind ein wichtiger Anzeiger des zukünftigen Lebens des betreffenden Kandidaten.

Außerdem, es ist ganz unterschiedlich, ob ein Kind in einem religiösen oder religionslosen Ambiente ins Leben geführt wird, von sittlich gesunden oder sittlich ungesunden Eltern. Das Erziehungsvorgehen ist ebenfalls unterschiedlich: ob von Anfang an Gott anwesend oder abwesend ist. Die religiöse Soziologie und viele Sozialanketen zeigen, dass „geistliche Berufe“ in auschließlich christlichen Familien florieren und nur in Ausnahmen in christlich indifferenten oder in unchristlichen Familien. Es wird ebenfalls bewertet die Anzahl der Kinder, die Zusammensetzung der Familie, gesellschaftliche Stellung, geographische Lage, Nationalität – was alles eine Rolle bei der Auswahl des Berufes zählt. Pius XI. sagte: „Die Berufungen schulden in den meisten Fällen ihren Beginn den Beispielen und Unterweisungen des Vaters, der voll vom Glauben und männlichen Tugenden ist und der reinen und frommen Mutter einer Familie, in der die Reinheit des Benehmens und die Liebe Gott und dem Nächstn gegenüber herrschen.“

Erwähnte „Vorurteile“. Leider gibt es Eltern mit Vorurteilen der Berufung ihrer Kinder gegenüber! Man meint, dass die Berufung sich auf eine „wundersme“ Weisse oder in einer besonderen „Offenbarung“ kundtut, die dem jungen Menschen eigens gegeben werden soll, die er dann ohne Diskussion anzunehmen hat, und sie als Eltern dabei nichts zu tun haben. Auf diese Weise haben sie ihre Hände reingewaschen. Diese Haltung ist falsch! Wenn einerseits wahr ist, dass jeder seine Lebensberufung in sich und mit sich seit seiner Geburt trägt, dass sie einfach mit seinem ganzen Wesen zusammengewachsen ist, ist es andererseits sicher, dass Gott im allgemeinen das Lebensprogramm, nicht in allen Richtungen und Einzelheiten festgelegt, mitgibt. Sowohl seine Berufung als auch das konkrete Programm, muss jeder entdecken, seinen Weg der Verwirklichung suchen, der sein eigener ist und nicht von einem anderen. Das wird nicht selten unter Mühe und Anstrengung erreicht, schwankend zwischen Licht und Dunkel, Klarheit und Unklarheit, Begeisterung und Trockenheit. Niemand hat das Recht, und auch nicht die Eltern, die Kinder daran zu hindern, zu suchen und sich frei zu entscheiden. Im Gegenteil, es ist die Aufgabe der Eltern, den Kindern auf verschiedene Wahlmöglichkeiten aufzuzeigen, ohne irgendeinen moralischen Druck, sei es nach links oder nach rechts.

Obwohl es mir sehr bekannt ist, wieviel die Eltern und besonders die Mutter an die Kinder gebunden sind, ist es die Aufgabe der Eltern, zu beraten (und das müssen sie tun!), aber, es steht nicht in ihrer Macht, dem Kinde seine Wahl zu „erlauben“ oder „nichtzuerlauben“, sondern sie müssen akzeptieren. Man hört oft im Volksmund: „Ich habe ihm erlaubt, ins Priesterseminar zu gehen!“ Oder, es wird gesagt: „Ich habe ihm die Freiheit gegeben, dass er entscheiden kann.“ Das ist eine falsche Redensart! Die Eltern verfügen weder über die Berufung ihres Kindes noch über seine Freiheit. Ihr Kind ist selbständiges Wesen, eine vollständige freie Person, die vor Gott allein über seine Lebensberufung zu entscheiden hat.

Das Konzil fordert: „Die Kinder sollen so erzogen werden, dass sie erwachsen in vollem Verständnis für ihre Verantwortung ihrer Berufung, auch einer geistlichen, folgen und einen Lebensstand  wählen können…“ (GS 52).  „Die christlichen Eheleute sind füreinander, für ihre Kinder und die übrigen Familienangehörigen Mitarbeiter der Gnade und Zeugen des Glaubens. Ihren Kindern sind sie die ersten Künder und Erzieher des Glaubens. Durch Wort und Beispiel bilden sie diese zu einem christlichen und apostolischen Leben heran, helfen ihen klug in der

Wahl ihres Berufes und pflegen mit aller Sorgfalt eine vielleicht in ihnen  sich zeigende Berufung zum Priester- oder Ordensstand“ (AA 11). „Die Eltern sollen eine Berufung ihrer Kinder zum Ordensleben durch eine christliche Erziehung pflegen und schützen“ (PC 24).

Was das Gebet der Eltern für ihre Kinder betrifft, soll die Bibel zu uns sprechen! Es gibt Beispiele der Eltern, wo sie für das Leben ihres Kindes beten. Es gibt solche, die Berufung ihres Kindes als besonderes Geschenk Gottes betrachtet haben: Abraham, die Eltern von Samson, Zaharia und Anna… Ergreiffend ist das Gebet der Samuels Mutter: „Hanna war verzweifelt, betete zum Herrn und weinte sehr… ‚Herr der Heere, wenn du das Elend deiner Magd wirklich ansiehst, wenn du an mich denkst und deine Magd nicht vergisst und deiner Magd einen männlichen Nachkommen schenkst, dann will ich ihn für sein ganzes Leben dem Herrn überlassen’“ (1 Sam 1, 10-11).

Die Kirchengeschichte verzeichnet viele Berufungen, die heldenhaft erbetet worden sind, besonders von den Eltern. Aber der Vermittler der Berufung eines Kindes ist die ganze Familie, gewiss, mit dem Vater und der Mutter im Mittelpunkt. „Die Eltern, Lehrer und alle, die in irgendeiner Weise an der Unterweisung der Jugend und der jungen Männer beteiligt sind, sollen diese so erziehen, dass sie die Sorge des Herrn für seine Herde erkennen, die Erfordernisse der Kirche erwägen und bereit sind, wenn der Herr ruft, mit dem Propheten hochherzig zu antworten: ‚Hier bin ich, sende mich’ (Is 6, 8)“ (PO 11).

In diesem Licht, meine Dame, beurteilen Sie, ob ich durch meine Antwort der Mutter Irene die Rolle der Familie bei der Auswahl der Lebensberufung der Kinder überbetont habe. Habe ich auch schon vorher nicht zu wenig gesagt? Es scheint, nicht wahr, dass die Irene doch nicht Recht hat!

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube,  Split, 2004, Seiten 268-270)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.