Heiligkeit als einziger Ausweg - Überlegungen zur Zukunft des Priesterberufs

Zeiten, in denen es der Kirche schlecht geht, zwingen zur Konzentration auf das Äußerste

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Von Klaus Berger



WÜRZBURG, 24. August 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Oft stoße ich auf Priester, die wegen der Zustände der Kirche am Ende ihrer Kräfte sind. Vor allem leiden sie unter dem erkennbaren „Verfall des Priesterberufs“ (P. Müller-Goldkuhle, Anzeiger für die Seelsorge 12/2006). „Kernproblem ist die erschreckende Wirklichkeit des beruflichen Alltags der Seelsorgspriester.“

Vor allem ist nach meinem Eindruck ein Priesterbild abhanden gekommen, das noch anziehend sein könnte, denn bis auf das Sprechen der Konsekrationsworte und die Absolution bei der Beichte sei fast alles auf Laiengremien übergegangen, könnte man denken. Das Ausgebranntsein wäre nicht entfernt so schlimm, wenn man wüsste, wozu man da ist. Ein Priester schrieb mir in diesen Tagen, er habe es satt, vertröstet zu werden. – Auch ein Fachexeget kann nur feststellen, dass in dieser historischen Situation Priestersein dreimal so schwer ist wie vor 50 Jahren. Der Priester muss mit seiner ganzen Existenz alle evangelischen Räte auf einmal darstellen, in großer Einsamkeit und allein auf sich gestellt, ohne Zeit, sich geistlich oder theologisch zu erholen oder fortzubilden. Auch ein Professor kann das nur stellvertretend tun oder anbieten, aneignen müssten es sich schon die Priester selbst. Dass sie dazu keine Zeit haben, ist mir deutlich. Dass unter dieser Situation auch die Kirche im Ganzen schwer zu leiden hat, ist auch klar. Auf Dauer wird der katholische Glaube aus diesem Grund in unserem Land erheblich zurückgehen. Mit Vertretern der katholischen Kirche rechnen die anderen Konfessionen „wegen Priestermangel“ oft schon gar nicht mehr

Hat das Priesterbild Zukunft? Und wenn ja: Welche?

Keine Aussage zu dieser Frage darf auf Kosten der Christlichkeit oder der Christusverbundenheit von Laien überhaupt oder kirchlichen Mitarbeitern im Besonderen gehen. Diese dürfen nicht abgewertet werden.

Der Priester ist als Priester nicht näher zu Gott. Häufig hören wir diese Unterstellung von unseren evangelischen Freunden. Der Priester soll näher zu den Menschen sein. Er soll ein Zeichen für die Menschen sein.

Die verbreitete Rede vom allgemeinen Priestertum hat zur Verunklarung des Priesterberufs geführt. Beides hat gar nichts miteinander zu tun. Denn das allgemeine Priestertum gibt es in der Bibel nur als „Könige und Priester“, und das ist eine bildliche Bezeichnung ganz Israels im Unterschied zu den Heiden. Im Hebräischen steht dort das Wort „kohen“, beziehungsweise griechisch hiereus – antike Tempelpriester. Das katholische Weihepriestertum dagegen kommt von presbyteros, und das sind geweihte Älteste.

Die Unklarheit über die Rolle des Priesters hängt direkt zusammen mit der Unsicherheit in der Rolle Jesu Christi. Ist Jesus wirklich Mitte und Haupt der Kirche? Was würde sich ändern, wenn Jesus das nicht wäre? Der katholische Priester ist und war im Wesentlichen Abbild seines Herrn. – Auch die Unsicherheiten bezüglich des Frauenpriestertums sind nicht nur Symptome einer Krise, dass man auch sonst nicht mehr zwischen Frau und Mann unterscheiden kann (seitdem die Rolle der Frau als Mutter ausfällt), es ist auch eine christologische Krise.

