Heilige Ehepaare in Vergangenheit und Gegenwart (1)

Zur Seligsprechung der französischen Eheleute Louis und Marie Zélie Martin

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Von Helmut Moll

ROM, 17. März 2010 (ZENIT.org).- „Im Zusammenhang mit der Seligsprechung des französischen Ehepaars Louis und Marie Zélie Martin erhob sich zum wiederholten Male die Frage, warum es so wenige Ehepaare gibt, die kanonisiert wurden", erklärt Prälat Prof. Dr. Helmut Moll in seiner neuen Serie in ZENIT, die jeweils am Mittwoch erscheinen wird. „Als ob es keine Eheleute gäbe, die ein Vorbild waren und sogar zur Ehre der Altäre erhoben werden könnten!"

Moll, der für seinen Einsatz zur Herausgabe des Deutschen Martyrologiums, das Teil einer umfassenden Martyrergeschichte des 20. Jahrhunderts ist, mehrfach geehrt worden ist gehört zum Ratzinger-Schülerkreis. Er hat Blutzeugen aus den Gebieten der Deutschen Bischofskonferenz unter Berücksichtigung der Deutschen im Ausland in seinem zweibändigen Hauptwerk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts" mit rund 700 biographischen Artikeln vorgestellt.

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Papst Benedikt XVI. öffnete am 3. Juli 2008 zum ersten Mal in seinem Pontifikat einem Ehepaar den Weg zur Seligsprechung. Im Verlauf der dem Präfekten der Kongregation für die Heiligsprechungsverfahren, José Kardinal Saraiva Martins, gewährten Audienz bevollmächtige der Oberhirte der katholischen Kirche das genannte Dikasterium, ein Dekret über das Wunder zu veröffentlichen, das der Fürsprache des französischen Ehepaars Louis (1823-1894) und Marie Zélie Martin (1831-1877) zugeschrieben worden ist.[1] Italienischen Medien zufolge handelt es sich um eine Heilung des neugeborenen Pietro Schiliró aus dem oberitalienischen Monza im Erzbistum Mailand, der im Jahre 2003 trotz Todesgefahr überlebte.[2]

Der in Bordeaux zur Welt gekommene Uhrmacher und Goldschmied Louis Martin hatte im Alter von 35 Jahren die 26-Jährige in Saint-Denis-sur-Sarthon geborene Marie Zélie Guérin in Alençon (Nordfrankreich) geheiratet, die ihm neun Kinder schenkte. „Eintracht und Harmonie in dieser Ehe und Familie waren bemerkenswert, sei es zwischen den Ehegatten, sei es zwischen den Eltern und Kindern"[3]. Die tägliche Teilnahme an der Eucharistie war den Eltern ein Herzensbedürfnis.

Louis Martin hegte beim Schließen der Ehe die Hoffnung, mit seiner Gattin eine rein geschwisterliche Bindung einzugehen und wie Bruder und Schwester zusammenzuleben. In Marie Zélie aber, die den Lebensunterhalt durch die Verfertigung der berühmten Alençon-Spitzen aufbesserte, lebte ein starker mütterlicher Drang, zahlreichen Kindern das Leben zu schenken und diese nach christlichem Vorbild zu erziehen. Überdies wurde sie Mitglied des Dritten Ordens des heiligen Franziskus.

Vor einer Marienstatue in ihrem Heim, welche im Marienmonat Mai besonders liebevoll geschmückt wurde, verrichtete die Familie ihre täglichen Gebete. Franziskanerpater Stéphane-Joseph Piat setzte der Familie in seiner Monographie „Histoire d'une famille. Une école de sainteté" (Paris, 4. Auflage 1946) ein bleibendes Denkmal.[4] Eine deutsche Übersetzung des Werkes erschien im Jahre 1983.[5] Vater Martin war vom Geist des Glaubens und der Liebe geprägt, ein Mann der hilfsbereiten Nächstenliebe. Gelegentlich unternahm er Wallfahrten mit seinen Töchtern, so nach Notre-Dame des Victoires in Paris, sodann nach Chartres oder nach Lourdes.

