"Heiliger Stuhl und Iran zusammen für den Frieden in der Welt" (Erster Teil)

Interview mit Mohammad Taher Rabbani, iranischer Botschafter beim Heiligen Stuhl, über interreligiösen Dialog und das Genfer Atomabkommen

Rom, (ZENIT.org) Federico Cenci | 454 klicks

Am vergangenen 24. November ging ein erleichtertes Aufatmen um die Welt. Im Verlauf einer anstrengenden nächtlichen Sitzung erreichten der Iran und die Länder der Gruppe „5+1“ (Vereinigte Staaten, Russland, China, Frankreich, Großbritannien plus Deutschland) ein Abkommen über das iranische Atomprogramm. Teheran verpflichtete sich, die Urananreicherung auf fünf Prozent zu begrenzen und den Inspektoren der IAEO Zugang zu den iranischen Atomanlagen zu ermöglichen. Im Gegenzug erhielt der Iran eine Lockerung der Sanktionen für einen Zeitraum von sechs Monaten.

Hinter einem so bedeutenden Abkommen steht selbstverständlich mehr als ein Händedruck unter Staatsoberhäuptern. Das Genfer Abkommen lässt die Gefahr eines Kriegs mit dem Iran in größere Ferne rücken. Noch vor wenigen Monaten behaupteten nicht wenige Beobachter und Experten, dass ein Angriff der Vereinigten Staaten und Israels auf den Iran in naher Zukunft unausweichlich sei, und dass es sich bei den Verhandlungen zwischen Teheran und den „5+1“ um leere akademische Diplomatie-Übungen handle.

Die Ereignisse haben diesen Pessimismus widerlegt und bewiesen, dass ein aufrichtiger Dialog auch scheinbar unüberwindliche Krisen beilegen und voneinander sehr verschiedene Kulturen näherbringen kann. Die guten diplomatischen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Islamischen Republik Iran sind ein schönes Beispiel dafür. Tatsächlich ist das diplomatische Personal des Iran das zahlenmäßig zweitgrößte unter denen, die im Vatikan akkreditiert sind.

ZENIT führte ein exklusives Interview mit dem iranischen Botschafter, Mohammad Taher Rabbani, der seine Arbeit im Vatikan im Juni 2013 aufgenommen hat. Im nachstehend veröffentlichten Interview haben wir mit ihm über das Genfer Abkommen und über interreligiösen Dialog gesprochen.

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Mit den Worten: „Drohungen können keine Früchte tragen“ hat Ihr Präsident Hassan Rohani ein historisch bedeutsames Abkommen über die Atomentwicklung des Iran unterschrieben. Können Sie uns Näheres hierüber sagen? Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste an diesem Ereignis?

Rabbani: Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen, danke ich Ihnen dafür, dass Sie uns in diesen Weihnachtstagen besucht haben. Mein Wunsch ist, dass das kommende Jahr ein Jahr des Friedens für die ganze Welt sein möge. Wie Sie wohl wissen, gehört der Iran zu den Unterzeichnern des Vertrags über die Nichtverbreitung von Kernwaffen; folglich hat unser Land ein Recht darauf, Atomenergie für friedliche Zwecke einzusetzen. Schließlich setzt dieser Vertrag der zivilen Nutzung von Kernkraft keinerlei Grenzen, wie ausdrücklich in Artikel 4 zu lesen ist. Der Iran handelt also in vollkommener Übereinstimmung mit den Richtlinien der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) und, was ich extra betonen will, in Übereinstimmung mit unseren religiösen Lehren, die den Einsatz von Atomwaffen ablehnen. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass unser oberster Führer, der Ajatollah Ali Chamene’i, 2012 ein Fatwa erlassen hat, das Herstellung, Lagerung und Einsatz von Atomwaffen verbietet. Im jüngst unterschriebenen Genfer Abkommen ist dieses Recht anerkannt worden. Nach zehnjähriger Diskussion haben die sechs Mächte der Gruppe „5+1“ also dem Iran das Recht eingeräumt, auf seinem Staatsgebiet Uran bis zu 5 Prozent anzureichern. Von der politischen Warte aus betrachtet ist dieses Abkommen für den Iran von größter Wichtigkeit, denn endlich hat die Logik des Friedensdialogs über die Logik der Gewalt und der Kriegsdrohungen gesiegt. Außerdem sieht das Abkommen eine Lockerung der Sanktionen gegen unser Land vor, zum Beispiel wird dadurch die Versicherung der Schiffe erleichtert, die Erdöl transportieren. Der Iran hat sich verpflichtet, auf sechs Monate sein Programm zur Anreicherung von Uran zu suspendieren; unsere Hoffnung ist, dass der Westen diesen Zeitraum nutzt, um dem Iran mehr Vertrauen zu geben und die internationalen Beziehungen wieder aufzunehmen. Was in Genf stattgefunden hat, ist ein Beweis dafür, dass Abkommen auf der Basis der gegenseitigen Achtung und nicht durch Sanktionen getroffen werden müssen.