Askese ist nicht Undankbarkeit gegenüber dem Schöpfer, sondern Ankündigung dessen, dass es mehr gibt als Familie und Nachkommen, nämlich zweite, neue Schöpfung.

Wenn es zutrifft, dass Zölibat der sozialste Beruf ist, den es gibt, weil hier einer zum Zeichen für alle wird, dann hängt das auch mit der Dimension des Opfers zusammen. Denn Verzicht zur Ehre Gottes und zugunsten der Menschen nennt man im Sinne der Bibel Opfer. Das ist nichts Sinnloses, sondern jede sichtbare Anerkennung Gottes. Das Lebensopfer des Priesters verhält sich zum Opfer Christi wie der Wassertropfen im Wein. Zu lange wurde nur das stellvertretende Opfer Christi betont, mit der Konsequenz, dass die Christen meinten, eine leidensfreie Existenz führen zu können.

Im Folgenden werden wir nochmals den Zölibat in vergleichbar radikale Ansätze des Neuen Testaments hineinstellen und dieses im Blick auf die Zukunft des Priesteramts bedenken. Das sind die Kategorien „Heiligkeit“ und „Martyrium“.

Heiligkeit: Welche Zeiten der Kirchengeschichte waren eigentlich nicht schwierig? In allen Zeiten kam es nur auf eines an: Wir brauchen Heilige. Die Situation der Priester lässt keine andere Wahl als den einen Ausweg: Heiligkeit. Zeiten, in denen es der Kirche schlecht geht, zwingen zur Konzentration auf das Äußerste. – Die Dimension des Heiligen vor allem ist in den letzten 40 Jahren in der Kirche verloren gegangen. Man sieht es an vielen Einzelheiten der Messfeier: Kommunionausteiler im Straßenanzug, Platzierung der Tabernakel in einer Seitennische, Verlust der Kniebeuge. – Bei Priestern: Verzicht auf Priesterkleidung, „um den Leuten näher zu sein“. Heiligkeit meint gerade die Distanz.

Mit dem Verzicht auf sinnfällige Darstellung der Heiligkeit verschwindet das Berufsmerkmal Radikalität. In Weish 2 wird über den verfolgten Gerechten von Seiten seiner Gegner gesagt: „Schon sein bloßer Anblick machte uns ein schlechtes Gewissen.“ Wenn man das positiv umdreht, könnte man sagen: Der Anblick des Zölibatärs soll sicherlich nicht ein schlechtes Gewissen machen, aber er soll erinnern an Sinn und Ziel, an die bleibend nur unvollständig erfüllte Sehnsucht der Menschen, der Verheirateten und der geistlich ehelos Lebenden.

Der Priester ist dazu berufen, im umfassenden Sinn ein lebendiges Stück Anschauung für christliche Existenz zu sein (ich rede absichtlich nicht von Vorbild), ähnlich wie es gegenüber den sesshaften Christen des Anfangs (die es immer gab) die wandernden Boten des Glaubens waren. Der Priester ist im besonderen Sinn der Erbe der Wandercharismatiker des Anfangs.

Dabei ist das Wandern nicht unbedingt wörtlich zu nehmen. Das ist übrigens eine Antwort darauf, warum in den drei ersten Evangelien die Wandercharismatiker, die „alles aufgaben“, in der Nähe Jesu dargestellt werden – und nicht die sesshaften Christen, die es zur Zeit der Evangelisten jedenfalls sicher auch schon gab, allein schon deshalb, weil jemand die wandernden Glaubensboten aufnehmen und verpflegen musste. Nein, diese alltäglicheren Christen werden kaum erwähnt. Die Apostel in der Nachfolge Jesu waren das Bild, das Orientierung gab. Insofern verstehen die Evangelisten sehr viel von medialer Vermittlung.

Martyrium: Der geistlich ehelos Lebende steht mit einem sehr erheblichen Teil seines Lebens für die Botschaft ein, die er verkündet.