Im Jahre 1985 erschien eine umfangreiche Biographie über ihn, in der er als „unvergleichlicher Vater" bezeichnet wurde.[6] Mutter Martin suchte in ihrer Hilfsbereitschaft die Hütten der Armen und Notleidenden auf, um dort zu helfen und zu trösten. Der gleiche französische Autor widmete auch ihr eine ausführliche Lebensgeschichte.[7] Vier ihrer Kinder starben bereits im zarten Alter, darunter zwei Knaben. Fünf weihten sich Gott im Ordensstand, vier davon im Karmel von Lisieux, nämlich Marie-Louise (1860-1940) als Sr. Marie vom Heiligen Herzen, Marie-Pauline (1861-1951) als Sr. Agnes von Jesus, Marie-Céline (1869-1959) als Sr. Geneviève vom Heiligen Antlitz,[8] und Marie-Françoise-Thérèse (1873-1897), die heilige Therese vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz, die im Jahre 1925 heilig gesprochen, 1927 zur Patronin der Weltmission und 1997 zur Kirchenlehrerin erhoben wurde.[9] Tochter Marie-Léonie (1863-1941) wurde als Sr. Françoise-Thérèse Ordensfrau bei den Heimsuchungsschwestern von Caen.

Während Maria Azélie Martin bereits im Jahre 1877 verschied, war ihrem Ehemann ein langes Leben von 88 Jahren beschieden. Auf ihrem Landsitz in La Musse starb er am 29. Juli 1894 an den Folgen eines Schlaganfalls. Die zuständige Diözese Bayeux und Lisieux, Suffraganbistum der Erzdiözese Rouen, eröffnete das Seligsprechungsverfahren. Zum Postulator wurde der Karmelitenpater Simeon von der Heiligen Familie ernannt.

Das Dekret über die Schriften erließ die römische Kongregation für die Heiligsprechungsverfahren am 1. Juli 1964, das Dekret über die zustimmende Beurteilung der übersandten Dokumente am 13. Februar 1987 sowie das Dekret über die heroischen Tugenden am 26. März 1994. Die Zeremonie der Seligsprechung fand am 19. Oktober 2008 in der Basilika Saint-Thérèse statt.

Im Zusammenhang mit der Seligsprechung des französischen Ehepaars Louis und Marie Zélie Martin erhob sich zum wiederholten Male die Frage, warum es so wenige Ehepaare gibt, die kanonisiert wurden. Als ob es keine Eheleute gäbe, die ein Vorbild waren und sogar zur Ehre der Altäre erhoben werden könnten!

Zwei Menschen also, deren Liebe niemals erloschen ist und deren Versprechen zur gegenseitigen Treue niemals gebrochen wurde; die Scheinlösungen wie "Ehe auf Probe" oder "Ehe auf Zeit" entlarvt haben, die soziale und sexuelle Treue nicht auseinanderrissen, da ihre eheliche Liebe unter dem Schwur stand: Nur Du und Du für immer. Ja, es gibt solche Ehepaare!

Die meisten von ihnen leben jedoch mit ihren Kindern im Verborgenen. Viele wehren sich, in das Rampenlicht der öffentlichen Meinung gestellt zu werden. Wer sich bemüht, die bedingungslose Liebe, die reich und stark macht, zu leben, wird nicht enttäuscht.

Selbst heute nicht. "Diese konnten es und jene, warum nicht auch ich?" (Bischof Augustinus von Hippo), auch mitten in einer sich verändernden Welt. Diesbezüglich hatte Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben Familiaris Consortio festgestellt: „Die Familie wurde in unseren Tagen - wie andere Institutionen und vielleicht noch mehr als diese - in die umfassenden, tiefgreifenden und raschen Wandlungen von Gesellschaft und Kultur hineingezogen. Viele Familien leben in dieser Situation in Treue zu den Werten, welche die Grundlage der Familie als Institution ausmachen. Andere sind ihren Aufgaben gegenüber unsicher und verwirrt oder sogar in Zweifel und fast in Unwissenscheit über die letzte Bedeutung und die Wahrheit des ehelichen und familiären Lebens."[10]

[Dieser Beitrag ist dem gleichnamingen Aufsatz in: "Anthropotes", der Zeitschrift des Päpstlichen Instituts Johannes Pauls II. für Studien über Ehe und Familie entnommen]