Welche Folgen haben die gegen Ihr Land erlassenen Sanktionen für die Bevölkerung gehabt? In welchem Maße glauben Sie, dass die Sanktionen nach Ablauf der sechsmonatigen Frist gemindert werden können?

Rabbani: Zunächst will ich betonen, dass diese ungerechten Embargos uns zwar einerseits geschädigt, andererseits aber auch Vorteile gebracht haben. Zum Beispiel hat sich die Beziehung zwischen der Regierung und dem iranischen Volk gestärkt. Die Iraner haben mit großer Willensstärke auf diese ungerechten Sanktionen reagiert, auch wenn sie deren schwere Folgen zu tragen hatten. Ich will ein Beispiel nennen, dass der Westen, der sich als Verteidiger der Menschenrechte versteht, nicht vergessen sollte: Manche schwerkranke Menschen hatten aufgrund des Embargos keinen Zugang mehr zu Medikamenten, die für sie überlebenswichtig waren. Das große iranische Volk hat jedoch mutig für seine Rechte gekämpft; ein Beispiel hierfür sind die zahlreichen jungen Wissenschaftler, die von den Söldnern der feindlichen Staaten ermordet wurden. Diese Vorfälle haben die Iraner nicht entmutigt, wie auch die letzten Präsidentschaftswahlen bewiesen haben, an denen die allermeisten Wähler teilgenommen haben. Meine Meinung ist, dass in Zukunft ein endgültiges Abkommen erreicht werden kann und diese sechs Monate eine gute Chance darstellen, um die Frage des Atomprogramms endgültig zu lösen. Mit der Unterzeichnung eines endgültigen Abkommens nach Ablauf dieser sechs Monate müssten dann alle von der UNO auferlegten Sanktionen und auch die zusätzlich von Amerika und dem Westen beschlossenen Sanktionen aufgehoben werden.

Auf welche Weise könnten der Heilige Stuhl und Papst Franziskus diesem Friedensprozess helfen?

Rabbani: Der Heilige Stuhl, der als religiöse Instanz die katholische Kirche leitet, und seine Heiligkeit Papst Franziskus können auf der diplomatischen Ebene viel für den Frieden tun. Gerechtigkeit, Frieden und Entwicklung sind Themen, die in den Reden des Papstes genau wie in denen des Ajatollah Chamene’i eine zentrale Rolle spielen; sie beleuchten uns einen Weg der Zusammenarbeit, den ich als multilaterale religiöse Diplomatie bezeichnen würde. Schließlich bezeichnete auch der vatikanische Staatssekretär, Erzbischof Pietro Parolin, in einer Rede über die wahre Diplomatie in den Lehren der monotheistischen Religionen, Diplomatie als „die Kunst der Hoffnung“. Ich denke, dass diese Sichtweise in der Welt verbreitet werden muss, denn wir erleben heute eine kritische Situation, die nur durch eine Diplomatie, die Hoffnung bringt, entspannt werden kann. Diese Art der Diplomatie gehört auch zum politischen Programm unseres Präsidenten Rohani.

[Der zweite Teil des Interviews folgt am Dienstag, dem 24. Dezember]