"Heiliger Stuhl und Iran zusammen für den Frieden in der Welt" (Zweiter Teil)

Interview mit Mohammad Taher Rabbani, iranischer Botschafter beim Heiligen Stuhl, über interreligiösen Dialog und das Genfer Atomabkommen

Rom, (ZENIT.org) Federico Cenci | 511 klicks

Wie ist die Lage der Christen in der Islamischen Republik Iran? Welche Rechte werden ihnen zugestanden? Und wie ist, jenseits der Gesetzeslage, die wirkliche Beziehung zwischen ihnen und der muslimischen Bevölkerung?

Rabbani: Das friedliche Zusammenleben von Muslimen und Christen im Iran sollte ein Vorbild für den ganzen Nahen Osten sein. Davon zeugt auch die lange Geschichte der diplomatischen Beziehungen zum Heiligen Stuhl, die auf das 13. Jahrhundert zurückgehen und sich im ständigen politischen und diplomatischen Austausch mit Kongregationen wie den Karmeliten und den Dominikanern konkretisiert haben. Schließlich gehört es zu den Lehren unseres Glaubens, freundschaftliche Beziehungen zu den anderen beiden monotheistischen Religionen zu pflegen. Diese Tradition der Freundschaft ist auch im Grundgesetz der Islamischen Republik Iran verankert, das die Rechte der monotheistischen Religionen anerkennt und ihnen Vertreter im Parlament sichert. Auch das Regierungsprogramm unseres Präsidenten Rohani folgt dieser politischen Linie.

Alle zwei Jahre findet ein bilaterales Treffen zwischen Vertretern der Islamischen Republik Iran und dem Heiligen Stuhl statt mit dem Ziel, den interreligiösen Dialog zu fördern. Kürzlich traf der iranische Staatspräsident Hassan Rohani den Apostolischen Nuntius im Iran, Msgr. Leo Boccardi. Welche gemeinsamen Ziele wurden bisher festgelegt?

Rabbani: Im Verlauf jenes Treffens wurde erneut betont, dass der Dialog zwischen Islam und Christentum heute sehr wichtig ist. Schiiten und Katholiken müssen sich näher kennenlernen, um ihre Gemeinsamkeiten leichter finden zu können. Denn viele Missverständnisse entspringen der Unwissenheit über den Glauben der anderen. Terrorismus und Extremismus sind unsere gemeinsamen Feinde. Unser gemeinsames Ziel hingegen ist es, den Frieden zu unterstützen und die Armut zu bekämpfen, unabhängig vom Glauben und der Staatsangehörigkeit der Armen.

Welche Missverständnisse stehen Ihrer Meinung nach einem konstruktiven Dialog zwischen der muslimischen und der christlichen Welt am häufigsten im Weg?

Rabbani: Wir glauben, dass alle Propheten dasselbe Ziel verfolgten. Wenn also die Propheten friedlich zusammenleben, kann das auch für die Gläubigen kein Problem sein. Es hat in den letzten Jahren keinen Konflikt mehr zwischen Islam und Christentum gegeben; die Gewalttaten, die wir heute in manchen Gegenden des Planeten erleben, sind eher ethnischer als religiöser Natur. Zum Teil betreffen diese Konflikte auch Menschen, die sich zur selben Religion bekennen. Einige Schwierigkeiten gibt es allerdings wirklich. Die größte Hürde besteht im Vorurteil, das viele Gläubige beider Religionen gegen die Anhänger anderer Religionen haben, und das im Wesentlichen auf die Fehler zurückgeht, die manche muslimische und christliche Machthaber in der Vergangenheit gegen die Anhänger der jeweils anderen Religion begangen haben. Auch diese Konflikte haben Religion oft nur als einen Vorwand benutzt; trotzdem sind unter den Gläubigen beider Religionen Vorurteile zurückgeblieben. Als Diplomat und gläubiger Mensch denke ich jedoch, dass die führenden religiösen Autoritäten der Welt viel dazu beitragen können, den Frieden zu sichern und Diskriminierungen aufzuheben. Ein schönes Beispiel dafür, wie Gewaltlosigkeit Diskriminierungen überwinden kann, hat uns Nelson Mandela gegeben, der zwar keine religiöse Persönlichkeit war, doch viel zum Frieden in Südafrika beigetragen hat. Ich will auch daran erinnern, dass alle monotheistischen Religionen ihre Gläubigen dazu auffordern, an die Barmherzigkeit Gottes zu glauben und diese auch in der Gesellschaft umzusetzen.

Welche Herausforderungen können Islam und Christentum in der heutigen Welt gemeinsam annehmen?

Rabbani: Da könnten wir eine lange Liste aufstellen. Die wichtigste Herausforderung, die die Welt uns heute stellt, ist jedoch die Verbreitung einer Kultur des Friedens, die Kriegen vorbeugen kann. Ohne Dialog kann es keine nachhaltige Entwicklung geben. Extremismus und Gewalt sind Wunden, die wir so schnell wie möglich heilen müssen. Die religiösen Autoritäten im Islam wie im Christentum können an diesem gemeinsamen Ziel zusammenarbeiten. Ein Beispiel: Die Aufrufe für Friedensgebete von Papst Franziskus (den wir sehr schätzen) und sein diplomatischer Einsatz, um einen militärischen Eingriff in Syrien zu verhindern, können zusammen mit der Ansprache des iranischen Präsidenten Rohani auf der 86. Vollversammlung der UNO eine gemeinsame Front für den Frieden bilden, die sich denen entgegenstellt, die den Krieg wollen. Diese Zusammenarbeit kann, wenn sie weiter ausgebaut und auf die vielen religiösen Führer ausgedehnt wird, die weltweit für Frieden und Gerechtigkeit kämpfen, ein weltumspannendes Netzwerk der großen Religionen für den Frieden bilden. Mein Vorschlag ist, dass der Heilige Stuhl und die Islamische Republik Iran den ersten Kern dieser Friedensfront gründen. Eine gute Gelegenheit dazu könnte das neunte interreligiöse Treffen dieser beiden Staaten sein, das 2014 in Teheran stattfinden wird. Außerdem könnte der Iran sein politisches Gewicht nutzen, um unter den nahöstlichen Ländern ein Forum zu gründen, das auch den konstruktiven Beitrag des Heiligen Stuhls aufnehmen könnte.

[Der erste Teil des Interviews mit Mohammad Taher Rabbani erschien am Montag, dem 23. Dezember]