Heiliger Stuhl: Aufruf zur Zusammenarbeit von Christen und Muslimen

„Als religiöse Menschen sind wir alle verpflichtet, vor allem Erzieher zum Frieden zu sein“

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ROM, 29. September 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Botschaft, die der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog zum Ende des Fastenmonats Ramadan an die islamische Welt gerichtet hat.



In dem Schreiben, das gestern veröffentlicht wurde, werden Christen und Muslime aufgerufen, zum Wohl der ganzen Menschheit eng zusammenzuarbeiten.

„Die Religionsfreiheit, die sich nicht auf die einfache Kultfreiheit einschränken lässt, ist in der Tat einer der wesentlichen Aspekte der Gewissensfreiheit, die jeder Person zusteht und die der Eckpfeiler der Menschenrechte ist. Wird dies beachtet, kann eine Kultur des Friedens und der Solidarität zwischen den Menschen geschaffen werden, und alle können sich entschlossen für die Verwirklichung einer immer brüderlicheren Gesellschaft einsetzen, indem sie alles tun, was in ihrer Macht steht, um Gewalt jeglicher Art abzulehnen und um jede Zuflucht zur Gewalt anzuprangern und zurückzuweisen.“

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Liebe muslimische Freunde!

1. Es ist für mich eine besondere Freude, Ihnen zu Ihrem frohen Fest des ‘Id al-Fitr, das den während des Fasten- und Gebetsmonates Ramadan zurückgelegten Weg abschließt, die freundschaftlichen und herzlichen Wünsche des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog zu entbieten. Dieser Gang ist eine bedeutsame Zeit für das Leben der islamischen Gemeinschaft und gibt jedem neue Kraft für sein persönliches, familiäres und soziales Leben.

Es ist in der Tat wichtig, dass jeder Zeugnis gibt von der religiösen Botschaft für einen immer rechtschaffeneren und dem Plan des Schöpfers entsprechenderen Weg – in der Sorge um den Dienst an seinen Brüdern und in einer immer größeren Solidarität und Brüderlichkeit mit den Mitgliedern der anderen Religionen und mit allen Menschen guten Willens und mit dem Wunsch, sich gemeinsam für das Gemeinwohl einzusetzen.

2. In den unruhigen Zeiten, die wir erleben, haben die Mitglieder der Religionen vor allem die Pflicht, als Diener des Allmächtigen für den Frieden zu arbeiten, der über die Achtung der persönlichen und gemeinschaftlichen Überzeugungen eines jeden einzelnen als auch über die Freiheit der Religionsausübung führt. Die Religionsfreiheit, die sich nicht auf die einfache Kultfreiheit einschränken lässt, ist in der Tat einer der wesentlichen Aspekte der Gewissensfreiheit, die jeder Person zusteht und die der Eckpfeiler der Menschenrechte ist. Wird dies beachtet, kann eine Kultur des Friedens und der Solidarität zwischen den Menschen geschaffen werden, und alle können sich entschlossen für die Verwirklichung einer immer brüderlicheren Gesellschaft einsetzen, indem sie alles tun, was in ihrer Macht steht, um Gewalt jeglicher Art abzulehnen und um jede Zuflucht zur Gewalt anzuprangern und zurückzuweisen. Diese kann niemals einen religiösen Beweggrund haben; denn sie verletzt das Ebenbild Gottes im Menschen. Wir alle wissen, dass die Gewalt, besonders der Terrorismus, der blind macht und besonders unter den Unschuldigen zahlreiche Opfer fordert, unfähig ist, die Konflikte zu lösen, und nur das todbringende Räderwerk des zerstörerischen Hasses in Gang setzen kann, zum Schaden des Menschen und der Gesellschaft.