Paulus spricht in den Peristasenkatalogen seiner Briefe, das heißt dort, wo er schildert, was ihm alles angetan wird oder widerfährt, wesentlich von seinem eigenen Amt. Damit leistet er einen wichtigen Beitrag zur Frage, ob Kirche und apostolisches Amt als Vermittlung zur Erlösung und Versöhnung notwendig seien. In der protestantischen Theologie herrscht gegenwärtig tendenziell die Meinung, diese Mittlerschaft sei unnötig, ja ihre Annahme gefährlich. Immer wieder wird die Meinung vertreten, bei den Katholiken schiebe sich „die Kirche“ ohne Recht zwischen Gott und Menschen. Es genüge allein der Glaube an Gottes Heilswirken. Doch hier in 2 Kor 5 heißt es ausdrücklich: „So stehe ich als Gesandter im Dienst Jesu, des Messias. Es ist, wie wenn Gott durch mich die Menschen dazu auffordert: ,Lasst euch mit mir versöhnen. Darum bitte ich euch anstelle Jesu Christi.‘ – Und in 6, 1 wird Paulus fortfahren: „Als Apostel wirke ich mit Jesus zusammen und fordere euch auf: Lasst Gottes Gnadengeschenk nicht vergebens sein.“ So kann man sagen: Ohne Jesus keine Erlösung, doch ohne den Apostel gelangt sie nicht zu den Menschen; der Apostel steht dabei für die „Kirche“. Jeder Versuch, das eine gegen das andere auszuspielen, ist absurd. Beides kann nur zugleich gewollt sein. Denn die herrlichste Erlösung könnte umsonst sein, wenn sie nicht durch den Dienst des Apostels angenommen und zur umfassenden Versöhnung wird. Denn eine Erlösung, die nicht zu den Menschen gelangen kann, ist nicht vorstellbar, weil sie angenommen werden muss. Denn wir werden zwar ohne unsere Zustimmung geschaffen und geboren, aber nicht ohne Zustimmung erlöst und versöhnt. Das heißt: Der apostolische Dienst ist wirklich im umfassenden Sinne notwendig. Es ist freilich „Dienst“, der Apostel oder die Kirche leistet ihn nicht zur Selbstverherrlichung.

Meine priesterlichen Freunde, besonders die in Norddeutschland, schildern nicht nur immer wieder, wie sie aufgerieben werden, weil sie nur noch so wenige sind, sie sind im strengen Sinne auch physisch die Opfer ihres Berufes, wovon dann die allzu früh eintreffenden Todesanzeigen sprechen. Diese Priester sind die ersten unter den Opfern, die die Orientierung einer ganzen Gesellschaft „am Evangelium vorbei“ fordert. Weder Schule noch Familien noch Medien fördern oder fordern die priesterliche Existenz.

Es ist, als müssten die wenigen verbliebenen Priester durch ihr Verschlissenwerden für die umfassende Libertinage der gesamten westlichen Gesellschaft sehr konkret büßen und all das an ihrem Leib ertragen, was die anderen sich an Luxus und Unrecht, an gewollter Kinderlosigkeit und Ausbeutung leisten. Man sollte der Gesellschaft sagen, wer zuallererst die Zeche für die Laxheit aller zu zahlen hat. Der Priesterberuf ist eine konkrete Märtyrerexistenz, darauf sollte man die Kandidaten vorbereiten.

Und das ist nochmals eine Frage der Liebe, wenn auch in deutlich mit Bitterkeit angereichertem Sinn. Aber es bleibt kein Weg als dieser: In einer Ausbildung zum „Großstadteremiten“ und Märtyrer – was sollte man da anderes lernen als: „Ich sage zum Herrn, mein Gott bist du; mein ganzes Glück bist du allein.“ Kein Mensch, insbesondere kein Laie, hat das Recht, hier etwas zu ermäßigen.

Reinhold Schneiders „Nur den Betern kann es noch gelingen“ müsste abgewandelt lauten: Ohne heiligmäßige Priester geht die Kirche zu Boden. (...)

