Heiliger Stuhl: Die Ziele einer menschengerechten Bildungspolitik

Ansprache von Erzbischof Miller CSB beim Treffen der europäischen Bildungsminister in Istanbul

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ISTANBUL, 16. Mai 2007 (ZENIT.org).- Das Europa von morgen verlangt nach Erzbischof P. J. Michael Miller CSB eine Bildungspolitik, die die ganzheitliche Entwicklung des Menschen in den Blick nimmt und dabei das friedliche Miteinander von verschiedenen Kulturen stärkt.



Der Erzbischof führte als Sekretär der Kongregation für das Katholische Bildungswesen (für die Seminare und Studieneinrichtungen) die Delegation des Heiligen Stuhls an, die am 4. und 5. Mai an der 22. Sitzung des Ständigen Rates der europäischen Bildungsminister in Istanbul (Türkei) teilnahm. Die Begegnung konzentrierte sich auf die Rechte der Kinder und auf die Frage, wie das Erziehungswesen den Dialog zwischen den Kulturen, das gegenseitige Verständnis und den Respekt vor den jeweiligen Unterschieden fördern könne.

Das Zusammentreffen bot zudem Gelegenheit, um über die Herausforderung nachzudenken, der sich der Alte Kontinent in den kommenden Jahren zu stellen hat: im Licht einer Bildungspolitik, die auf die zunehmende Multikulturalität zu antworten vermag, ein „menschlicheres und verständnisvolleres Europa“ zu bauen.

Die Minister der 49 Signatarstaaten des Europäischen Kulturabkommens des Europarates verpflichteten sich in ihrer Abschlusserklärung dazu,
-- den Zugang für alle zu qualitativ hochwertiger Bildung und lebenslangem Lernen innerhalb einer menschlicheren und gerechteren Gesellschaft zu garantieren;

-- die aktive Beteiligung der Eltern und des zivilgesellschaftlichen Engagements aller Akteure in der Gesellschaft zu fördern, um den schulischen Erfolg der Kinder zu gewährleisten;

-- die Rechte der Kinder gemäß den europäischen und internationalen Rechtsinstrumenten zu fördern.

Erzbischof Miller hatte in seiner Ansprache darauf hingewiesen, dass diese Ziele nur dann zu erreichen sind, wenn die Gesellschaft tatsächlich imstande sei, „die Würde jeder menschliche Person zu achten“ und allen Menschen die Möglichkeit zu bieten, in den Genuss einer qualitativ hochwertigen Bildung zu gelangen.

Die Ziele einer solchen Bildung sind nach Erzbischof Miller „die geistige, moralische und geistliche Entwicklung der Auszubildenden; die Vermittlung von Werten und die Weitergabe der Kultur; die Förderung des sozialen Zusammenhalts und das Wachstum der Persönlichkeit des Auszubildenden in all seinen Dimensionen.“

Eine ganzheitliche Erziehung müsse die neuen Generationen dazu bringen, sich im Sozialbereich und im öffentlichen Leben zu engagieren, Solidarität an den Tag zu legen und die Realität kritisch zu hinterfragen.

„Eine immer menschlichere und verständnisvollere Gesellschaft hat ihre schwächsten Mitglieder schützen“, unterstrich der Kurienerzbischof. Das Interesse an den Rechten der Kinder sei diesbezüglich von großer Bedeutung.

Echte Erziehung sollte die neuen Generationen dazu veranlassen, „andere Kulturen zu achten und die Reichtümer der Geschichte und der Werte dieser Kulturen anzuerkennen“. Darüber hinaus sollte sie die Bausteine liefern, die zur Entwicklung einer „interkulturellen Sicht“ notwendig seien.

„Diese interkulturelle Sicht bedeutet in pädagogischer Hinsicht…, zusammen eine gemeinsame Zukunft aufzubauen und für Zusammenarbeit und Brüderlichkeit einzutreten“, erklärte der Vertreter des Heiligen Stuhls, der in diese Zusammenhang auf die Notwendigkeit verwies, „die ethischen Grundlagen der verschiedenen kulturellen Erfahrungen zu erforschen“.

Zum friedlichen Miteinander ist nach Worten von Erzbischof Miller auch die Stärkung und Bewahrung der eigenen Identität entscheidend, da es ansonsten leicht zu kulturellen Zersplitterung und politischer Instabilität kommen könne.

„Es ist vonnöten, dass wir klare pädagogische Ziele formulieren, die den radikalen Individualismus zu überwinden helfen“, betonte er am Ende seiner Ausführungen. Solidarität sei stärker zu fördern als Wettbewerb, Beteiligung und Annahme stärker als Vereinzelung und Gleichgültigkeit.

Keine Bildungspolitik dürfe das „Hauptziel der Erziehung“ aus dem Auge verlieren: die ganzheitliche Entfaltung der Persönlichkeit in all ihren Dimensionen, die religiöse mit eingeschlossen – im Bereich der Kenntnisse genauso wie im Bereich der Werte“.