3. Als religiöse Menschen sind wir alle verpflichtet, vor allem Erzieher zum Frieden zu sein, Erzieher für die Menschenrechte, für eine Freiheit, die jeden achtet, aber auch für ein immer stärkeres soziales Leben; denn der Mensch muß sich ohne jede Diskriminierung um seine Brüder und Schwestern sorgen. Niemand darf auf Grund seiner Rasse, seiner Religion oder wegen irgendeiner anderen persönlichen Eigenart aus der nationalen Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Wir alle, Mitglieder verschiedener religiöser Traditionen, sind berufen, eine Lehre zu verbreiten, die jedes menschliche Geschöpf achtet, eine Botschaft der Liebe zwischen den Menschen und den Völkern.

Es ist insbesondere unsere Aufgabe, in diesem Geist die junge Generation zu formen, der die Welt von morgen anvertraut sein wird. Es ist zunächst Aufgabe der Familien, sodann der Personen, die in der Öffentlichkeit für die Erziehung Verantwortung tragen, und aller zivilen und religiösen Autoritäten, darauf zu achten, eine richtige Unterweisung zu bieten und jedem eine passende Erziehung auf den verschiedenen genannten Gebieten zu gewähren. Dazu gehört vor allem eine staatsbürgerliche Erziehung, die jeden Jugendlichen einlädt, seine Mitmenschen zu achten und sie als seine Brüder und Schwestern zu betrachten, mit denen er täglich zu leben hat, und zwar nicht in Gleichgültigkeit, sondern in brüderlicher Achtsamkeit. Es ist deshalb dringender denn je, der jungen Generation grundlegende menschliche, moralische und staatsbürgerliche Werte zu vermitteln, die sowohl für das persönliche wie auch das Gemeinschaftsleben unerlässlich sind. Jedes unsoziale Verhalten soll eine Gelegenheit sein, die Jugendlichen daran zu erinnern, was man von ihnen im sozialen Leben erwartet. Es ist das Gemeinwohl jeder Gesellschaft und der Welt im Ganzen, das auf dem Spiel steht.

4. In diesem Geist muß man in Betracht ziehen, wie wichtig die Fortsetzung und die Intensivierung des Dialogs zwischen Christen und Muslimen in seiner erzieherischen und kulturellen Dimension sind, damit alle Kräfte für den Dienst am Menschen und der Menschheit mobilisiert werden, damit die jungen Generationen nicht einander entgegengesetzte kulturelle und religiöse Blöcke bilden, sondern zu echt menschlichen Brüdern und Schwestern werden.

Der Dialog ist ein Instrument, das uns helfen kann, aus der endlosen Spirale der Konflikte und Spannungen herauszukommen, die unsere Gesellschaften durchziehen, damit alle Völker in Ruhe und Frieden leben können, in gegenseitiger Achtung und gutem Einvernehmen zwischen den verschiedenen Gruppen.

Um das zu ereichen, lenke ich voll Zuversicht die Aufmerksamkeit aller darauf, dass durch Begegnungen und Gedankenaustausch Christen und Muslime in gegenseitiger Achtung und im Blick auf den Frieden und eine bessere Zukunft für alle Menschen zusammenarbeiten; sie werden für die Jugend von heute ein Beispiel zum Nachfolgen und Nachahmen sein. Die Jugendlichen werden dann neues Vertrauen in das soziale Leben fassen und mehr darum bemüht sein, sich einzusetzen und an seiner Umgestaltung mitzuwirken. Die Erziehung und das Beispiel werden auch für sie zu einer Quelle der Hoffnung in die Zukunft.

5. Das ist der brennende Wunsch, den ich mit Ihnen teile: dass Christen und Muslime immer freundschaftlichere und konstruktivere Beziehungen entfalten, um ihre spezifischen Reichtümer zu teilen, und dass sie ganz besonders auf die Qualität ihres Zeugnisses als Gläubige achten!

Ich erneuere, liebe muslimische Freunde, meine herzlichen Wünsche zu Ihrem Fest und bitte den Gott des Friedens und der Barmherzigkeit, Ihnen allen gute Gesundheit, inneren Frieden und Wohlergehen zu schenken.

Jean-Louis Card. Tauran
Präsident

Erzbischof Pier Luigi Celata
Sekretär

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