Nur für Mönche? Nun steht der Einwand im Raum, das Dargestellte möge für Ordensgeistliche gelten, aber nicht für Weltpriester. Dagegen: Jesus lebt mit seinem Zölibat nicht im Kloster, sondern unter den Menschen, zu denen er redet und mit denen er feiert. Der Grund ist ganz einfach: Gerade im Kontrast zu den normal Verehelichten kommt der Zeichencharakter seiner Existenz erst richtig zur Geltung. Im Unterschied zu Eheleuten wird das Zeichen greifbar, dort wird es gebraucht, und zwar als lebendiger Hinweis auf die absolute Vorherrschaft der Hoffnung in der Botschaft Jesu. Dieses ist auch der Grund dafür, dass diese Tradition in den letzten Jahrhunderten nie richtig entdeckt wurde: Weil die kirchliche Verkündigung zu wenig vom kommenden Reich und zu viel von Tagespolitik erfüllt war. Und nochmals: Es geht um eine Rede von der Zukunft, die an einem überwältigend positiven Bild ausgerichtet ist, an der künftigen Hochzeitsfeier.

Zölibat ist ein gelebtes Zeichen der Botschaft

Das könnte Auswirkungen auf die Theologie im Ganzen haben. Verzagtheit und Kleinkariertheit kommen daher, dass man immer Angst hat, als reaktionär im Sinne der Orientierung an der Vergangenheit zu gelten. Noch schlimmer ist es, nur an das Heute zu denken. Es fehlen die kühnen Entwürfe, zum Beispiel als Geschichtstheologie. Darin lässt sich der Zölibat ganz anders einordnen als in der Beschränkung auf das, was heute modern ist. – Also Zölibat gerade deshalb, weil Verkündigung grundsätzlich zukunftsorientiert sein soll, wenn sie Jesus treu bleibt. Und weil Zölibat ein gelebtes Zeichen der Botschaft ist: Seit wann ist der Weltpriester in Differenz zum Ordenspriester nicht dazu berufen, Zeichen zu sein?

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die säuberliche Trennung zwischen Welt- und Ordenspriester nicht immer angebracht ist. Nicht wenige junge Theologen haben Angst vor dem kleinstbürgerlichen Milieu vieler Pfarrhäuser, die häufig in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts steckengeblieben sind. Oft sind Pfarrwohnungen eine Kombination aus Kloster und Kleine-Leute-Milieu, wobei die Nachteile sich treffen und ergänzen. Manche Klöster praktizieren das so: Ab Laudes bis kurz vor der Vesper Seelsorger; abends, nachts und morgens Mönch. Die Isolation und Zerrissenheit der Weltgeistlichen wäre so durch die beschützende Heimat Kloster aufgehoben. Ich verstehe diese Argumente nicht in erster Linie praktisch, sondern gehe aus von den Nöten und Zwängen notleidender Priester.

Denn der Weltgeistliche kann den Zölibat auch begreifen als Faktor der Verkündigung. Wenn deutlich wird, dass man so lebt, um an Jesus zu erinnern. Zölibat ist nicht ein asketisches Mittel zur Bekämpfung der Triebe oder eine Verurteilung zu trostloser Einsamkeit mit Pfarrhausbewohnern vor dem Fernseher.

Ich meine nicht neue Zwänge, sondern ein ungebrochenes, in sich stimmiges Zeichen. Der zölibatär lebende Priester ist freigestellt zur glaubwürdigen Demonstration der großen Liebe. Und damit niemand Angst bekommt: Man bemerkt sie nur an Kleinigkeiten, wie jede Liebe.

[„Die Tagespost" druckt exklusiv vorab Auszüge des neuen Buches von Klaus Berger „Zölibat. Eine theologische Begründung“ (106 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-7462-2689-7, 6,50 €) das in wenigen Tagen im Leipziger St. Benno-Verlag erscheint. Mehr Informationen unter www.st-benno.de; © Die Tagespost vom 22. August 2009]